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10.05.2010
 

Ärger mit Nuklearbehörde

Baut Brasilien eine Atombombe, Herr Minister?

Forscher mit Pellets in Nuklearanlage Resende (westlich von Rio): "Die Atommächte wollen ihr nukleares und konventionelles Macht-Oligopol festigen"Zur Großansicht
AP

Forscher mit Pellets in Nuklearanlage Resende (westlich von Rio): "Die Atommächte wollen ihr nukleares und konventionelles Macht-Oligopol festigen"

2. Teil: "Wir haben eine riesige Küste, die es zu überwachen gilt"

SPIEGEL ONLINE: Die brasilianische Marine entwickelt ein atomgetriebenes U-Boot. Wofür braucht Brasilien das?

Pinheiro Guimaraes: Wir haben eine riesige Küste, die es zu überwachen gilt. Unter dem Meeresgrund liegen riesige Ölvorkommen. Wir brauchen eine schlagkräftige Verteidigung, wie jedes andere Land. Ein U-Boot mit Nuklearantrieb kann viel länger unter Wasser bleiben als konventionelle.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal behauptet, es sei ein Irrtum gewesen, dass Brasilien den Nichtverbreitungsvertrag unterzeichnet hat…

Pinheiro Guimaraes: Brasilien erfüllt seine Verpflichtungen. Aber Brasilien wird keine kaschierte Revision des Vertrages zulassen. Er ist bereits asymmetrisch, er bevorzugt die Atommächte. Er wurde nicht entworfen, um die Verbreitung von Atomwaffen zu stoppen, sondern um einen Atomkrieg zu verhindern. Er verpflichtet die Atommächte, dass sie abrüsten. In den vergangenen 42 Jahren haben die Atommächte diesen Teil der Abmachung nicht erfüllt: Sie haben ihre Waffen weiterentwickelt, heute sind sie viel effizienter und gefährlicher. Jetzt reden die Atommächte immer nur von der Nichtverbreitungsklausel, nicht von dem Abrüstungsgebot. Aber wo ist denn ein Atomkrieg möglich? Doch nur, wo es auch Waffen gibt.

SPIEGEL ONLINE: Die Atommächte fürchten, dass Nuklearwaffen in die Hände von Terroristen gelangen könnten…

Pinheiro Guimaraes: Man braucht eine hochentwickelte Industrie, um eine Bombe herzustellen und Raketen, um sie abzufeuern. Dieses Argument ist doch nur ein Vorwand, damit andere Länder ihr Recht auf die Entwicklung der Nukleartechnologie für friedliche Zwecke aufgeben. In Wirklichkeit wollen die Atommächte ihr nukleares und konventionelles Macht-Oligopol festigen. Es wäre von großem Interesse, wenn es auch ein Zusatzprotokoll gäbe, damit die IAEA die militärischen Installationen der Atommächte inspizieren kann. Ob die wohl IAEA-Inspektoren in jeder ihrer Anlagen zulassen würden?

SPIEGEL ONLINE: Präsident Lula reist kommende Woche zu einem Staatsbesuch nach Iran. Warum sucht er die Annäherung an Präsident Ahmadinedschad ?

Pinheiro Guimaraes: Die Internationale Atombehörde hat nicht ein einziges Mal behauptet, dass Iran ein militärisches Atomprogramm betreibt. Wir haben es also mit einer Hypothese zu tun, die auf jedes Land angewendet werden könnte. Wir brauchen niemanden um Erlaubnis bitten, Beziehungen zu wem auch immer aufzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Haltung wird womöglich Brasiliens Chance auf einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat schmälern…

Pinheiro Guimaraes: Das ist egal, wir lassen uns nicht erpressen. Brasilien wird seine Kandidatur für den Sicherheitsrat nicht an politische Bedingungen koppeln lassen.

SPIEGEL ONLINE: Historisch gesehen hat sich Brasilien aber nie sehr in dieser Region engagiert…

Pinheiro Guimaraes: Wir pflegen seit langem wichtige Handelsbeziehungen mit Iran. Brasilien hat eine große Gemeinde von Arabischstämmigen, Leute aus dem Nahen Osten, Palästinenser. Außerdem gibt es hier eine große jüdische Gemeinde. Wir haben also sehr wohl ein Interesse an der Region. Die Länder, die bislang versucht haben, die Nahost-Krise zu lösen, waren nicht sehr erfolgreich, wir wollen Hilfestellung leisten. Wir sehen Parallelen zur Invasion des Iraks: Die wurde der Welt verkauft als Präventivschlag, weil Irak angeblich Massenvernichtungswaffen besitzt. Diese Berichte waren falsch, wie wir heute wissen. Im Fall Iran wird ähnlich argumentiert. Iran besitze ein militärisches Atomprogramm und würde diese Waffen zum Angriff einsetzen. Es gibt dafür aber keine Anzeichen. Selbst die CIA hat vor kurzem noch festgestellt, dass sie sehr weit davon entfernt sind.

SPIEGEL ONLINE: Wird Brasilien angereichertes Uran an Iran liefern?

Pinheiro Guimaraes: Nein, das planen wir nicht, obwohl der Markt für angereichertes Uran sehr vielversprechend ist. Brasilien hat die sechstgrößten Uranvorkommen der Erde, wir können schon bald an dritte Stelle aufrücken. Die Umweltprobleme lassen sich nicht ohne Atomenergie lösen. Uran wird daher immer wichtiger.

Das Interview führte Jens Glüsing

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insgesamt 43 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
17.05.2010 von spiegelfdsp: Unsinniger Artikel

Jens Glüsing wieder da mit "tollen" Artikeln über Brasilien... "Das brasilianische Nuklearprogramm gehorcht der brasilianischen Verfassung: Die schreibt als einzige in der Welt vor, dass alle nuklearen [...] mehr...

11.05.2010 von Diomedes:

Ich danke für die Ausführungen, doch spielte ich mit Außenminister eigentlich eher auf jenen Staatsmännerersatz an, der bei uns gewöhnlich im Außenministerium seine Unfähigkeit unter Beweis stellen darf, indem er stets nukleare [...] mehr...

11.05.2010 von schneesieber: Jein

Der Mann ist aber kein Aussenminister. Samuel Pinheiro Guimarães ist ------------> "Ministro de Estado, Chefe da Secretaria de Assuntos Estratégicos (SAE) da Presidência da República" -------> wirklich nicht [...] mehr...

11.05.2010 von Diomedes: Abrüstung: Ein gefährlicher Kinderglaube!

Es ist schwer nachzuvollziehen wie ein Außenminister, im Angesichts einer allgemeinen Tendenz zu nuklearen Bewaffnung von Regional- und Mittelmächten, noch von Aufrüstung fantasieren kann, anstatt sich um die Sicherheit der [...] mehr...

11.05.2010 von alfredoneuman: z

Sie meinen also Deutschland bräuchte auch Atomwaffen. Was die eigenständige Haltung anbelangt, mit Ahmedinejad kann doch jeder Reden und ihm sogar die Hand geben, allerdings braucht man fürs Händewaschen hinterher eine menge [...] mehr...

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Zur Person

REUTERS
Samuel Pinheiro Guimarães ist braslianischer Minister für strategische Angelegenheiten.

Länderlexikon Brasilien

Fläche: 8.514.877 km²

Bevölkerung: 194,946 Mio.

Hauptstadt: Brasília

Staats- und Regierungschefin: Dilma Rousseff

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Brasilien-Reiseseite


Uran und Atomwaffen

Uran

Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.

Anreicherung

Einsatz in Atomwaffen


Irans Atomprogramm

Streit

AP
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen

Geschichte

Sanktionen

Nahost

Personen

Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung




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