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31.05.2010
 

Israelische Militäraktion

"Schade, dass wir nicht alle Schiffe versenkt haben"

Aus Aschdod berichtet Ulrike Putz

Israeli mit Nationalflagge in Aschdod: Schuld sind immer die anderenZur Großansicht
AFP

Israeli mit Nationalflagge in Aschdod: Schuld sind immer die anderen

Mehrere Tote, Dutzende Verletzte - Israels Angriff auf sechs Schiffe mit Ziel Gaza-Streifen sorgt weltweit für Entsetzen. Doch dort will man von einem Fehlschlag nichts wissen. Schuld seien die Aktivisten an Bord, sie hätten die Marinesoldaten angegriffen. Öffentliche Selbstkritik üben nur wenige.

Simon und seine Freunde feiern: "Das Volk Israel lebt", skandieren sie auf dem Jona-Hügel in der israelischen Hafenstadt Aschdod. Von der Anhöhe aus haben sie den besten Blick auf das Mittelmeer, auf den Hafen. Vor dieser Küste soll der biblische Wal den Propheten Jona ausgespuckt haben. Doch das scheint die etwa 200 Menschen hier herzlich wenig zu interessieren. Sie sind gekommen, um einen vermeintlichen Sieg Israels über den internationalen Terrorismus zu feiern.

Am Morgen hatte die israelische Marine sechs Schiffe mit Hilfsgütern und etwa 800 Aktivisten an Bord aufgebracht.Bei der Kommandoaktion in internationalen Gewässern, mit der Israel verhindern wollte, dass die Hilfsflotte die Seeblockade des Gaza-Streifens durchbricht und ihre Fracht in das von der Hamas beherrschte Küstengebiet bringt, wurden mehrere Passagiere getötet. Die genaue Anzahl der Toten ist noch unklar. Israels Regierung sprechen von zehn Opfern, andere Quellen nennen 16. Dutzende Aktivisten und zehn israelische Soldaten wurden teils schwer verletzt.

"Eigentlich haben wir ja gar keinen Grund zum Feiern", sagt Simon, außer Atem vom Rufen rechtsnationaler Parolen. Warum? "Na, weil es schade ist, dass wir nicht alle Schiffe versenkt haben." Sein Kumpel hält ein Schild hoch. "Gut gemacht, IDF", gratuliert er der israelischen Armee. Im Hafen landen unterdessen die von der israelischen Marine eskortierten Schiffe der Hilfsflotte an. "Verlierer!", ruft ein in die israelische Flagge gehüllter ultraorthodoxer Jude in Richtung Docks.


Leute wie Simon stehen sicher nicht für den Durchschnittsisraeli, der betroffen auf die Nachricht von den Toten und Verletzten an Bord der unter türkischer Flagge fahrenden "Mavi Marmara" reagiert haben mag. Doch er und seine Mitdemonstranten sind ein extremes Beispiel für die Zustimmung zu einer Aktion, die offenbar gründlich schiefgelaufen ist.

Denn möglicherweise haben die Soldaten die Situation auf See erst falsch eingeschätzt und dann überreagiert. Doch es wird nicht diskutiert, wer wo versagt hat. Es werden keine Verantwortlichen ausgemacht, es wird nicht versucht, dieses Desaster aufzuarbeiten, das Israels Image irreparablen Schaden zufügen könnte. Stattdessen haben sich Israels Offizielle und die Mehrheit der Medien darauf verlegt, jede Schuld weit von sich zu weisen.

"Hunderte Terroraktivisten haben versucht, israelische Soldaten zu lynchen", sagte zum Beispiel Yohanan Plesner, ein Knesset-Abgeordneter der eigentlich links der Mitte angesiedelten Kadima-Partei, der BBC. Die Verantwortung für die Vorfälle läge ergo bei den "Terroristen" an Bord der Schiffe. Kommentatoren der großen israelischen Fernsehsender stimmten zu: Israel habe sich nichts zuschulden kommen lassen, sagte Roni Daniel, der Militärexperte des zweiten Kanals.

Israels Ministerpräsident Benjamin Nentanjahu erklärte, die Streitkräfte hätten in Notwehr gehandelt. Er bedauerte, dass bei der Erstürmung Menschen getötet wurden - und betonte zugleich, dass die Blockade des Gaza-Streifens fortgesetzt würde.

Dabei ist es noch völlig unklar, was sich auf hoher See zugetragen hat. Bis zum Montagnachmittag war es nicht möglich, mit Passagieren der festgesetzten Flotte Kontakt aufzunehmen, um ihre Version der Ereignisse zu hören.

An Bord der Flottille waren etwa 700 Menschen, darunter nach Angaben des Auswärtigen Amts zehn Deutsche. Auch zwei Bundestagsabgeordnete der Linken sowie ein ehemaliger Abgeordneter der Partei hatten sich der Aktion angeschlossen, ebenso wie der Bestsellerautor Henning Mankell und die Friedensnobelpreisträgerin Mairead Corrigan Maguire aus Nordirland.

Die Aktivisten wurden in eine vor Tagen im Hafengebiet errichtete Einrichtung gebracht, Zutritt für Journalisten gab es nicht. Vermutlich wird es Tage dauern, bis sie aus ihrer Sicht berichten können, was sich auf der "Mavi Marmara" zugetragen hat. Die Aktivisten werden wohl erst reden können, wenn sie in ihren Heimatländern eingetroffen sind, in die Israel sie unter Androhung von Gefängnisstrafen abschieben will. Bis zur Deportation sollen die Betroffenen festgehalten werden - ohne Zugang zu Telefon oder Internet.

Wie konnte die Spezialeinheit so überrumpelt werden?

Derweil bleibt Israel bei seiner Version der Ereignisse. "Unsere Soldaten wurden von bis zu 30 Terroristen angegriffen, als sie sich von Hubschraubern aufs Deck des Schiffs abgeseilt hatten", sagt Schahar Arieli, ein Vertreter des israelischen Außenministeriums, der internationalen Presse in Aschdod. Der Mob habe versucht, israelische Soldaten zu töten, im Zuge dessen seien zwei Soldaten ihre Waffen entrissen worden. Terroraktivisten hätten dann das Feuer auf die Israelis eröffnet, diese hätten sich bloß verteidigt.

"Israel hat es nicht auf eine Konfrontation angelegt, wir haben nicht erwartet, dass wir angegriffen werden", so Arieli. Wie es dazu kommen kann, dass hochprofessionelle Spezialeinheiten sich während eines seit Tagen geplanten Einsatzes derart überrumpeln lassen, kann er nicht erklären.


Schadensbegrenzung ist angesagt - auch wenn es dabei zu Patzern kommt. Am Vormittag hatte Jerusalem kolportiert, die Hilfsflotte sei nicht etwa in internationalen Gewässern angegriffen worden, sondern innerhalb der 20-Meilen-Blockade-Zone vor dem Gaza-Streifen. Kommentatoren und Politiker beriefen sich darauf, als sie den Angriff legitimierten. Später musste die Regierung eingestehen, dass die "Mavi Marmara" sehr wohl in internationalen Gewässern aufgebracht wurde.

Besonnene Stimmen? In der Minderheit

Im Übrigen mache es gar keinen Unterschied, wo sich der Zwischenfall zugetragen habe, sagt Außenamtssprecher Arieli nun in Aschdod. "Wenn man weiß, dass jemand versuchen wird, ein Verbrechen zu begehen, darf man ihn schon im Vorfeld daran hindern. Wenn du weißt, dass jemand in dein Haus einbrechen will, kannst du ihn schon auf der Straße stoppen", erklärt der Offizielle.

Es sind nur wenige Israelis, die sich an diesem Tag besonnen zu Wort melden. Amos Harel, der Militärexperte der linksliberalen Tageszeitung "Haaretz", schreibt, der Schaden, den sich Israel international zugefügt habe, könne wohl kaum überschätzt werden. Tatsächlich hat die Attacke auf den Konvoi international scharfe Kritik hervorgerufen.

In Tel Aviv wollen einige Israelis demonstrieren, auf Facebook wird zu einer abendlichen Mahnwache vor dem Verteidigungsministerium aufgerufen. Israel habe "eine Regierung von Pyromanen, die die Region in Brand steckt", schreiben die Veranstalter, dagegen müsse jeder Bürger auf die Straße gehen.

Viel Unterstützung findet diese Sicht der Dinge offenbar nicht: Am Nachmittag haben gerade mal 438 Facebook-Nutzer ihre Teilnahme an der Demo zugesagt.

Mit Material von dpa

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