Von Marc Pitzke und Gregor Peter Schmitz, New York und Washington
Jerry Kane verstand sich als Einzelkämpfer gegen den Staat. Er weigerte sich, Steuern zu zahlen, setzte sich ohne Führerschein ins Auto und hielt "Seminare" darüber ab, wie sich "souveräne" Bürger dem Einfluss von Politik und Wirtschaft entziehen könnten. Nach einer Verkehrskontrolle beklagte er sich in einem Radio-Interview über den "Nazi-Checkpoint". Er drohte, er werde "das Monster umbringen".
In der vergangenen Woche machte der 45-Jährige seine Drohung wahr. Er war mit seinem Sohn Joe, 16, im US-Bundesstaat Arkansas unterwegs, als ihn erneut zwei Polizisten anhielten. Diesmal griff Kane zu seinem AK-47-Sturmgewehr und erschoss beide. Bei einem anschließenden Feuergefecht auf dem Parkplatz eines Wal-Mart-Supermarkts kamen Vater und Sohn ums Leben, zwei weitere Cops wurden verletzt. Schon erhebt die rechte Szene Kane zum Märtyrer. "Jerry und Joe wurden von den Strafvollzugsbehörden massakriert", heißt es auf einer privaten Gedenk-Website für Kane und seinen Sohn im Internet.
War Jerry Kane nur ein Sonderling - oder steht er für eine neue Welle regierungsfeindlicher Gewalt in den USA?
Jedenfalls war er nicht der Erste, für den seine Parolen in Gewalt endeten.
In den vergangenen Wochen mehrten sich die Fälle. Im März verhaftete das FBI neun Mitglieder einer Militia in Michigan, die Mordanschläge auf Polizisten, Sheriffs und andere Rechtshüter geplant haben sollen. Kurz zuvor wurde John Bedell, ein weiterer Fan regierungsfeindlicher Ideologien, bei einer Schießerei am Pentagon getötet. Im Februar jagte der Texaner Andrew Stack mit einem Sportflugzeug ins Gebäude der Steuerbehörde IRS in Austin; ein Beamter und er selbst kamen um. Auch Stack hinterließ eine Litanei an Beschwerden gegen den Staat.
"Eine der bedeutsamsten Rechtspopulisten-Rebellionen"
Experten sehen darin einen Besorgnis erregenden Trend. Die Watchdog-Gruppe SPLC berichtet, dass regierungsfeindliche Militias und andere Organisationen "nach Jahren außerhalb des Rampenlichts wieder voll zurückgekehrt sind".
Die Zahl der "hate groups" ist demnach mit der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten und während der parallelen Rezession stark angestiegen. Allein im vorigen Jahr seien 363 neue Gruppen hinzugekommen - ein Plus von 244 Prozent. "Wir befinden uns mitten in einer der bedeutsamsten Rechtspopulisten-Rebellionen in der Geschichte der USA", schreibt der Extremisten-Analyst Chip Berlet. "Ringsum sehen wir sich überschneidende soziale und politische Bewegungen von Leuten, die wütend, gekränkt und voller Angst sind."
Einer dieser "Extremisten von nebenan", wie Militia-Expertin Eileen Pollack von der University of Michigan sie nennt, war eben auch Jerry Kane. SPLC-Experte Mark Potok sieht klare Parallelen zwischen Kanes Motiven und der berüchtigten "Patriot"-Bewegung. "Sie sehen die Regierung generell als das Böse an", schreibt Potok auf seinem "Extremisten-Blog".
Solche Anti-Washington-Polemik schwappt neuerdings überall durch die USA - aus ganz legitimen Quellen. Das begann im Talkradio, erreichte dank TV-Sendern wie Fox News die Massen und wurde mittlerweile von Polit-Populisten und der Tea-Party-Bewegung hoffähig gemacht, die neulich bei mehreren Kongress-Vorwahlen Siege verbuchen konnten.
"Achse der Besessenen und Gestörten"
Die politischen Weltuntergangsszenarien der Militias sind wieder en vogue. John Boehner, der Republikaner-Chef im Repräsentantenhaus, nannte die Gesundheitsreform "Armageddon". Fox-News-Chefprediger Glenn Beck und Radio-Polemiker Rush Limbaugh beschwören die rechte Paranoia täglich.
Ihr Mantra: Die Regierung wolle den Bürgern die Freiheit rauben. Das sind die gleichen Verschwörungstheorien, die auch wirre Killer wie Kane, Bedell und Stack motivierten. Die Linie zwischen Polemikern, Sympathisanten und Tätern verwischt schnell. Frank Rich, Kolumnist der "New York Times", nennt das "die Achse der Besessenen und Gestörten".
So fand der republikanische Abgeordnete Steve King durchaus Verständnis für Stacks Anschlag aufs Steueramt IRS: "Es ist traurig, dass das in Texas passiert ist, aber andererseits ist das eine Behörde, die unnötig ist. Und wenn wir das IRS eines Tages abgeschafft haben, dann wird es ein glücklicher Tag für Amerika sein."
Einer der Tea-Party-Kandidaten, die gerade für Furore sorgen, ist Rand Paul, der die republikanischen Senatsvorwahlen in Kentucky gewonnen hat. Dessen Website strotzt vor Anti-Washington-Propaganda. Paul ist der Sohn des Republikaners Ron Paul, der sich wiederum gerne, wie das "Wall Street Journal" schreibt, mit "Verschwörungstheoretikern, regierungsfeindlichen Eiferern und allerlei anderen Kadern Geistesgestörter" umgibt. Bis vor kurzem verlinkte Ron Pauls Website auch zur Website des Cop-Killers Kane. Der Link verschwand nach der Schießerei aber schnell.
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Verrueckt sein faellt nicht unter "Hate Speech" sondern unter "verrueckt". Es gibt Definitionen dafuer what legally constitutes hate speech. Sie sind keiner der Definierer. Eben. Ein "so entsetzt [...] mehr...
Hallo Sachse, freue mich auch, Ihnen mal wieder über den Weg zu laufen! Den Artikel hatte ich gelesen (ich mag Joan Walsh und bin öfter bei salon.com ;) ) und denke auch, dass alles noch offen ist bezüglich der [...] mehr...
Ah, die antiamerikanische Maerchenstunde wieder mal. Wer hier nicht zur Schule geht wird von der POlizei abgeholt. http://en.wikipedia.org/wiki/Education_in_the_United_States mehr...
Heute abend Thema im Weltspiegel : USA Milizen auf dem Vormarsch Da bin ich aber gespannt, ob dies ein fair and balanced Bericht wird... mehr...
Ja, Manifest Destiny finde ich auch sehr gut. mehr...
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