Von Daniel Steinvorth, Istanbul
Aynur Akdeniz, 34, weiß nicht, ob ihr Mann noch lebt. Die zierliche Türkin hat die Hände über dem Gesicht zusammengeschlagen, ihre Augen sind verheult, sie sitzt versunken auf ihrem Stuhl in einem kleinen, völlig überfüllten Konferenzraum. Soeben hat hier, im Istanbuler Stadtteil Fatih, die Pressekonferenz der türkischen Hilfsorganisation IHH begonnen.
Und Akdeniz ist hierher gekommen, weil sie auf neue Informationen hofft, denn ihr Mann ist einer der 600 internationalen Aktivisten, die auf den sechs Hilfsschiffen für Gaza waren. Seit über zwölf Stunden, erzählt sie, habe sie keinen Telefonkontakt mehr mit ihm. "Mein Mann hat doch nichts gegen die Juden, gar nichts", sagt sie und ringt um Atem. "Er wollte nur helfen, er wollte Süßigkeiten für die Kinder in Gaza verteilen. Er könnte keiner Fliege was zuleide tun. Er hatte nicht mal ein Obstmesser bei sich."
Ob ihr Mann, Mehmet Ali Akdeniz, ein selbständiger Kaufmann aus Istanbul, unter den 16 Toten ist, die von israelischen Quellen bisher bestätigt wurden, kann ihr auch hier niemand sagen. "Wir haben noch überhaupt keine Informationen über die Toten und Überlebenden", entschuldigt sich Yavuz Dede, ein Sprecher der Organisation. Doch dass der Vorfall Folgen haben wird, daran lässt der IHH-Mann keinen Zweifel: "Israel hat heute bewiesen, dass es kein Rechtsstaat, sondern ein Piratenstaat ist. Die Türken müssen jetzt ein Zeichen setzen, die Weltgemeinschaft muss ein Zeichen setzen."
Ein Zeichen? Im Saal ist der Zorn der Anwesenden jetzt kaum noch zu bändigen. "Bringt türkische Soldaten in die Region!" ruft ein alter Herr, "erklärt Israel den Krieg!"
Überwiegend religiöse Demonstranten
Zehn Autominuten von der Presskonferenz entfernt haben sich die ersten Demonstranten auf dem zentralen Taksim-Platz eingefunden. Sie schwenken palästinensische Flaggen, tragen grüne Bänder um den Kopf und Transparente, auf denen "Verflucht sei Israel!" zu lesen ist, "Israelische Piraten" und "Wir sind alle Palästinenser".
"Hoch lebe die internationale Intifada" ruft ein Mann und ein Chor antwortet ihm "Allahu akbar", "Gott ist größer". Dass die Hilfsorganisation IHH, die zu den Protesten aufgerufen hat, angeblich der radikalen Muslimbruderschaft nahestehen soll, macht sich hier bemerkbar: Es sind überwiegend religiöse Demonstranten, die den Platz füllen.
Auch vor dem israelischen Generalkonsulat im Istanbuler Stadtteil Levent ist die Stimmung aufgeheizt. Hunderte Demonstranten versuchen in das Gebäude einzudringen, sie rufen "Tod Israel" und werden mit Wasserwerfern von der Polizei in Schach gehalten.
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Für den Sozialwissenschaftler Sinan Ogan vom türkischen Think-Tank Türksam dürfte sich die Welle der antiisraelischen Gefühle aber rasch auf die gesamte Bevölkerung übertragen. "Man kann das was heute morgen im Mittelmeer passiert ist, nicht mal mit den Piraten von Somalia vergleichen", sagt er. "Denn die haben wenigstens eine Hemmschwelle. Die beschlagnahmen höchstens das Boot. Israel hat das bei weitem überschritten und die Schiffe angegriffen, als sei Krieg."
Eine weitere Eskalation, ein Säbelrasseln in der Ägäis, eine Kriegserklärung an Israel gar - nichts will Ogan ausschließen. "Man kann das fast mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger vergleichen, das zum Auslöser des Ersten Weltkriegs wurde", glaubt er.
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