Toronto/Ottawa - Gemütliche Gespräche am Seeufer sollen in Kanada auch abseits der freien Natur möglich sein - zumindest während der Ende Juni bevorstehenden G8- und G20-Gipfel. Um die internationale Journalistenschar zu begeistern, will die kanadische Regierung einen künstlichen See im Medienzentrum von Toronto anlegen. Die Kosten dafür werden auf zwei Millionen kanadische Dollar (1,5 Millionen Euro) geschätzt.
Die Opposition ist von dieser Idee nur wenig begeistert: "Wir haben eine Regierung, die einen künstlichen See anlegen lässt, obwohl Kanada bereits jetzt mehr Seen hat als irgendein Land der Erde", sagte Jack Layton, der Vorsitzende der Neuen Demokraten, Anfang der Woche. Er spricht von einer "Verschwendung von Steuergeldern" und kann sich nicht vorstellen, wie Premierminister Stephen Harper diese rechtfertigen wolle. Das Verhalten sei "absurd".
Auch die liberale Opposition hat kein Verständnis für den geplanten Kunstsee: Der Abgeordnete Mark Holland findet es unverständlich, dass niemand die Regierung darauf hingewiesen habe, was für eine "schlechte Idee" es sei, für das künstliche Gewässer zwei Millionen Dollar auszugeben. Für die dreitägige Veranstaltung werde das Geld buchstäblich aus dem Fenster geworfen.
Rund 3000 Journalisten werden anlässlich der Gipfeltreffen in Toronto erwartet, sie sollen sich an dem unechten See mit Anlegestelle, Liegestühlen und Baumbestand wohl fühlen - dafür finden die Konservativen die Ausgaben angemessen. Kanadas Außenminister Lawrence Cannon sagte, sein Land sei stolz darauf, die Welt zu Gast zu haben. Es sei üblich, alles zu zeigen, was ein Land zu bieten habe und genau das tue die Regierung mit dem Bau des Sees unter dem Dach des Pressezentrums.
Besondere Brisanz erhält die Idee vor dem Hintergrund der internationalen Finanzkrise, die auch Kanada nicht verschonte. Die kanadische Tageszeitung "Toronto Star" schreibt, die Regierung des Landes werfe mit Geld um sich, das sie nicht habe. Ironischerweise werde der See für Treffen angelegt, auf denen darüber diskutiert werde, wie man die internationale Wirtschaftsmisere in den Griff bekommen könne.
Die Kosten steigen immer weiter
Das künstliche Gewässer ist nicht die einzige Ausgabe, wegen der die Regierung in die Kritik gerät: Den Konservativen wurde bereits vorher vorgeworfen, unnötig viel Geld für die Gipfeltreffen auszugeben. So will Kanada knapp eine Milliarde kanadische Dollar in die Sicherheit der Veranstaltung investieren - laut "Toronto Star" sind diese Kosten sechsmal höher als ein im März von der Regierung geschätzter Betrag.
Finanzminister Jim Flaherty beharrt aber auf der Notwendigkeit der immer weiter steigenden Ausgaben: Diese Kosten müsse Kanada in Kauf nehmen, wenn es ein leitendes Land auf der Weltbühne sein wolle, sagte er laut der Website des kanadischen Fernsehsenders CTV. Den liberalen Politiker Rodger Cuzner kann die Regierung mit dieser Argumentation nicht überzeugen. Während die kanadische Bevölkerung ihre Gürtel enger schnalle, um steigende Zinsen bewältigen zu können und Tausende Menschen arbeitslos seien, gebe das Land Geld für Projekte aus, die kaum etwas mit den eigentlichen Gipfeltreffen zu tun haben, sagte er dem "Toronto Star". Die Zeitung schreibt, der See sei nur ein Beispiel für den Kaufrausch, in den die Regierung vor der Veranstaltung verfallen sei.
Der G8-Gipfel findet am 25. und 26. Juni in Huntsville, 225 Kilometer nördlich von Toronto, statt. Am 26. und 27. Juni kommen in Toronto die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer zu ihrem Treffen zusammen.
tro/AFP/apn
Auf anderen Social Networks posten:
Haben die einen Knall? Die Bilderberger haben sich auch gerade in Sitges getroffen! Die tragen alle Kosten selbst! Und das sind Leute von einem ganz anderen Kaliber. Ich konnte leider dieses Mal nicht teilnehmen, ich hatte [...] mehr...
Ok, das sind ja einige Gründe. Jetzt weiß ich es. mehr...
Z.B. weil Kanada der flächenmäßig zweitgrößte Staat der Welt ist? Oder weil es wirtschaftlich zig mal besser dasteht, als Länder wie Spanien, die quasi Dauerpleite sind? Oder weil Kanada über ähnlich viel Rohstoffressourcen [...] mehr...
Hat Kanada nicht unter anderem in der nähe von Toronto die Great Lakes?....lol!Stephen Harper,dieser Smartie,ist wohl größenwahnsinnig geworden!Meine Frau ist Kanadierin,ich weiß wovon ich rede. mehr...
Mir leuchtete generell nie wirklich ein, warum Kanada "G8" ist aber Spanien nicht. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Kanada | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH