Der junge Mann steht an einer Straßenkreuzung, der Krückstock reicht ihm bis unter den Arm. Ihm fehlt das rechte Bein. Männer wie ihn sieht man an vielen Straßenecken in Kabul, ohne Beine, ohne Arme, ohne Perspektive. Es sind Kriegsversehrte, Minenopfer, Veteranen, Männer, die immerhin noch Almosen sammeln können. Seit 30 Jahren dauert die Gewalt in Afghanistan an. Wie viele menschliche Wracks gibt es wohl, die sich gar nicht mehr nach draußen wagen, nicht einmal als Bettler?
Der Westen hat den Menschen in Afghanistan versprochen, zu helfen: Man werde die Taliban besiegen und dem Land Stabilität und Sicherheit bringen. Ist dieses Versprechen vergessen? Weshalb diskutiert man ausgerechnet jetzt, wo die einst besiegt geglaubten Taliban erstarkt sind, über eine "Abzugsstrategie"? Die Lösung "Raus aus Afghanistan, sofort!" mag die pazifistische Seele in der deutschen Heimat streicheln - aber für die Menschen in Afghanistan, um die es einst ging und die man nie gefragt hat, ob sie die Hilfe, den Einmarsch, den Krieg überhaupt wollten, wäre das eine Katastrophe.
Denn das Machtvakuum würde sofort von den Extremisten gefüllt. Es gäbe wieder Bürgerkrieg, am Ende stünden die Taliban als Sieger da. Sie haben noch nie gezögert, jeden zu töten, den sie als Feind ausmachen. Sollten die Alliierten sich aus Afghanistan zurückziehen, dann Gnade all denen, die den westlichen Truppen auch nur eine Flasche Wasser verkauft haben.
Leichen auf den Straßen als Warnung
Nur ein Beispiel zur Erinnerung: Als die Taliban im August 1998 die nordafghanische Stadt Masar-i-Scharif einnahmen, dauerte das Massaker drei Tage. Nach vorsichtigen Schätzungen wurden etwa 2000 Menschen getötet, überwiegend schiitische Hazaras. Ein Uno-Mitarbeiter beschrieb das so: "Manche wurden auf der Straße erschossen. Viele wurden in ihren eigenen Häusern hingerichtet, nachdem jene Stadtteile, die bekanntlich von ihnen bewohnt wurden, abgeriegelt und durchsucht worden waren. Manche wurden zu Tode gekocht oder erstickten, nachdem sie in Metallcontainer gedrängt und eingesperrt wurden, die dann in der heißen Augustsonne standen."
Die Leichen wurden liegengelassen - als Warnung an alle, sich nicht gegen die Taliban zu stellen.
Die Frage ist nicht, ob man für oder gegen Krieg ist. Auch nicht, ob man Kriege in der Ferne führen sollte, damit sie nicht in die Nähe kommen. Es geht nicht um westlichen Kulturexport, nicht darum, die Frauen von der Burka zu befreien oder den Drogenanbau zu stoppen, und nur am Rande geht es um Demokratie und Menschenrechte - denn dann müsste man auch in ein Dutzend anderer Länder einfallen. Es geht darum, einem Land zu dem Frieden zu verhelfen, der ihm genommen wurde: einst von den Briten, später von den Sowjets, den Warlords, den Taliban.
In Afghanistan stehen sich viele Ethnien feindselig gegenüber. Es ist ein zerstörtes Land, zerfressen von Korruption. Aber es ist nicht hoffnungslos, ein Frieden ist möglich: Afghanistan war nach dem dritten anglo-afghanischen Krieg 1919 bis zur Machtübernahme der Kommunisten 1978 eines der friedlichsten Länder Asiens. Als beispielsweise 1971 das Nachbarland Pakistan einen Krieg gegen Indien führte (es ging um Ostpakistan, das aus diesem Krieg als unabhängiges Bangladesch hervorging), schickten viele Botschaften, auch die deutsche, ihre Diplomaten und deren Angehörigen zur Sicherheit nach Kabul.
So kompliziert das Gebilde Afghanistan ist, so schwierig ist eine einfache Lösung. Die westlichen Alliierten, allen voran die USA und im Gefolge Deutschland, sind in das Land einmarschiert, ohne eine Strategie oder einen Plan zu haben - außer die Taliban zu vertreiben, die nicht nur die Macht im Land übernommen hatten, sondern Gastgeber von Qaida-Terroristen waren. Als Reaktion auf die Anschläge in den USA am 11. September 2001 folgte eine überhastete militärische Reaktion unter Missachtung von Völkerrecht. Die Vereinten Nationen legitimierten den Einsatz erst nachträglich.
Versprechen halten!
Der militärische Weg allein nutzt wenig. Die wichtigere, stärkere Komponente muss der zivile Wiederaufbau sein - und da ist Deutschland, das bei vielen Afghanen immer noch einen guten Ruf genießt, durchaus Vorreiter. Im Bildungswesen tragen die deutschen Bemühungen Früchte.
Was die Bundeswehr in Afghanistan treibt, ist Entwicklungshilfe mit der Waffe in der Hand. Das mag man belächeln oder kritisieren, aber der Kurs ist im Kern richtig: Infrastruktur aufbauen und gleichzeitig Radikale bekämpfen. Über den schmutzigen Teil des Krieges spricht die Bundesregierung nicht gern, aber neben den Wiederaufbauteams sind natürlich auch Spezialkräfte am Werk, die den Taliban zu Leibe rücken.
Es ist auch eine moralische Verpflichtung, die Sache zu einem guten Ende zu bringen. Eine Frage der außenpolitischen Glaubwürdigkeit. Ein jetziger Rückzug bedeutete: Man ist einmarschiert, hat acht Jahre lang mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht - und lässt die Afghanen die Folgen der Fehler alleine ausbaden. Welche künftigen Gefahren drohen der Welt von einem derart gedemütigten, zerstörten und sich selbst überlassenen Afghanistan?
Endlich hat die Nato eine plausible Strategie, die Afghanistan helfen kann. Endlich hat Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Regierungserklärung zu Afghanistan abgegeben, die sie besser ein paar Jahre früher präsentiert hätte. Und endlich weicht in der politischen Sprache das Verdruckste dem Wahrhaftigen, ohne zu heroisieren.
In Afghanistan machen sich die Menschen Mut mit dem Spruch, dass selbst zum Gipfel des höchsten Berges ein Weg führt. Man sollte sie diesen Weg nicht alleine gehen lassen.
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Natürlich gibt es den OBL schon längst nicht mehr. Aber er wird weiter von beiden Seiten als Symbolfigur benötigt. Für die eine Seite wird er als Feindbild benötigt und für die andere Seite als symbolischer und heldenhafter [...] mehr...
NIX-mus ! Vernunft ist immer das eine Ufer, wo die Schwachen stehen, der Starke kennt weder Vernunft noch Moral, sei vernünftig: sagt die Mama/ Papa zum Sprössling, wenn er nicht so will, wie sie ! mehr...
Was aber vernünftig ist wurde aber nie klar und deutlich gesagt.Für die einen war es Rassismus und für die anderen Humanismus."Zum Glück" haben wir heute den Nihilismus. mehr...
Dieses Statement scheint nur bedingt zuzutreffen, denn es gab schon nach dem eigenen Verständnis der damaligen Staatsdenker im antiken Griechenland so etwas wie „Demokratie“, wie man auch heute im Mutterland der ältesten [...] mehr...
nato hat afghanistan im griff , die taliban sind auf dem rückzug : "Under relentless siege by Taliban insurgents, the crucial road that links the country’s most important cities, Kabul and Kandahar, has become one of the [...] mehr...
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