Aus Monrovia berichtet Horand Knaup
Moses B. Youlu trägt Polohemd und Nadelstreifenhose. In der Rechten ein Taschenradio, in der Linken die Bibel. Die hat er immer bei sich, wenn er seinen Rundgang macht. Moses ist 56 und wartet. Auf Besucher, auf Investoren, auf einen Job und ein besseres Leben. Seit 20 Jahren schon. Da hilft manchmal nur noch die Bibel.
Moses Youlu bewacht das Intercontinental Hotel von Monrovia, der Hauptstadt Liberias. Eigentlich schützt das Interconti eher ihn. Denn im Keller des Hauses hat er einen sicheren Unterschlupf für sich und seine Familie gefunden. Aber so würde das Moses nie sehen.
Fünf stolze Sterne hatte das Hotel einst. Es steht auf dem höchsten Punkt Monrovias, dem Ducor Hill, und es war Magnet für die Hautevolee von ganz Westafrika. Es hatte einen großen Pool, Tennisplätze, ein Konferenzzentrum - und einen wunderbaren Blick über das Meer. Am Bassin wurden Hummer und Ananas serviert, Champagner und französischer Cognac.
Es war das erste Haus in der Stadt, das vornehmste im Land und eines der bekanntesten auf dem Kontinent.
Heute bewacht der selbstberufene Wachmann Moses eine Ruine.
Denn das Interconti von einst gibt es nicht mehr. Das Interconti von heute ist ausgeräumt, geplündert, verlassen. Kein einziges Fenster mehr, keine Tür, keine Tapete - stattdessen rottet im Becken des ehemaligen Swimmingpools der Müll.
Liberia sei anders, dachte man
Viele warten in Liberia wie Moses. Auf einen Job, auf eine glückliche Fügung, auf Hilfe aus dem Ausland. Und im Grunde steht das Haus, das Moses angeblich bewacht, für den Auf- und Niedergang eines ganzen Landes. Fertiggestellt wurde es 1967, als Liberia noch blühte. Als das Land noch Nahrungsmittel und Eisenerz exportierte, Tausende von Reedern sich in Monrovia registrieren ließen und die Gummiplantagen von Firestone die halbe Welt belieferten. Liberia sei anders, dachte man. Gegründet 1822 von den Nachfahren amerikanischer Sklaven, war es eines der ältesten unabhängigen Länder Afrikas. Und es war politisch lange vergleichsweise stabil.
Es war die Zeit, als es auch Moses noch gut ging. Er besuchte die Oberschule, er studierte Elektrotechnik. Doch als er das Studium abschloss, es war 1976, strahlte Liberias Stern schon nicht mehr ganz so hell. Moses bekam keinen Job als Elektrotechniker, nur noch einen als Kellner. Im Interconti. Nach einem Jahr wurde er Zeitnehmer fürs Personal, 1980 wechselte er in die Wachmannschaft. Ein beruflicher Aufstieg war das nicht, aber immerhin hatte er einen Job und konnte seine Familie ernähren.
Moses sah all die afrikanischen Koryphäen, die einst als Freiheitskämpfer begonnen hatten und später zu Despoten mutierten, durch die Lobby spazieren. Er sah den Ugander Idi Amin, den Libyer Muammar al-Gaddafi, den Simbabwer Robert Mugabe und dessen Kampfgefährten Joshua Nkomo. Der afrikanische Gipfel fand 1979 in Monrovia statt, und alle Staatschefs schlüpften im Interconti unter. Sie waren, wie Mugabe, gefeiert, wie Amin, gefürchtet - und manche, wie Nkomo, auch bald gefeuert.
Hummer und Berge von Früchten
Moses kramt einen Prospekt aus jener Zeit hervor, ein bisschen angegilbt, ein bisschen zerfleddert. Er hat ihn selbst für teures Geld laminieren lassen, mit Bildern von dem wunderbaren Ausblick aufs Meer, von Hummern und Bergen von Früchten am Pool, Fotos von plüschigen Suiten und von Bar und Disco im Dachgeschoss. Plastinierte Erinnerung. Den Blick aufs Meer gibt es immer noch, Hummer, Suiten und Plüsch nicht mehr.
Und trotzdem ist Moses stolz auf das Haus, das auch sein Haus ist. Noch heute, 25 Jahre später, kann er die Details herunterspulen. Sieben Stockwerke, drei Restaurants, 179 Zimmer, das Einzelzimmer 55 Dollar, das Doppelzimmer 88, die Suite 125, Steuer exklusive. Und so wacht Moses nicht nur über eine Ruine, er ist gewissermaßen auch Erbwalter eines Monuments, das einmal der Stolz der Stadt war.
Doch dann, Ende der achtziger Jahre, brach der Bürgerkrieg aus in Liberia, die Warlords Charles Taylor und Prince Johnson marschierten auf Monrovia zu und verwandelten eines der wohlhabendsten Länder Afrikas in ein Schlachthaus. Hunderttausende kamen ums Leben.
Eine Handvoll Journalisten seien im Juli 1990 die letzten Gäste gewesen, sagt Moses. Als die Kugeln im Hotel einschlugen, flüchteten sie in die nahe US-Botschaft.
Danach zogen Flüchtlinge ein, die sich zu Zehntausenden nach Monrovia durchgeschlagen hatten. 2001 ließ sich Taylors gefürchtete Anti-Terror-Einheit in den Gemächern nieder. Als ihr Anführer Ende 2003 aus Liberia flüchtete, türmten auch seine Leute - nicht ohne das Hotel restlos zu plündern. Es blieb nichts zurück, kein Regal, keine Lampe, keine Toilettenschüssel. Selbst die Aufzugschächte sind heute leer.
Kaum war wieder Frieden in Liberia, entstanden die ersten Pläne für den Ducor-Hügel. Italienische Architekten entwarfen Skizzen für eine Komplettsanierung. Ein libysches Konsortium erwarb 75 Prozent der Anteile. Vor zwei Jahren, beim Besuch der liberianischen Präsidentin in Libyen, versicherte Gaddafi noch einmal, man werde das Haus wieder herrichten.
Ein Hauch von kaltem Krieg und großer Politik
Doch bisher ist gar nichts hergerichtet. Stattdessen weht ein Hauch von kaltem Krieg und großer Politik durch Monrovia. Es gibt das Gerücht, die Amerikaner blockierten die Sanierung. Ihre Botschaft liegt in Rufweite direkt unter der Hotelruine. Es ist wohl mehr als ein Gerücht. Ein libysches Hotel am höchsten Punkt der Stadt, direkt über einer amerikanischen Botschaft? Undenkbar, nicht nur in Liberia. Man muss wissen, dass die US-Botschafterin in Monrovia so ziemlich die zweitwichtigste Person nach der Präsidentin ist. Ohne die direkten und indirekten amerikanischen Hilfen ginge nichts in Liberia.
Vor gut zwei Jahren kam auch Weltbank-Präsident Bob Zoellick nach Monrovia. Er ließ sich Pläne und Entwürfe zeigen, erörterte, was aus dem Hotel einmal werden könnte. Die Libyer steckten Moses in eine weiße Livree. Ein Zeitungsausschnitt zeigt ihn neben Zoellick mit einem der Pläne in der Hand.
Kaum hatte der Banker den Ducor-Hügel verlassen, musste Moses die Uniform wieder ausziehen. Auch die Lohnzahlungen hätten die Libyer bald danach eingestellt, sagt er. Aber ganz abgeschrieben hat er sie noch nicht.
"Wenn sie endlich anfangen, bin ich der Erste, der einen Job bekommt", sagt er, "das haben sie mir versprochen."
Es spricht nicht viel dafür, dass die Libyer ihr Versprechen werden einlösen müssen.
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ich gehe mal davon aus, dass Sie weiß sind und somit nicht zu denen gehört haben die unter diesem System gelitten haben, das wäre ungefähr als ob Sie als Amerikaner sagen gut wir hatten Sklaven dafür war die Baumwolle billiger und [...] mehr...
Ich verstehe nicht ganz was die Vorgänge in Liberia mit den Problemen des Euro gemein haben? In fast allen afrikanischen Ländern ist quasi der Dollar das Zahlungsmittel.... Vermögen auch in Fremdwährungen zu streuen ist in [...] mehr...
Mein Vater hat von 1951 bis 1966 in Liberia als Arzt gelebt. Ich bin dort 1960 geboren. Zur Zeit als mein Vater dort lebte, war William Tubman (von 1944 bis 1971) , den mein Vater persönlich kannte, der Präsident des Landes. [...] mehr...
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