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16.05.2010
 

Eskalation in Thailand

Feuer frei in Bangkoks City

Aus Bangkok berichtet Thilo Thielke

Mit Zwillen gegen Gewehre: Der Kampf der thailändischen Regierungsgegner
Fotos
Thilo Thielke

In Thailand scheint es kaum einen Ausweg aus der Krise zu geben - es droht ein Blutbad. Das liegt nicht nur am offensichtlichen Unvermögen der Regierung, mit der außerparlamentarischen Opposition zu verhandeln. Sondern auch an der Unfähigkeit von Polizei und Armee.

Eine schwarze Rauchwolke hängt über dem Stadtzentrum Bangkoks. Die Regierung in Thailand ist nervös. Zunächst kündigt sie eine Ausgangssperre für Teile der Sieben-Millionen-Stadt Bangkok an, wenige Stunden später verwirft die Armee diesen Plan. "Wir befürchten, dass die negativen Folgen für die Öffentlichkeit die Vorteile überwiegen", sagt ein Sprecher.

Dennoch herrscht Ausnahmezustand. Schulen bleiben am Montag geschlossen. Die deutsche Botschaft bleibt geschlossen - es sei zu gefährlich, jetzt dorthin vorzudringen, heißt es. Thailands Regierung hat erklärt, man werde das Rote Kreuz in das Sperrgebiet schicken, um Frauen und Kinder zu evakuieren. Aber was passiert danach?

Am Sonntag keimt Hoffnung auf eine friedliche Lösung auf. Ein Anführer der Protestbewegung bietet der Regierung neue Gespräche an. Doch nur unter Bedingungen: Wenn das Militär sich zurückziehe und aufhöre zu schießen, seien die Rothemden zu neuen Verhandlungen bereit, erklärt er. Zudem fordert er die Vereinten Nationen auf, die Rolle eines Vermittlers zu übernehmen.

Doch die Regierung zeigt sich hart und lehnt das Verhandlungsangebot ab. Es gebe keinen Grund für einen Rückzug der Armee, sagte Regierungssprecher Panitan Wattanayagorn.

Auf dem seit Wochen besetzten Rachaprasong-Platz campieren Tausende, viele Frauen, einige haben ihre Kinder dabei. Scheinbar gelassen warten sie auf den Sturm der Armee. Aber wie soll das gut gehen? Dass die Lage in Thailand eskaliert und immer mehr Beobachter von einem drohenden Bürgerkrieg sprechen, liegt nicht nur an der Unfähigkeit von Premierminister Abhisit Vejjajiva, der sich seit Wochen auf einem Kasernengelände versteckt hält, statt eine politische Lösung zu suchen. Sie hat auch mit dem Dilettantismus von Militär und Polizei zu tun.

Erst ließen die Ordnungskräfte die Regierungsgegner ungehindert einen weiten Teil der vornehmen Innenstadt besetzen und lahmlegen. Dann kamen die Soldaten, die Pumpguns, Scharfschützengewehre und M-16-Sturmgewehre mit sich herumschleppen. Was will man mit Kriegswaffen gegen Demonstranten bewirken? Man kann sie damit allenfalls totschießen. Vertreiben tut man sie mit Tränengas, mit Wasserwerfern und Gummigeschossen. Doch in Thailand haben Regierung und Armee mittlerweile nach eigenen Angaben mehr als fünfzig Rothemden erschossen (die Zahl steigt ständig), mehr als 1500 sind verletzt worden.


Wie gefährlich die Situation ist, zeigt folgende Szene. Samstagnachmittag an der Rachparop Road in Bangkoks umkämpfter Innenstadt: Regierungsgegner halten seit Stunden die Din-Daeng-Kreuzung besetzt, wollen verhindern, dass Militärnachschub durch die Stadt rollt. Ein Demonstrant hockt auf einem ausgebrannten Militärlaster und schwenkt eine rote Fahne. Ein paar Dutzend andere Protestler sind emsig damit beschäftigt, Barrikaden aus Autoreifen zu bauen: sie über die Straße zu rollen und dann aufzuschichten.

Einer trägt eine Zwille, ein Dicker, das Gesicht halbvermummt. Vor den Fotografen spielt er den Mutigen, posiert mit seiner Waffe. Dann plötzlich eröffnet das Militär das Feuer. Die Soldaten kommen für die Barrikadenjungs aus dem Nichts. Sie schießen aus einigen Hundert Meter Entfernung, wohl auch mit Scharfschützengewehren von Häuserdächern. Angegriffen worden waren sie von den Regierungsgegnern nicht. Gewarnt haben sie sie auch nicht.

Die Schüsse peitschen durch die Straßen, minutenlang. Plötzlich bricht der Dicke zusammen. Eine Kugel hat ihm den Unterarm durchschlagen, direkt neben dem Ellenbogen. Er schreit wie am Spieß. Dann wird er im Bauch getroffen. Die Armee schießt weiter. Zwei Rothemden stürmen aus der Deckung, bringen sich neben Journalisten in Deckung. Doch noch immer kauern fünf Demonstranten hinter dem Reifenstapel. Bestimmt zwanzig Minuten lang. Danach sackt der nächste zusammen. Ein Schuss streift seine linke Schulter, eine blutende Wunde klafft. Dann wird der nächste getroffen, eine Kugel zerfetzt seinen Oberarm.

An einer anderen Stelle beobachtet der italienische Fotograf Fabio Polenghi, wie die Armee einen von Polizei eskortierten Ambulanzwagen beschießt. Nach einer Weile stürzen die Verwundeten hinter ihrer Reifenbarrikade hervor und bringen sich hinter einem Mauervorsprung in Sicherheit. Bestimmt eine halbe Stunde hatten sie hilflos hinter den Gummireifen gehockt, waren beschossen worden. Ein Wunder, dass sie alle überlebt haben. Die Armee erklärt später, sie habe in Notwehr gehandelt.

Viele Soldaten sind noch Teenager

Am Samstag wurden zwei Reporter angeschossen, mindestens ein Sanitäter wurde getötet. Viele der uniformierten Schützen sind halbe Kinder, sie geraten leicht in Panik. Aber wer gibt ihnen diese Befehle? Wer schickt sie mit Gewehren zu Demonstranten?

Das Militär in Thailand ist permanent gegen Moslem-Separatisten im Süden im Einsatz. Wie man gegen Leute vorgehen soll, die hauptsächlich mit Flaschen werfen, mit Zwillen Murmeln verschießen oder Silvesterraketen in den Himmel knallen, um damit die über ihnen kreisenden Polizeihubschrauber zu verschrecken, haben sie vermutlich nie gelernt.

Wie überfordert das Militär ist, zeigt ein Ereignis vor zwei Wochen: Am 28. April bewegte sich ein Tross von Rothemden aus Bangkok heraus. Einige Hundert vielleicht, die meisten auf Mopeds, andere mit Lastern und Pick-ups. Sie wollten den Protest aus der Innenstadt heraustragen. Anderthalb Stunden waren sie unterwegs, dann wurden sie von einer Barrikade von Militär und Einsatzpolizei gestoppt. Die Ordnungshüter hatten einfach eine der monströsen Ausfallstraßen Bangkoks gesperrt, dabei aber nicht an den Verkehr gedacht.

Die eigenen Kameraden unter Feuer genommen

Mehrere hundert Autofahrer steckten plötzlich in der Klemme: Vor sich scharf schießende Soldaten, hinter sich wütende Rothemden mit Zwillen. Martialisch ausgestattete Uniformierte stürmten durch die Kolonne. Schreiende Kinder. Weitaufgerissene Augen. Der einsetzende Regen beendete schließlich die Groteske und zwang die Rothemden zum Rückzug.

Tragischer Höhepunkt war schließlich, dass rund zwei Dutzend verängstigte und schwerbewaffnete Nachschubsoldaten auf Motorrädern von ihren Vorgesetzten durch den abrückenden Mob dirigiert wurden. Zwei wurden dabei fast gelyncht, aber von gemäßigten Demonstranten in Sicherheit gebracht.

Per Funk nahmen die Soldaten mit ihren Kommandeuren Kontakt auf. Es half ihnen nicht. Nachdem die Nachschubsoldaten entkommen waren und auf die eigenen, etwa einen Kilometer entfernten, Leute zu fuhren, wurden sie von ihren Kameraden für Angreifer gehalten. Die schossen wieder einmal - und töteten diesmal versehentlich einen der ihren. Später erklärte das Militär, der Todesschütze sei ein unbekannter Sniper gewesen.

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insgesamt 83 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.05.2010 von Taokae: Es gibt noch Ausnahmen, hurra!

Zum Glück gibt es hier noch Arte. Die scheinen als einzige Ausnahme noch richtige Recherche zu betreiben anstatt von einander abzuschreiben. Vielleicht hängt das mit der französischen Kooperation zusammen. Ab 12:58 beginnt die [...] mehr...

20.05.2010 von ar1198: cjung

ihre einseiteige betrachtungsweise ist wirklich erstaunlich. schon vergessen das die regierung die aktivisten der demokratiebewegung schon vor monaten als tiere bezeichnet hat, als tiere die man jederzeit niedermachen kann. [...] mehr...

18.05.2010 von PercyHannes: Ist schon schade....

... das man in Deutschland eine rundum verzerrte Berichterstattung vorgesetzt bekommt. Wem nützt das ? Schlagzeilen der letzten Wochen: - Bangkok am Abrund - Ganz Bangkok ein Schlachtfeld - Bürgerkrieg in Bangkok - etc. [...] mehr...

18.05.2010 von cjung: Was für eine schlechte Recherche.

Wieder einmal zeigt ein Redakteur des Spiegel, wie wenig er vom Recherchieren hält, wenn es der tendenziösen Story dient. Die Regierung hat den Demonstranden zwei Monate lange Verhandlungen angeboten, sich mit den Rothemden [...] mehr...

17.05.2010 von BKK-Deutscher: Berichterstattung-wo sind die Beweise?

Es ist tragisch, dass der Reporter zwar schreibt, was er sieht (zumindest schreibt er) aber als Fakt stellt er hin: 1. Militärische Scharfschützen schießen von den Dächern! Hat er dafür einen Beweis erbracht, daß es [...] mehr...

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Wer sind die Rothemden?

Wogegen protestieren sie?

Wer sind die Gegner der Rothemden?

Gab es so brutale Proteste schon mal?


Länderlexikon Thailand

Bevölkerung: 68,139 Mio.

Fläche: 513.000 km²

Hauptstadt: Bangkok

Staatsoberhaupt: König Bhumibol Adulyadej

Regierungschefin: Yingluck Shinawatra

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Reisewarnung

Angesichts der schweren Auseinandersetzungen rät das Auswärtige Amt von Reisen nach Bangkok dringend ab. Die thailändische Regierung hat den Ausnahmezustand für die Hauptstadt Bangkok und die umliegenden Provinzen auf weitere Regionen im Norden und Nordosten des Landes ausgeweitet. Von nicht unbedingt erforderlichen Reisen in diese Provinzen rät das Auswärtige Amt ab. Die Nutzung des Bangkoker Flughafens insbesondere als Transitflughafen für Flüge innerhalb Thailands oder ins Ausland ist laut dem Auswärtigen Amt derzeit nicht beeinträchtigt.

Reisehinweise des Auswärtigen Amts

Infos der Deutschen Botschaft in Bangkok






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