ThemaThailandRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
19.05.2010
 

Krise in Thailand

Armee und Rothemden machen Bangkok zum Schlachtfeld

Börse, Banken und Einkaufszentren in Bangkok brennen, bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und den Rothemden gab es Tote: Von einer Kapitulation der militanten Opposition in Thailand kann keine Rede sein. Außenminister Westerwelle warnt vor einem Bürgerkrieg in dem bei Deutschen beliebten Urlaubsland.

Bangkok - Die Anführer der sogenannten Rothemden haben sich nach dem Einmarsch der thailändischen Armee zwar ergeben, doch die Situation in Bangkok ist danach eskaliert. Mindestens sechs Menschen kamen am Mittwoch bei schweren Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und der militanten Opposition ums Leben, darunter ein italienischer Fotojournalist. Mindestens 60 Menschen wurden verletzt.

Sieben Anführer der Demonstranten hatten sich der Polizei ergeben, "um weiteres Blutvergießen zu vermeiden", wie sie sagten. Doch ihren Anhänger war das egal: Sie reagierten mit wütenden Protesten. Fensterscheiben wurden eingeschlagen und nach Behördenangaben insgesamt 15 Brände in der Hauptstadt gelegt. Die Börse, mehrere Banken, Einkaufszentren, das Siam-Theater und der Hauptsitz der städtischen Stromversorgung wurden in Brand gesteckt. Dicke Rauchwolken standen über der Zehn-Millionen-Einwohnerstadt.

Die Armee war im Morgengrauen mit Panzern in Bangkok eingerückt und hatte die Barrikaden der Rothemden eingerissen. Soldaten schossen auf Demonstranten, die Barrikaden anzündeten und sich in den Weg stellten. Viele setzten sich aus Angst vor Tränengasangriffen Masken auf. Die Demonstranten wurden aus dem seit Ostern besetzten Ratchaprasong-Geschäftsviertel weitgehend verjagt. Die Anhänger der Opposition würden aus der Innenstadt vertrieben, kündigte Regierungssprecher Panitan Wattanayagorn im Fernsehen an. Der Einsatz werde den ganzen Tag andauern. "Das ist der Tag X", sagte ein Soldat. In dem Protestcamp der Rothemden hatten sich wochenlang Tausende Oppositionelle hinter Barrikaden verschanzt, darunter auch Frauen und Kinder. Viele brachen am Mittwoch in Tränen aus.


Die Rothemden hatten ihre Proteste Mitte März begonnen, um die Regierung zum Rücktritt zu zwingen. Sie sind hauptsächlich Anhänger des Ex-Regierungschefs Thaksin Shinawatra und forderten mit ihren zunächst friedlichen Protesten den Rücktritt der amtierenden Regierung von Abhisit Vejjajiva. Seit dem Beginn der Auseinandersetzungen kamen insgesamt 74 Menschen auf Thailands Straßen ums Leben. Mehr als 1700 Menschen wurden verletzt. Ein Kompromissangebot mit vorgezogenen Wahlen scheiterte vergangene Woche in letzter Minute, weil die Oppositionellen neue Forderungen für einen Abzug stellten.

Doch auch nach Verhaftung der politischen Führung der Demonstranten tobten weiter schwere Kämpfe zwischen Regierungstruppen und militanten Rothemd-Mitgliedern. Auch in anderen, bislang nicht betroffenen Teilen Bangkoks und im Nordosten des Landes gab es Zusammenstöße. Die Börse bleibt nach der Feuerattacke aus Sicherheitsgründen bis zum Ende der Woche geschlossen.

Die Regierungsgegner zogen nach dem Militäreinsatz zudem zu Medienunternehmen und bedrohten Reporter, weil sie deren Berichterstattung einseitig fanden. Alle Mitarbeiter der "Bangkok Post" wurden aufgerufen, das Gebäude zu verlassen, weil sich die Rothemden näherten, schrieb die Zeitung auf ihrer Web-Seite. Auch vor dem Gebäude der zweiten englischsprachigen Zeitung "The Nation" sammelten sich verärgerte Demonstranten.

"Eine Nacht des Leidens"

Die Zentrale des örtlichen Fernsehsenders Channel 3 wurde ebenfalls von Rothemden angegriffen, wie Mitarbeiter des Senders mitteilten. Die Regierungsgegner setzten Autos auf dem Parkplatz in Brand und drangen in das Gebäude ein. Eine Stunde später schlugen Flammen aus dem Gebäude, und die Übertragung des Senders brach ab. Mitarbeiter wurden mit Hubschraubern ausgeflogen oder flüchteten zu Fuß. Auch die in der Nähe angesiedelte englischsprachige Zeitung "Bangkok Post" brachte ihre Belegschaft in Sicherheit.

Nach neun Stunden schwerer Kämpfe in Bangkok teilten die Streitkräfte mit, sie hätten die Lage in dem belagerten Geschäftsviertel unter Kontrolle. "Polizisten und Soldaten haben ihre Operation jetzt eingestellt", sagte Heeressprecher Sansern Kawekamnerd.

Die Regierung verhängte ein Ausgehverbot von acht Uhr abends bis sechs Uhr früh. Sie rief die aufgebrachten Demonstranten zur Ruhe auf. "Heute Nacht wird eine weitere Nacht des Leidens sein", sagte Regierungssprecher Panitan Wattanayagorn. "Die Regierung ruft jeden, der Angriffe verübt, auf, diese zu stoppen." Durch die Militäroffensive sei es gelungen, rund um die strategische Ratchaprasong-Kreuzung und im Bezirk Lumpini die Sicherheit wiederherzustellen, sagte Panitan. Andere Orte der Hauptstadt seien hingegen noch nicht unter Kontrolle. Die Regierung schrieb zudem sämtlichen TV-Sendern eine Sonderberichterstattung vor, damit sie sich jederzeit an die Bevölkerung wenden könne.

Westerwelle warnt vor Bürgerkrieg

Bundesaußenminister Guido Westerwelle reagierte besorgt auf die Eskalation der Gewalt in Bangkok. Der Vizekanzler warnte vor einem Bürgerkrieg in Thailand. Der FDP-Chef rief sowohl die thailändische Regierung als auch die oppositionellen Demonstranten zur Zurückhaltung auf. "Jetzt muss für alle Seiten gelten: Ein Abgleiten des Landes in Chaos und Gewalt muss verhindert werden."

als/dpa/AP/Reuters/AFP

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 1447 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
30.05.2010 von Taokae:

Dumm nur, dass es die Rothemden waren, die das Neuwahlenangebot abgelehnt haben. Auch schon mehrmals durchgekaut. mehr...

30.05.2010 von bnz:

Nein, Ihre Antwort ist nur dieselbe. Ich habe gesagt, dass man sich gegenseitig misstraut und *daher* auf *beiden* Seiten die Misstrauenspersonen aus der Politik herausnehmen muss *bevor* eine Neuwahl stattfindet. Es muss für [...] mehr...

30.05.2010 von blaubär123: Neuwahlen bringt die Entscheidung !

Also @code-bnz, dies wurde schon hundertmal hier durchgekaut. Das thailändische Volk muß in freien und fairen Wahlen unter Internationaler Kontrolle wählen dürfen. Ob mit oder ohne Thaksin entscheiden die Wähler ! Nur [...] mehr...

30.05.2010 von bnz:

Hier mal eine ganz einfache Frage an ar1198 und Co: ist Thaksin korrupt oder kriminell? Oder besteht der Verdacht, dass dies der Fall ist? Es wird irgendwie immer von Demokratiebewegung geredet, aber im gleichen Atemzug, was [...] mehr...

30.05.2010 von hardy641:

Ob sie es wollen oder nicht, die Regierung ist absolut legitim und demokratisch an die Macht gekommen basierend auf den Wahlergebnissen vom Dezember 2007. Also ist das Wort Regime schon mal falsch. Pressefreiheit war unter [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Thailand

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Hintergrund

Die Rothemden

REUTERS
Rothemden nennen sich die Anhänger des 2006 gestürzten Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra . Sie werden angeführt von der außerparlamentarischen Opposition der "Vereinigten Front für Demokratie gegen Diktatur" (UDD) , die sich nach dem Militärputsch gründete und Verbindung zu Thaksin im Exil hält. Die UDD hat ihre Anhänger vor allem unter der ärmeren, wenig gebildeten Landbevölkerung im Norden und Nordosten Thailands. Thaksin band sie an sich, indem er ihnen eine Stimme gab, eine günstige Krankenversicherung einführte und Entschuldungsmaßnahmen einleitete.

Auch Studenten und demokratiebewegte Mitglieder der Mittelschicht haben sich den Rothemden angeschlossen. Sie fürchten um die Demokratie in Thailand und möchten den Einfluss des Militärs und der städtischen Eliten zurückdrängen. So unterstützen zwar nicht alle heutigen Rothemden uneingeschränkt Thaksins Kurs – der Unmut über den Putsch des Militärs 2006 aber eint die Demonstranten.
Die UDD hält die noch amtierende Regierung für illegal und verlangte deshalb Neuwahlen - bei denen sich jetzt die von Thaksin unterstützte Pheu-Thai-Partei durchsetzte.

Die Gelbhemden

Thaksin Shinawatra

Chronologie

2006

AP
Premierminister Thaksin Shinawatra wird mit einem Staatsstreich abgesetzt. Voraus gingen monatelange Demonstrationen der Volksallianz für Demokratie, PAD (" Gelbhemden "), die Thaksin Machtmissbrauch, Korruption und mangelnde Königstreue vorwarfen.

2007

2008

2009

2010

2011



Länderlexikon Thailand

Bevölkerung: 68,139 Mio.

Fläche: 513.000 km²

Hauptstadt: Bangkok

Staatsoberhaupt: König Bhumibol Adulyadej

Regierungschefin: Yingluck Shinawatra

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Thailand-Reiseseite




TOP



TOP