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18.06.2010
 

Nahost

Israels Liberale kämpfen gegen die fromme Front

Von Ulrike Putz

Protest in Jerusalem: Schwarzer Block der Ultra-Orthodoxen
Fotos
REUTERS

Der Fall entzweit Israel: Ultraorthodoxe Eltern wollen ihre Töchter mit allen Mitteln von anderen Kindern fernhalten. Dafür gingen über 100.000 Religiöse auf die Straße - und provozierten ihre weltlichen Mitbürger. Der Konflikt erschüttert die Grundfesten der israelischen Gesellschaft.

Jerusalem - Die Mädchenschule von Immanuel im Westjordanland könnte ein ganz normales Lerninstitut für 200 Schülerinnen sein. Doch hier herrscht strikte Trennung. Die Mädchen betreten das Gebäude durch unterschiedliche Eingänge, werden in verschiedenen Klassen unterrichtet. Und der Schulhof wird durch einen Zaun getrennt - Kontaktaufnahme unmöglich.

Der Zaun trennt nicht nur die Schülerinnen der Beit-Jaakov-Schule. Er spaltet derzeit ganz Israel.

Immanuel ist eine ärmliche Siedlung im Westjordanland, ein paar hundert jüdische Familien leben dort. Alle sind ultraorthodox, und die meisten Familien sind orientalisch-jüdischer Herkunft, so genannte Sefarden.

Die europäischen Juden, Aschkenasi genannt, sind im Ort in der Minderheit. Doch begreifen sich die zumeist aus Osteuropa eingewanderten Aschkenasi als Vertreter der reinen Lehre: Ihr Judentum sei strenger und deshalb "besser" als der durch jahrhundertelangen Kontakt mit Arabern verwässerte Glaube ihrer sefardischen Mitbürger, so die Überzeugung vieler europäischstämmiger Ultraorthodoxer.

Kontakt mit Kindern weniger frommer Eltern stelle deshalb eine Gefahr für die Sittsamkeit ihrer Töchter dar: Mit diesem Argument setzten die Aschkenasi an der staatlich finanzierten Beit-Jaakov-Schule vor drei Jahren die Trennung der Schülerinnen durch. Aschkenasische und sefardische Mädchen gehen seither zwar auf das gleiche Institut, lernen aber in unterschiedlichen Welten. Damit die Mädchen ja keinen Kontakt miteinander aufnähmen, verhängten die 43 aschkenasischen Elternpaare den Zaun zusätzlich noch mit Tüchern.

Zwei Jahre lang ging das so, dann klagte im Jahr 2009 eine Organisation sefardischer Ultraorthodoxer wegen Diskriminierung. Der höchste Gerichtshof in Israel entschied, die Trennung sei rassistisch motiviert und illegal. Doch die aschkenasischen Eltern kamen der Anordnung des Gerichts nicht nach, ihre Töchter gemeinsam mit ihren orientalischen Altersgenossinnen lernen zu lassen. Sie schickten sie stattdessen auf inoffizielle Schulen.

Ultra-Orthodoxe rufen "Krieg der Säkularen gegen die Religion" aus

Der schwelende Streit eskalierte in den vergangenen Tagen. Zunächst entschied Richter Edmond Levy am Dienstag, die Mütter und Väter sollten deshalb wegen Missachtung des Gerichts für je zwei Wochen ins Gefängnis und eine Geldstrafe zahlen.

Am Donnerstag, dem Tag, an dem die Eltern ihre Gefängnisstrafe antreten sollten, kam es dann zum Aufstand der Ultra-Orthodoxen: Weit über 100.000 Fromme gingen in Jerusalem und anderen religiös geprägten israelischen Städten auf die Straße, um ihre Unterstützung für die schulische Rassentrennung kundzutun. Auf Plakaten attackierten sie Richter Levy als "Faschisten", prangerten den "Krieg der Säkularen gegen die Religion" an. Am Vortag hatte der religiöse Knesset-Abgeordnete Mosche Gafne die die Demonstration kontrollierende israelische Polizei indirekt mit Nazis verglichen.

Der Aufmarsch der Religiösen wurde von der säkularen und moderat-religiösen Mehrheit in Israel mit Entgeisterung, ja mit unverhohlenem Zorn aufgenommen, und das nicht nur wegen des offensichtlichen Rassismus, der da propagiert wurde: Längst ist Israel eine Gesellschaft, die entlang der Demarkationslinie religiös-säkular tief gespalten ist und immer weiter auseinanderdriftet.

"Wir kochen vor Wut", schrieb der Kolumnist Yair Lapid, der sich bei der nächsten Wahl um ein politisches Amt bewerben will, angesichts der Demonstration im israelischen Massenblatt "Yedioth Ahronoth". "Wenn es nach mir ginge, würde ich morgen aufhören zu zahlen." Tatsächlich steht Geld im Mittelpunkt des Konfliktes, der Israel nach Ansicht von Beobachtern über kurz oder lang vor eine Zerreißprobe stellen wird: Ein großer Teil der geschätzt 650.000 ultraorthodoxen Israelis arbeitet nicht, sondern widmet sein Leben dem Bibelstudium. Sie leben von einer staatlichen Pension, die vom Geld der säkularen Steuerzahler finanziert werden.

Nicht-Religiöse schützen eine Ideologie, hinter der sie nicht stehen

Auch die Sicherheit ist ein Streitpunkt zwischen Ultraorthodoxen und weltlich orientierten Israelis: Streng Religiöse müssen nicht in der Armee dienen, zu der säkulare Israelis drei, Israelinnen zwei Jahre eingezogen werden. So sind es oft nicht-religiöse Soldaten, die unter Lebensgefahr und gegen ihre Überzeugung Siedler schützen müssen, die aus religiös-ideologischen Gründen im Westjordanland leben.

Die Ressentiments der weltlich Orientierten gehen noch weiter. Sie werfen den Ultras vor, ihren Kindern eine vernünftige Ausbildung zu verweigern. Tatsächlich wird an religiösen Schulen wie Beit Jaakov Mathematik nur bis zum Einmaleins gelehrt. Die Kinder lernen Lesen und Schreiben, ansonsten aber nichts, was sie befähigen würde, später einer normalen Arbeit nachzugehen.

Die Privilegien der Religiösen gehen auf das sogenannte "Status Quo"-Abkommen aus dem Jahr 1947 zurück. David Ben-Gurion, der ein Jahr später zum ersten Ministerpräsidenten Israels werden sollte, sicherte sich damit die Unterstützung der Rabbis für die Gründung eines säkularen Staates. Im Gegenzug ermöglichte er den religiösen Israelis, ihren Glauben frei ausleben zu können unbehindert durch Arbeit oder Militärdienst. Auch gestand Ben-Gurion dem Rabbinat die Aufsicht über Religions-Schulen und die Gerichtsbarkeit über familiäre Angelegenheiten zu. Er verfügte, dass staatliche Institutionen am Schabbat nicht arbeiten, dass öffentliche Einrichtungen koscheres Essen anbieten müssen.

Jüdische Gräber beim Krankenhausbau geschändet?

Hinzu kommt: Ultra-orthodoxe Familien haben oftmals zehn, zwölf Kinder. Zusammengenommen sind die verschiedenen Rabbis folgenden Gemeinden eine der am schnellsten wachsende Religionsgruppen der Welt. Ihren steigenden Einfluss in der israelischen Gesellschaft machen die Ultras vor allem in der Knesset geltend. Mit der Schas-Partei und dem "Vereinten Torah Judaismus" hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zwei Koalitionspartner, die die Interessen der Religiösen in der Regierung vertreten. Sie kämpfen dabei mit harten Bandagen: Mehrmals hat Schas gedroht, aus der Koalition auszutreten, wenn das Kindergeld oder die staatlichen Pensionen für Torah-Studenten gekürzt werden sollten. Da Netanjahu auf die Stimmen der Religiösen angewiesen ist, zögert er mit der Entscheidung.

Seit mindestens einem Jahr haben die Ultras jedoch auch die Straße als Schauplatz politisch-religiöser Auseinandersetzungen entdeckt. Regelmäßig kam es im vergangenen Sommer zu Ausschreitungen, als Religiöse gegen die Öffnung eines von der Stadt betriebenen Parkplatzes demonstrierten. In den vergangenen Wochen kam es wiederholt zu Zusammenstößen zwischen ultra-orthodoxen Jugendlichen und der Polizei, als für die Erweiterung eines Krankenhauses in Aschkelon Ausschachtungen vorgenommen wurden. Dabei seien jüdische Gräber geschändet worden, erklärten die Frommen.

Was viele Israelis und auch Kommentator Yair Lapid am meisten erzürnt, ist die Nachsicht, die staatliche Stellen bei den vergangenen Auseinandersetzungen gegenüber den ultra-orthodoxen Randalierern walten ließ. "Wenn die Polizei auch diesmal vor der Gewalt der Ultra-Orthodoxen kapituliert, dann ist Israel als Rechtsstaat erledigt", meint Lapid. Wenn der Staat sich nicht gegen Menschen wehre, die Schülerinnen wegen ihrer Hautfarbe diskriminiere, könnte die säkulare Mehrheit versucht sein, den seit 1947 bestehenden Gesellschaftsvertrag zwischen Religiösen und Weltlichen aufzukündigen, befürchtet er. "Was wird der Staat in der Hand haben, wenn wir uns völlig zu Recht weigern, eine Schule zu finanzieren, auf der die Schüler weder Englisch noch Mathe lernen?", so Lapid.

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