Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Der Sieger muss ein TV-Interview geben. Er soll sich erklären, nach dieser parteiinternen Vorwahl der Demokraten für den Senatssitz in South Carolina. Immerhin könnte er ab November den Bundesstaat in der wichtigsten Kammer des Landes vertreten.
Alvin Greene, 32, triumphaler Gewinner der Vorwahlen mit fast 60 Prozent der Stimmen, steht pünktlich zur Befragung bereit, er hat seinen mächtigen Körper in einen schicken Anzug gezwängt, eine US-Flagge steckt am Revers.
Greene will wie ein Senator aussehen.
Doch niemand möchte mit ihm über den Senat oder Washington sprechen. Alle wollen einfach hören: Wer ist Alvin Greene?
Im Wahlkampf, der über Monate tobte, hat niemand von dem jungen Afroamerikaner gehört, der sonst Schlabber-T-Shirts trägt. Fest steht nur eins: Greene stand auf dem Stimmzettel und hat viele Stimmen bekommen. Sehr viele, mehr als 100.000.
Damit lag er haushoch vor seinen Mitbewerbern. Im November kann er gegen den Kandidaten der Republikaner antreten, der Sieger wird einer von bloß 100 mächtigen Senatoren in der US-Hauptstadt werden.
Sieg ohne Wahlkampf?
Senatsvorwahlen sind in Amerika teure Angelegenheiten, ausgefochten von riesigen Beraterteams. Greenes Demokraten-Widersacher Vic Rawl investierte Hunderttausende Dollar, er ist seit vielen Jahren in der Politikszene von South Carolina aktiv, er plante seine Kampagne online, offline, überall.
Greene hingegen verfügt nicht einmal über eine Website. Mitarbeiter: Fehlanzeige. In seinem Wahlkampfkonto lagern 114 Dollar. Eine öffentliche Rede hat der Senatskandidat noch nie gehalten. Ein Programm scheint er auch nicht zu haben. Damit müsse er sich erst beschäftigen, antwortet Greene auf die meisten politischen Fragen.
Wie um Himmels willen bekam er also so viele Stimmen, will MSNBC-Moderator Keith Olbermann nun von ihm wissen.
"Ich habe einfach im ganzen Staat Wahlkampf geführt. Daher kam die Mund-zu-Mund-Werbung", behauptet der neue Demokraten-Hoffnungsträger. Nur hat ihn vor dem Wahltag niemand dabei gesehen.
Ob er denn viele Veranstaltungen mit Wählern abgehalten habe, hakt Olbermann nach.
"Bloß ein paar, nicht viele", druckst Greene herum.
Irgendwelche großen Kundgebungen?
"Vor allem informelle Treffen."
Wie viel Spenden er eingetrieben habe, fragt der ungläubige Moderator.
"Nicht viele. Ich habe meine eigenen Mittel verwendet. Ich habe eine einfache, altmodische Kampagne geführt."
So geht das viele quälende Minuten lang, Journalist Olbermann guckt misstrauisch. Kandidat Greene blickt hilflos. Aus dem Hintergrund scheint ihm ein Helfer Antworten zuzuflüstern. Gegen dieses Interview wirken selbst die verwirrtesten Auftritte der republikanischen Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin wie Sternstunden der Staatskunst.
Unfall, Protestwahl oder Manipulation?
Ist Greenes Geschichte einfach ein Politikmärchen? Bis voriges Jahr diente er in der Armee, "aber das hat nicht so geklappt", sagt er. Seither ist er arbeitslos. Er lebt mit seinem kranken Vater in einem 4000-Seelen-Kaff, er hat kein Handy, wenn er online surfen möchte, muss er in die öffentliche Bibliothek gehen.
Nobody Greene wäre sozusagen der fleischgewordene Gegenentwurf zum Establishment in Washington - in einem Jahr, da der Hass auf die Eliten in der Hauptstadt unter Amerikanern besonders ausgeprägt ist.
Doch es ist ein Märchen mit vielen Unbekannten, wohl zu vielen. 10.400 Dollar kostet die Registrierung als Kandidat für die Senatsvorwahl. Greene hat per Scheck bezahlt, darauf steht: "Alvin M. Greene for US Senate".
Doch kurz vor der teuren Kandidatur brauchte Greene juristischen Beistand, ein 19 Jahre altes Mädchen behauptete, er habe ihr gegen ihren Willen pornografische Bilder gezeigt. Damals hatte Greene noch so wenig Geld, dass der Staat ihm einen Pflichtverteidiger stellen musste. Woher stammt nun also das viele Geld für die Senatsbewerbung? Von Ersparnissen aus seiner Militärzeit, behauptet Greene, mehr will er nicht sagen.
Für die Demokraten ist das vermeintliche Politikmärchen ein Alptraum. Sie wollen mit einem solchen Kandidaten nichts zu tun haben. Nun suchen sie nach Erklärungen, wie das Abstimmungsmalheur passieren konnte. Einige vermuten, die Wähler in South Carolina hätten sich einfach vertan und für Greene gestimmt, weil sein Name auf alphabetischen Wahllisten weit oben stand. Greene kommt vor Rawl, dem Namen seines Demokraten-Mitbewerbers.
Andere glauben, schwarze Wähler hätten ihr Kreuz für Greene gemacht, weil ihnen das ungewöhnliche e am Ende seines Namens verriet, dass dieser ihre Hautfarbe hat. Afroamerikaner, die als Sklaven nicht Schreiben lernen konnten, fügten oft ein e an Green an, so entstand diese Schreibweise.
Ein Kandidat als Trojanisches Pferd?
Doch es kursiert noch eine weitere Theorie. Und die birgt erhebliche politische Brisanz. Danach könnten die Republikaner in South Carolina Greene als Marionette finanziert und eingeschleust haben - um den Demokraten einen unfähigen Kandidaten unterzujubeln.
Theoretisch ist das möglich: Bei einer offenen Vorwahl wie der in South Carolina müssen die Wähler sich nicht für eine Partei entscheiden. Konservative könnten also in großer Zahl für Greene gestimmt haben, nachprüfen lässt sich dies nicht.
Einige Indizien sprechen dafür: Die Wahlbeteiligung bei den Vorwahlen war seltsam hoch, Greene schnitt in weißen konservativen Gegenden erstaunlich gut ab. Auch hat es einen ähnlichen Fall in den neunziger Jahren schon einmal gegeben, als ein republikanischer Berater einen arbeitslosen Scheinkandidaten aufstellen ließ. Der konservative Verband in der Region gilt zudem als besonders trickreich.
Andererseits: Der republikanische Senator Jim DeMint, gegen den Greene im November zur Abstimmung über den Senatssitz antreten würde, ist ohnehin haushoher Favorit im konservativen South Carolina. Hätten seine Parteifreunde ein solches Manöver nötig?
"Ich weiß nicht, ob die Republikaner Greene eingeschleust haben", sagt der demokratische Kongressabgeordnete James Clyburn. "Aber jemand hat es getan und will unseren Vorwahlprozess untergraben."
Nun versuchen die Demokraten, ihren Vorwahlsieger zum Rückzug zu bewegen. Das wird nicht so einfach. Greene scheint seinen neuen Ruhm zu genießen. Und er hat sich einen Satz gut gemerkt, er kommt ihm als einer der wenigen Sätze flüssig über die Lippen, immer wieder. "Ich bin der demokratische Kandidat für den Senat", beharrt der Wahlsieger Greene. "Die Wähler haben entschieden."
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(Fortsetzung) *Zur 2. Frage*: Um nicht auf Kaffeesatzleserei zurückgreifen zu müssen, haben mehrere namhafte Statistiker damit begonnen, die Wahlergebnisse statistisch-forensisch zu untersuchen. Für definitive Aussagen ist es [...] mehr...
Da sind wohl verschiedene Sachen passiert. Man sollte vor allem zwei Fragen unterschiedlich betrachten: *1. Ist Greene aus Eigeninitiative angetreten und hat die $10400-Gebühr tatsächlich aus eigenem Erspartem finanziert? 2. [...] mehr...
Nun, Mitglied der Dems muss Herr Greene wohl schon sein, um bei deren Vorwahlen antreten zu können. Dann entscheiden aber nicht irgendwelche obskuren Parteigremien, wer Kandidat wird, sondern der Wähler. Wirkt irgendwie [...] mehr...
... und Bush schaffte es sogar zum Präsident ?! mehr...
Mir ist übrigens noch eine Idee eingefallen, wie das Ergebnis zustande gekommen sein könnte. Hat auch mit dem Wahlsystem zu tun. Ich erinnere mich an den angeblichen "thick thumb", der den rapiden Kurssturz an der NYSE [...] mehr...
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