Aus Armenien berichtet Benjamin Bidder
Bauer Gagik Awetisjan wartet auf den alten Feind, er ersehnt sein Kommen: die Ankunft der Türken. Der 58-jährige Bauer lebt in dem kleinen armenischen Städtchen Markara, im Schatten der Grenze zur Türkei. Wenn Awetisjan bei der Salaternte aufblickt, versperren ihm Stacheldraht und Wachtürme den Blick gen Westen: Hinter seinen Gemüsebeeten ist der Eiserne Vorhang nie gefallen.
Wie zu Zeiten der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik sichern in Markara, 60 Kilometer südlich der armenischen Hauptstadt Eriwan, noch heute russische Truppen die Grenze zum Nato-Mitglied Türkei. "Ehre, Pflichterfüllung, Vaterland", die Losung von Moskaus Grenztruppen steht in kyrillischen Buchstaben über dem Tor der Kasernen gegenüber des Hauses von Bauer Gagik.
"Natürlich danken wir unseren russischen Brüdern für ihren Schutz", sagt Gagik, "aber wir wünschen uns die Öffnung der Schlagbäume." Dann kämen Transitverkehr, Handel und Arbeit nach Markara. "Die Türken und wir könnten Geschäfte machen, wir sind doch Nachbarn."
Awetisjan, die Haut gegerbt von der Arbeit im Freien und die Hände schwarz von der Erde seines kleinen Ackers, hat Elektriker gelernt. Doch es gibt keine Arbeit in Markara. Deshalb verkauft er Kartoffeln, Zwiebeln und Obst aus eigenem Anbau auf dem Markt, deshalb zieht es seine Kinder ins ferne Russland: Der Sohn verdingt sich als Gastarbeiter in Wolgograd, die Tochter studiert in St. Petersburg.
Armenien ist arm. Die Wirtschaftskrise hat das Land schwer getroffen, 2009 schrumpfte die Wirtschaft um 14,4 Prozent. In der Hauptstadt Eriwan ragen nackte Rohbauten in den Himmel, in der Krise ist den Bauherren das Geld ausgegangen. Allein die Zuwendungen von Millionen im Ausland lebenden Armeniern sind um ein Viertel gesunken, die Überweisungen der Diaspora machen rund ein Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes aus.
"Fußballdiplomatie" sollte die Wende bringen
Armenien mit seinen drei Millionen Einwohnern leidet unter seiner extremen Isolation. Der Binnenstaat von der Größe Brandenburgs liegt eingekesselt im Kaukasus, umgeben von feindlich gesinnten Nachbarn: der Türkei im Westen und Aserbaidschan im Osten.
Staatschef Sersch Sargsjan hat deshalb eine vorsichtige Annäherung an die Türkei gewagt: 2008 lud er seinen türkischen Amtskollegen Abdullah Gül zu einem Fußballspiel nach Armenien ein, als die Nationalmannschaften beider Länder in Eriwan um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2010 kämpften. Im April 2009 verkündeten beide Seiten dann, sie seien übereingekommen, die Normalisierung der politischen Beziehungen anzustreben: Am Ende der "Fußballdiplomatie" sollte die Öffnung der Grenzen stehen.
"Wir wollten die Feindschaft durchbrechen", sagte Präsident Sargsjan jüngst im Interview mit dem SPIEGEL. Sargsjan suchte einen politischen Erfolg. Seiner Wahl waren 2008 Massenproteste und blutige Zusammenstöße von Demonstranten und Staatsgewalt gefolgt, mehrere Menschen starben. Sargsjan wollte die außenpolitische Blockade Armeniens sprengen, es wäre auch für ihn persönlich ein Befreiungsschlag gewesen. 80 Prozent der rund 1000 armenischen Grenzkilometer sind heute geschlossen.
Vor zwanzig Jahren hat Armenien mit seinem östlichen Nachbarn Aserbaidschan einen blutigen Krieg ausgefochten, es ging um die Kontrolle von Berg-Karabach, einer Region, mehrheitlich von Armeniern bewohnt, die jedoch von Aserbaidschan beansprucht wurde. Wegen des Krieges schloss damals auch Bakus Mentor Türkei die Grenzen zu Armenien. Einzig die Überlandverbindungen über Georgien im Norden und Iran im Süden sind heute für Armenier passierbar.
Doch wie verletzlich diese Lebensadern sind, mussten die Armenier im August 2008 schmerzlich erfahren. Damals erreichten das Land wochenlang keine Lieferungen der wichtigsten Handelspartner Russland und Europa - weil Tiflis und Moskau im Norden Krieg miteinander führten. Der Warenaustausch mit dem Nachbarn Türkei ist bis heute spärlich. Nur selten finden Sattelschlepper mit türkischem Kennzeichen den Weg über die staubigen Kaukasuspässe Georgiens bis zum Eriwaner Zollterminal Dsjunik: Armenien handelt weit mehr mit dem fernen China als mit dem verfeindeten Nachbarn im Westen.
Dabei dürfte es auf absehbare Zeit bleiben, Sargsjans Initiative steht vor dem Scheitern.
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um nicht ganz den geschichtlichen hintergrund zu vergessen/verdrengen muss erwaehnt werden das das heutige Istambul auf Konstantinopel steht, die hauptstadt des byzantinischen reiches (gegruendet 1500 jahre vor der eroberung [...] mehr...
Das was Sie Vorfälle nennen, war der Versuch der Aserbeidschaner ihr "Armenierproblem" nach türkischen Vorbild zu "lösen" Die Armenier haben nur diesmal nicht mitgemacht. Wahrscheinlich haben die sich das [...] mehr...
wie weit zurück wollen Sie eigentlich gehen, was ist legitim? Dann sind Sie sicher auch dafür, dass alle Europäer sich aus Amerika zurück ziehen, wie stellen Sie sich das vor? Zumal die meisten illegalen Armenier leben in [...] mehr...
euronews: “Kommen wir auf die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern zurück. Wenn diese Frage eine herausragende Bedeutung für die Armenier sowohl im Lande als auch in der Diaspora hat, können Sie uns bitte sagen, warum die [...] mehr...
[QUOTE=europe123;5402006] Zu 1: Es spielt überhaupt gar keien Rolle, wer wann, wo gelebt hat. Fakt ist, das Gebiet ist HEUTE Territorium der Republik Türkei. Wer nicht Staatsbürger ist, ist ein Ausländer, wer keine gültigen [...] mehr...
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