Zoran Vukovic
Den Haag - "Es hat sich in mein Herz, in meine Seele eingebrannt. Ich denke daran, wenn ich zu Bett gehe und wenn ich aufstehe", berichtet eine Frau, die in Bosnien vergewaltigt wurde. Sie ist kein Einzelfall: In dem dreijährigen Krieg gab es Lager, in denen Frauen Soldaten und paramilitärischen Kämpfern zu Willen sein mussten - Tag und Nacht.
Bisher wurde Vergewaltigung im Krieg kaum verfolgt - und wenn, dann war es der letzte Anklagepunkt. Jetzt ist es zum ersten Mal der Hauptanklagepunkt. Den bosnischen Serben Radomir Kovac (38), Dragoljub Kunarac (39) und Zoran Vukovic (35) werden Vergewaltigung, Folter, Versklavung und Schandtaten gegen die persönliche Würde in 50 Fällen vorgeworfen. Sie sind angeklagt wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ihnen droht eine lebenslange Gefängnisstrafe. Alle drei haben sich für unschuldig erklärt.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Trio vor, in Foca im Sommer 1992 an mehreren Orten moslemische Frauen gefangen gehalten und sie wiederholt zum Sex gezwungen zu haben. Die Opfer waren zum Teil erst zwölf Jahre alt. Die einzelnen Vorwürfe sind im Internet einsehbar. Eine Zeugin erzählte den Ermittlern, sie sei am 12. Juli 1992 von Kunarac und Vukovic vergewaltigt worden. Anschließend hätten sie ihr gesagt, nun werde sie ein serbisches Baby bekommen.
Radomir Kovac
Folter zählt, Vergewaltigung nicht
Erste Versuche, Vergewaltigung im Krieg unter Strafe zu stellen, gab es bereits im 14. und 15. Jahrhundert. Die englischen Könige Richard II. und Heinrich V. erklärten das Vergehen zu einer Straftat, zumindest auf dem Papier. Im amerikanischen Bürgerkrieg war Vergewaltigung durch Soldaten geächtet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der Tatbestand keine Rolle, weder in den Nürnberger Prozessen, noch in Tokio, wo die japanischen Kriegsherren von den Siegermächten zur Verantwortung gezogen wurden. "Das ist ein Teil der Reaktion der männlichen Gesellschaft", sagt Patricia Viseur Sellers, die Expertin für die Verfolgung von Vergewaltigungen beim Haager Tribunal. "Männer werden gefoltert, das ist bedeutend. Frauen werden vergewaltigt, das ist unbedeutend."
Dragoljub Kunarac
Das Tribunal in Den Haag versucht seit seiner Gründung 1993, auch Sexualverbrechen zu ahnden. Vergewaltigung wird jetzt als Verbrechen gegen die Menschlichkeit definiert - dafür gibt es höhere Strafen als für Kriegsverbrechen. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter des Tribunals sind Frauen, unter den drei Richtern des Foca-Prozesses ist eine Frau, Florence Mumba aus Sambia.
Viele Rechtsexpertinnen wollen außerdem durchsetzen, dass systematische Vergewaltigung automatisch als Völkermord behandelt wird und Frauen als geschützte Personengruppe in die Uno-Konvention über Völkermord von 1948 aufgenommen werden.
Jerome Socolovsky
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH