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21.05.2010
 

Köhler-Besuch in Afghanistan

"Ich will wissen, wie es hier aussieht"

Aus Masar-i-Scharif berichtet Matthias Gebauer

Bundespräsident in Afghanistan: Köhlers Besuch bei der Truppe
Fotos
dpa

Blitzbesuch im Kampfgebiet: Gerade mal zwei Stunden dauerte Horst Köhlers Visite im Bundeswehrcamp Marmal in Nordafghanistan. Der Bundespräsident wurde mit den Sorgen und dem Frust der Soldaten konfrontiert - und bekam ungeschminkte Einblicke in den umstrittenen Einsatz.

Es war ein Kurzbesuch. Gerade mal zwei Stunden lang besuchte Bundespräsident Horst Köhler das Bundeswehr-Camp Marmal in Masar-i-Scharif. Für die Visite legte er auf dem Rückweg von China extra einen Stopp ein. Noch nie zuvor hatte das Staatsoberhaupt die Einheiten am Hindukusch besucht. Bei seiner Premiere hat Köhler ein Versprechen dabei. "Sie sind bereit, das Höchste, ihr Leben, für unsere Werte, für Frieden, Recht und Freiheit einzusetzen", sagt er bei seiner Ansprache. Er wolle alles tun, "damit in Deutschland gewürdigt wird, was sie in Afghanistan leisten".

Lange will Köhler nicht am Pult reden, sagt er, es wurden tatsächlich nur zehn Minuten. Seine zentrale Nachricht wiederholt er dabei mehrmals. "Ihr Einsatz ist richtig und wichtig", sagt er, "aber er ist auch richtig und legitim". Er habe "volles Vertrauen" und "tiefen Respekt" vor den deutschen Soldaten. Vor allem aber wünsche er sich, "dass sie alle gesund nach Hause kommen". Der Einsatz für mehr Anerkennung der Leistungen der Soldaten, es ist Köhlers Leitmotiv bei der Blitzvisite, dem wohl kürzesten Besuch eines deutschen Politikers in Afghanistan.

Köhler aber betont, ihm sei die Reise wichtig gewesen. Zwar hat er schon ein paarmal Truppenübungsplätze angesteuert. Er hielt die Rede zur Einweihung des Ehrenmals für gefallene Soldaten in Berlin. Im Herbst sprach der Präsident wörtlich vom Kampfeinsatz der Bundeswehr, damals noch ein Tabu. Er verneigte sich vor den gefallenen Soldaten. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg oder Kanzlerin Angela Merkel bekamen für solche Wahrheiten später Applaus. Köhlers Rede aber ging unter. Afghanistan wurde - wie andere drängende Fragen - nie ein Thema des Staatsoberhaupts.

Köhlers Besuch als Symbol für die Soldaten und die deutsche Öffentlichkeit

Der erste Besuch eines Bundespräsidenten bei den durch Angriffe und gefallene Soldaten verunsicherten Truppen am Hindukusch sollte gerade deshalb ein Symbol sein - für die Soldaten, aber auch für die deutsche Öffentlichkeit. In einer Zeit, in der die Mission in Afghanistan mehr als umstritten ist, in der Deutschland monatelang über Oberst Georg Klein und seinen fatalen Bombenbefehl diskutiert hatte, wollte Köhler etwas beweisen. Dass er Debatten beeinflussen kann. Ein wenig wollte er auch die aktuelle Kritik widerlegen, er sei als Präsident schlicht nicht markant genug.

"Ich will wissen, wie es aussieht hier", das sagt der oberste Mann im Staate stets, wenn er auf Reisen ist. Und er ist viel unterwegs, egal ob in Donaueschingen oder Daressalam. Auch im Camp Marmal lässt das Köhler-Mantra nicht lange auf sich warten. Leicht verschwitzt steht der Präsident im Atrium des Lagers, vor ihm rund 400 Soldaten. "Ich will zuhören", ruft er ihnen zu, "reden sie so offen mit mir, als wenn sie mit ihren Kameraden reden". Dann mischt er sich in die Menge, federnd steuert er einen Stehtisch an.

Die Unterhaltung beginnt träge und ist doch irgendwie symbolisch. Forsch stellt sich Köhler hin. Er bekommt ein Glas Wasser, nun soll es losgehen. Keiner der Soldaten wagt sich so recht ran an den Präsidenten. Also fängt Köhler selbst an. In seiner Rede hatte er gesagt, für einen Erfolg brauche man "begründete Zuversicht", dass es klappen kann. Nun will er wissen, ob die Soldaten diese Zuversicht haben. Schweigen, sekundenlang. Köhler fixiert einen der Soldaten. "Na ja", sagt der und zuckt mit den Schultern. Köhler lächelt, er blinzelt wegen der Sonne.

Was Köhler nach ein paar Höflichkeitsfragen zu hören bekommt, entspricht viel mehr als bei vielen anderen Polit-Besuchen der wirklichen Stimmung in der Truppe. Offen beklagen sich die Soldaten über ihre unzureichende Ausrüstung oder das Training. Hochrot und leicht stotternd vor Nervosität berichtet ein Kraftfahrer, dass er und seine Kollegen erst im Einsatzland lernen würden, wie man die "Dingos" lenken müsse. Köhler ist erstaunt. Solche Dinge könne man doch abstellen, sagt der Präsident, oder etwa nicht?

"Machen wir denn genug Druck bei der Polizeiausbildung?"

Ganz plötzlich reden Köhler und die Soldaten am Stehtisch über die zentralen deutschen Ziele in Afghanistan. Wie es denn beim Polizeiaufbau laufe, fragt er einen Beamten aus Baden-Württemberg. Der Polizist in makellos gebügelter Uniform druckst ein bisschen herum, flüstert von "ersten Schritten", der "richtigen Richtung", von Teilerfolgen. Köhler setzt nach. "Ja, machen wir denn genug Druck bei der Polizeiausbildung?" Der Beamte stockt, sammelt seinen Mut. "Um ganz ehrlich zu sein, Herr Präsident", presst er leise heraus, "nein, das tun wir nicht".

Auch die Abzugsperspektive für 2011 zweifeln die Soldaten an. "Vielleicht in fünf oder eher zehn Jahren", beschreibt ein Ausbilder, seien die afghanischen Sicherheitskräfte einsatzbereit. Köhler schmunzelt, murmelt von einem "ja doch beträchtlichen Zeitrahmen". Rasch wendet er sich zu einem US-Soldaten. "We can make it", sagt der Offizier wie aus der Pistole. Köhler strahlt. "Warum höre ich das nicht von ihnen", will er von den Deutschen wissen. Schweigen. Was Köhler nicht weiß: Der schneidige amerikanische Soldat ist Presseoffizier der Nato.

Köhlers Prinzip des Zuhörens, es mutierte in Masar-i-Scharif zu einem Turboausflug in die echten Sorgen und Frustrationen der Soldaten. Nacheinander beschreiben junge Soldaten, wie aussichtslos sie den Kampf gegen die Taliban sehen. Wie mühsam der Wiederaufbau ist. Wie frustriert viele davon sind, dass die Bundeswehr zu viel Energie beim Verwalten statt beim Einsatz verschenkt. Sogar einen Hauch von Kritik traut sich einer. Wann denn der Präsident mal zu einer Trauerfeier für gefallene Soldaten komme? Nun stottert der Bundespräsident ein bisschen.

Köhler gefällt der Ausflug in die Realität sichtlich gut. Mehrmaligem Drängen seines Stabs widersteht er und will gar nicht weg von dem Stehtisch. Stattdessen stellt er immer neue Fragen: "Sagen Sie mir, was Sie sich von mir wünschen." Am Ende des Trips, sein Tross drängt ihn schon in Richtung Flughafen, bezeichnet er seine Unterhaltungen als "eine Mischung aus guten und schlechten Nachrichten", unter dem Strich sei er aber "ermutigt".

Man muss wohl Bundespräsident sein, um einen Nachmittag so diplomatisch zusammenzufassen.

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insgesamt 859 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
03.06.2010 von henningr:

Ich weiss nicht was in das Pentagon geflogen ist, evtl. wars auch eine Passagiermachine, wobei etliche Piloten sagen, dass das Flugmanöver, das unterstellt wird, kaum durchführbar ist, nicht mal vom besten der besten Piloten. [...] mehr...

03.06.2010 von chris7516: Taliban

(1) Ich habe von "irgendwelchen Koranschülern" gesprochen um die "Taliban" vor dem ethymologischen Hintergrund des Begriffes "Taliban/Talib" abzugrenzen von Menschen, die ein Koranschule besuchen. [...] mehr...

03.06.2010 von doctorwho:

sorry hans , es war weder belehrend noch anmassend gemeint , ich wollte nur darauf hinweisen , dass die taliban eben nicht aus dem luftleeren raum aufgetaucht sind , sondern allerhöchstens vorher mangels interesse/verständnis [...] mehr...

03.06.2010 von doc 123:

Es geht doch vielmehr um die Frage, ob überhaupt ein Flugzeug in das Pentagon geflogen worden ist. Haben Sie schon einmal das Loch, das am Ende stehen sollte, ein nahzu rundes Loch, gesehen und angeblich ohne jede Trümmer, die [...] mehr...

03.06.2010 von doctorwho:

ach wissen sie , "irgendwelche aufgebrachte araber" oder ähnliches hat brzesinski schon 1979 als eher vernachlässigenswert empfunden , sobald sie den job für ihn erledigt hatten , sie machen es mit dieser begriffswahl [...] mehr...

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Länderlexikon Afghanistan

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon


Die Positionen der Parteien zum Afghanistan-Einsatz

CDU/CSU: Abzugsdatum offen lassen

REUTERS
Für die Union ist klar, dass der Einsatz der Bundeswehr fortgeführt werden soll. "Dieses Mandat ist über jeden vernünftigen völkerrechtlichen oder verfassungsrechtlichen Zweifel erhaben", erklärte CDU-Chefin Angela Merkel. Forderungen nach einem sofortigen Rückzug aus Afghanistan nannte sie "unverantwortlich".

Sie warnte vor "unabsehbaren" Folgen für die Sicherheit der Deutschen und ihrer Verbündeten; Folgen, die "weit verheerender wären" als jene der Anschläge vom 11. September 2001. Zudem würde Afghanistan "in Chaos und Anarchie versinken".

Mit Blick auf den deutschen Einsatz betont die Union, es könne "keinen zivilen Aufbau ohne eine militärische Absicherung geben". Die Union will den Afghanistan-Einsatz zeitlich nicht konkret begrenzen. "Die internationale Gemeinschaft wird ihre militärische Präsenz so lange aufrechterhalten, wie es nötig ist, nicht länger, aber auch nicht kürzer", erklärte Merkel. Es müsse mit der afghanischen Regierung eine "Übergabe in Verantwortung" geben.

SPD: Klare Abzugsperspektive

FDP: Mehr Tempo für Eigenverantwortung

Grüne: Strategiewechsel zu mehr zivilem Engagement

Linke: Soldaten raus aus Afghanistan





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