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05.05.2010
 

Schuldenstaat

Griechenlands große Depression

Aus Athen berichtet Björn Hengst

Streikender Lehrer in Athen: "Hat Frau Merkel das vergessen?"Zur Großansicht
AFP

Streikender Lehrer in Athen: "Hat Frau Merkel das vergessen?"

Sie räumen ihre Konten leer, verzichten auf Urlaub, fahren Bus statt Auto und sorgen sich um ihre Jobs: Die Griechen ächzen unter der schweren Krise ihres Landes. Auch ihr Selbstwertgefühl leidet - vor allem von Deutschland fühlen sie sich gedemütigt.

Ilias Lestaris schickt seine Kunden am liebsten in die weite Welt: Thailand, Mauritius, Indien, Marokko - aber im Moment ist er schon froh, wenn ein Grieche überhaupt an das Wort Reise denkt.

Das Telefon des 65-Jährigen bleibt seit Tagen merkwürdig still, in das Büro in der Athener Innenstadt kommt selten jemand. Also schaut Lestaris mal auf die Weltkarte an der Wand, mal auf den Monitor und zieht an seinen Karelia-Zigaretten.

Das letzte Pauschalpaket hat er vorletzte Woche vermittelt. Lesbos, drei Tage für ein Pärchen, das war es auch schon. "Die totale Flaute, es bewegt sich nichts", sagt Lestaris. Dabei hat er auch günstige Reisen im Programm. Etwa mit dem Bus nach Istanbul, sieben Tage Halbpension für 390 Euro, aber es sind noch Dutzende Plätze frei.

Lestaris ist schon lange im Geschäft, einen solchen Einbruch bei den Reisebuchungen hat er seit Jahrzehnten nicht erlebt. Mit seinen Einnahmen kann er gerade die Kosten für die Miete des Reisebüros decken. Zwei Worte hat er für sein derzeitiges Lebensgefühl. Unsicherheit ist das eine. Das andere: Wut.

Wut darüber, dass es jetzt die griechischen Bürger sind, die für die Fälschungen der Defizitstatistik durch die frühere Regierung gerade stehen müssen. Es schmerze ihn aber auch, dass Griechenland jetzt in anderen EU-Ländern den Ruf genieße, ein Land fauler Menschen zu sein, die viel Geld verdienen, es schnell verprassen und auf die Hilfe anderer setzen. Er selbst hat 37 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt und bekommt dafür 617 Euro netto. "Sagen Sie das Frau Merkel", empfiehlt er dem Besucher aus Deutschland.

Obwohl die EU und der Internationale Währungsfonds ein milliardenschweres Hilfsprogramm für das vom Bankrott bedrohte Griechenland beschlossen haben, ist das Selbstwertgefühl der Griechen empfindlich gestört. Vor allem das lange Taktieren und zögerliche Auftreten von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Griechen verletzt.

Sarkozy feiern die Griechen, Merkel kann ihnen gestohlen bleiben

"Angela Merkel? Nein, danke", schrieb zuletzt die Athener Tageszeitung "To Vima" auf ihrer ersten Seite. Dazu druckte sie eine Rangliste internationaler Politiker ab: auf Platz eins Nicolas Sarkozy. Der repräsentativen Umfrage zufolge sagten 76,6 Prozent der Griechen, dass sie eine positive Meinung zum französischen Staatspräsidenten hätten - Sarkozy hatte bereits im März erklärt, dass Frankreich den Griechen zur Seite stünde, wenn das Land Hilfe benötige. In dem Ranking folgen auf Sarkozy Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin (73,7 Prozent), US-Präsident Barack Obama (68,2 Prozent), der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan (32,9 Prozent) - und dann abgeschlagen Kanzlerin Merkel (18,4 Prozent).

Ein schlechteres Zeugnis hätten die Griechen der deutschen Regierungschefin kaum ausstellen können. 79,9 Prozent erklärten, eine negative Meinung über Merkel zu haben. Die Kanzlerin sei ein "rotes Tuch" für die Griechen, so das Blatt.

Der Wert für Erdogan erscheint daneben fast wie eine Liebeserklärung. Denn der Türke ist für die Griechen nicht irgendein Politiker, sondern der Regierungschef des langjährigen Erzfeindes - auch wenn sich das Verhältnis zuletzt entspannte und Erdogan Mitte des Monats zu einem Staatsbesuch nach Athen kommt.

Elena Spilotis formuliert ihre Merkel-Abneigung diplomatischer: Sie sei sehr verwundert, sagt die 39-Jährige, die in einem Laden für Damentaschen in Athens feinem Stadtteil Kolonaki arbeitet. Griechenland sei die Wiege der europäischen Kultur. "Hat Frau Merkel das vergessen?"

Jede Regung Deutschlands wird in Griechenland derzeit genau verfolgt. So thematisieren zahlreiche Medien die Aktion "Ich kaufe griechische Staatsanleihen" des "Handelsblatts". Die Wirtschaftszeitung hatte dazu aufgerufen, griechische Staatsanleihen zu zeichnen, um den hochverschuldeten Staat zu unterstützen - als ein Zeichen der Mitverantwortung, "auch unter eines nicht bestreitbaren finanziellen Risikos".

RWE-Chef Jürgen Großmann, der die Aktion unterstützt und für 100.000 Euro Anleihen kaufen will, wurde in der konservativen Zeitung "Kathimerini" mit einem großen Foto gewürdigt.

Wird Griechenland den rigiden Sparkurs verkraften?

Aber wie geht es weiter mit dem Land? Manche Ökonomen zweifeln, ob es den rigiden Sparkurs verkraften kann. Sie erwarten eine Verschärfung der Rezession, weil die sinkenden Löhne und steigenden Steuern die Binnenkonjunktur treffen werden.

Die bereits Anfang des Jahres beschlossenen ersten Sparpakete - dort wurde etwa die Anhebung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent verfügt - haben offenbar bereits erste Konsequenzen. Die Griechen schränken ihren Konsum ein. Händler werben mit Rabatt- und Sonderaktionen. "Beim Kauf im Wert von mindestens 70 Euro gibt es eine Tasche als Geschenk", wirbt etwa der Modeladen Kamoulakos. Der Leerstand von Geschäftsräumen nimmt zu. Das betrifft inzwischen auch immer mehr die prestigeträchtige Emou-Straße, die Haupteinkaufsmeile in Athen. "Enoikiazetai" ist dort häufig auf Aufklebern an Glasfassaden zu lesen - zu vermieten. Vor Jahren wäre das undenkbar gewesen.

"Ich kaufe mir jetzt eben keine Bluse, auch wenn mir danach ist", sagt Marianna M., ihren Urlaub hat die 34-jährige Verkäuferin gestrichen. Auch auf Autofahrten zur Arbeit verzichtet sie. Die Regierung hat die Steuer auf Benzin in ihrem jüngsten Sparpaket um zehn Prozent angehoben. Marianna M. hat jetzt eine Monatskarte für den Bus. Sorgen macht sie sich zudem um ihren Job in einem Kosmetikgeschäft. "Es kommen jetzt deutlich weniger Kunden."

Viele Griechen sorgen sich, dass alles noch schlimmer kommen könnte. Auch den Banken wird längst nicht mehr vertraut: Sparer und Unternehmen haben in den vergangenen Monaten rund zehn Milliarden Euro abgezogen und zu Hause versteckt oder ins Ausland transferiert.

Auf der Straße wächst der Protest. Am Dienstag streikten bereits die Beamten. Vor dem Parlament in Athen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Lehrern und der Polizei. Es flogen Steine und Flaschen, die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Rund 200 kommunistischen Gewerkschaftern gelang eine spektakuläre Protestaktion: Direkt an der Akropolis entrollten sie zwei Transparente mit dem Aufruf "Völker Europas, erhebt euch!"

Manche Sicherheitskräfte sind spürbar gereizt. Ein Polizist der Sondereinheit MAT stellte die Fotos eines ausländischen Journalisten sicher. "Keine Aufnahmen von Polizisten", lautete die Ansage, entsprechende Bilder mussten gelöscht werden. "Löschen oder Schnellgericht, das ist die Alternative", drohte der Sicherheitsbeamte.

Griechenland kommt vorerst nicht zur Ruhe. An diesem Mittwoch wollen sich auch die Gewerkschaften der Privatwirtschaft am Streik beteiligen. Es soll der größte Protesttag der vergangenen Wochen werden.

Mitarbeit: Ferry Batzoglu

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Ach ne? Herr Schäuble will die Gunst der Stunde nutzen um dem Steuerzahler noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen um es dann galant in die Taschen der EU in Brüssel umzuverteilen! Wenn ich in der Regierung wäre, so wüsste ich [...] mehr...

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Länderlexikon Griechenland

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,359 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Loukas Papademos

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Die Konditionen im Detail

Volumen

AFP
Griechenland erhält bis 2012 Notfallkredite in Höhe von maximal 110 Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und den Euro-Ländern. Im ersten Jahr werden alle Euro-Länder bilaterale Hilfen über insgesamt bis zu 30 Milliarden Euro bereitstellen. Auf Deutschland entfallen 2010 bis zu 8,4 Milliarden Euro. Spanien hat 3,6 Milliarden Euro angekündigt, die Niederlande 1,8 Milliarden Euro. Der Internationale Währungsfonds (IWF) will vom gesamten Programm etwa ein Drittel übernehmen, das wären damit bis zu 15 Milliarden Euro.

Zinshöhe

Auflagen

Rettungspaket für Griechenland

Die Hilfe

AFP
Griechenland erhält in den nächsten drei Jahren Notfallkredite in Höhe von maximal 110 Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und den Euro-Ländern. Diese Kredite bekommt das Land zu erheblich günstigeren Konditionen als auf dem Kapitalmarkt.

Die Helfer

Die Kosten für die Euro-Länder

Bedingungen und Risiken

Risiken für den deutschen Steuerzahler

Wer dem Paket noch zustimmen muss


Mini-Serie

AFP
Die Euro-Krise verschärft sich. Nach Griechenland werden zusehends auch Portugal und Spanien von Spekulanten attackiert. Irland und Italien könnten folgen.

Doch wie pleitegefährdet sind die vier Länder wirklich? In einer Mini-Serie analysiert SPIEGEL ONLINE, wie realistisch die Sparpläne der Staaten sind - und ob die Regierungen mächtig genug sind, sie umzusetzen.


Wie Rating-Agenturen arbeiten

Die Agenturen

Rating-Agenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Staaten. Dabei fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen oder eine Beurteilung des Managements. Die weltweit einflussreichsten Rating-Agenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch .

Bedeutung des Ratings

Die Einstufung

Kritik

Bewertungen der Rating-Agenturen
Land  Fitch  Standard & Poor's Moody's
Portugal AA- A- Aa2
Italien AA- A+ Aa2
Irland AA- AA Aa1
Griechenland BBB- BB+ A3
Spanien AAA AA Aaa



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