Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt
"Nein", wehrt Uwe K. vorsorglich ab, "mit der Weltmeisterschaft hat das nichts zu tun. Sie müssen keine Angst haben, dass etwas im Busch ist". Der Kriminalbeamte ist mit einer Kollegin fünf Wochen vor dem Anpfiff zur Fußball-WM aus Berlin ans Kap gereist, um den dort lebenden Deutschen Sicherheitstipps zu geben, sie auf mögliche Entführungen und Überfälle vorzubereiten. Immer wieder betont er: "Es gibt keine akute Gefährdungslage." Aber das Interesse ist groß: Die Aula der Deutschen Schule in Kapstadt ist fast voll an diesem Montagabend.
Rund 140 Deutsche sind der Einladung des deutschen Generalkonsulats zur "Verhaltensschulung" durch die beiden Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes gefolgt. Auch eine Woche zuvor in Pretoria hatten die beiden Kriminalbeamten regen Zulauf. Denn je näher die WM rückt, desto nervöser reagieren Öffentlichkeit und Medien in Südafrika auf jedes neue Verbrechen, jedes Gerücht und jede Warnung. Uwe K. räumt ein, dass "der Finger hier sehr schnell am Abzug" ist. Die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung sei niedrig. Umso wichtiger sei Prävention. "Deshalb wollen wir Sie sensibilisieren", sagt der Kriminalbeamte und verrät den aufmerksam lauschenden Deutschen, wie sie in einer gefährlichen Situation Leib und Leben am besten schützen.
Auch die südafrikanische Regierung unternimmt fünf Wochen vor der Eröffnung des Fußballfestes im Johannesburger Soccer City Stadium alles, um zu Wasser, zu Lande und in der Luft ihre Bereitschaft und Fähigkeit zu demonstrieren, die Sicherheit von Teams und Fans zu garantieren. In Bloemfontein simulierten Armee, Polizei und Spezialeinsatzkräfte eine großangelegte Geiselrettungsaktion. Nahe der Hauptstadt Pretoria demonstrierte die Luftwaffe, dass sie gerüstet ist, Terrorangriffe aus der Luft abzuwehren. Vor den Küsten Südafrikas zeigte die Marine bei einem Manöver mit U-Booten und Fregatten, dass sie das Land auch von See her zu verteidigen bereit ist. Und in Kapstadt paradierten Polizisten durch die Stadt zum WM-Stadion als Zeichen, dass es ihnen ernst ist mit dem Kampf gegen die Kriminalität. Während der Spiele sollen Stadien, Mannschaftsquartiere, Fanmeilen und Hotels Hochsicherheitszonen werden, in denen ausländische Besucher sich frei und sicher bewegen können. "Wir wollen zeigen, dass wir für alle Fälle, auch für das schlimmste Szenario gerüstet sind", sagt Generalleutnant Solly Shoke.
Immer wieder Berichte über Gewalt und Verbrechen
Doch immer wieder berichten Südafrikas Medien über Gewalt und Verbrechen. Am vergangenen Wochenende fand die Polizei nach einem Tipp aus der Bevölkerung in einem Vorort von Johannesburg 2500 Kilo gestohlenen Sprengstoff - in einem Haus direkt neben einer Schule. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um das Lager eines Syndikats handelt, das landesweit Geldautomaten aufsprengt. In Kapstadt werden nach einem Bericht der "Cape Times" täglich sieben Schusswaffen der Polizei als gestohlen oder verloren gemeldet.
Am meisten beunruhigen die Öffentlichkeit derzeit allerdings Waffenfunde, die der rechtsextremen Szene zugeordnet werden können. So entdeckte die Polizei in Worcester im April bei ehemaligen Mitgliedern einer Spezialeinheit zwei geheime Waffenlager: Pistolen, Gewehre, Sprengstoff. Und auf den Internetseiten der rechtsextremen Weißen Südafrikas wird seit dem Mord am Führer der Afrikaner Weerstandsbeweging, Eugene Terre Blanche, Anfang April ungeniert gehetzt, gedroht und aufgestachelt. In der Zeitung "Sunday Independent" erklärte ein Mitglied der rechtsextremen Organisation Suidlanders offen, die Rassisten Südafrikas sammelten Waffen in geheimen Depots, um die WM zu stören. Fast 600.000 Aufrufe registrierte die sonst eher unbeachtete Website der Rassistenorganisation seit dem Terre-Blanche-Mord.
Obwohl die anfangs befürchteten Ausschreitungen nach der Bluttat ausgeblieben sind, gibt Oppositionschefin Helen Zille offen zu: "Der Mord an Eugene Terre Blanche hat in Teilen unserer Gesellschaft eine Welle an aufgestauter Wut und Frustration ausgelöst." Der renommierte Journalist und Buchautor Allister Spark konstatiert sogar, der Mord an dem Rassistenführer habe "die Stimmung im Land in einem Maße vergiftet, wie es die Nation seit der Einführung der Demokratie nicht mehr gesehen hat". Selbst der besonnene frühere Erziehungsminister Kader Asmal fürchtet: "Irgendetwas läuft schrecklich falsch mit unserer Demokratie."
Der größte Streik in der Geschichte Südafrikas
Kasmal befürchtet, dass die Verfassung und die Demokratie allmählich ausgehöhlt werden könnten. Ankündigungen von Streiks und Unruhen schüren zusätzlich immer wieder Angst und Unsicherheit der Bevölkerung. Die jüngste Drohung kommt von den Transportarbeitern, die das Land vom 10. Mai an lahmlegen wollen. "Das wird der größte Streik in der Geschichte Südafrikas", kündigt der Generalsekretär der Transportarbeitergewerkschaft, Chris de Vos, selbstbewusst an. "Alle anderen Streiks werden im Vergleich dazu wie Kindergartenpartys wirken." Die rassistischen Ausfälle des ANC-Jugendliga-Chefs Julius Malema wirken immer noch polarisierend - auch wenn Staatspräsident Jacob Zuma entschlossen zu sein scheint, seinem unberechenbaren politischen Ziehsohn endlich einen Maulkorb zu verordnen.
Das Ansehen des affärenbelasteten Zuma ist ein Jahr nach seinem Amtsantritt so stark abgestürzt wie bei noch keinem südafrikanischen Präsidenten seit 1994. Nur noch 43 Prozent trauen ihm zu, das Land aus der Krise zu führen. Vor einem Jahr waren es noch 58 Prozent.
Doch noch richten sich Wut und die Enttäuschung in erster Linie auf die Fifa und ihren Chef Sepp Blatter und die rigorosen Regeln, die sie dem Land aufgezwungen haben. Der Kapstädter Kolumnist Jabulani Sikhakhane kommentiert die Verleihung eines der höchsten Orden des Landes an "King Sepp" mit den bitteren Sätzen: "Wir haben nicht nur unsere größte Errungenschaft außer Kraft gesetzt - verfassungsmäßige Rechte - , sondern wir werfen uns vor den Lords der Fifa nieder, die uns kolonisiert haben, wenn auch nur vorübergehend. Scham, nicht Stolz ist das, was wir empfinden sollten."
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Vielleicht befürchtet Herr Günsche ja insgeheim, die WM in Südafrika könnte die von 2006 an guter Laune und Ausgelassenheit noch toppen - anders als mit Neid kann ich mir die anhaltende Negativberichterstattung jedenfalls nicht [...] mehr...
Nach dem guten alten deutschen Duden ist ein Spielverderber jmd., der durch sein Verhalten, seine Stimmung anderen die Freude an etw. nimmt: mhm , jetzt mal ueberlegen lieber Autor, ich denke Sie sind hier der Spielverderber! [...] mehr...
Ein beschaemender ARtikel - der Autor scheint sich im normalen Leben der Suedafrikaner nicht auszukennen - sitzt wohl veraengstigt im Luxushotel und schreibt vom Hoerensagen? Der Gipfel der Arroganz ist, dass Berliner [...] mehr...
Ich finde es auch überaus peinlich, wie kleinkariert, geringschätzig und sensationslüstern hierzulande über die WM in Südafrika berichtet wird. Klar gibt es Sicherheitsvorkehrungen, die man beachten muss. Aber es ist nunmal [...] mehr...
[QUOTE=sysop;5457642]Der Countdown für die Fußball-WM läuft, doch in Südafrika ist nichts von Vorfreude zu spüren. Angst vor Gewalt, neu entdeckte Waffenlager und ein skandalträchtiger Präsident lassen keine Feierstimmung [...] mehr...
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