Von Gregor Peter Schmitz, Washington, und Matthias Gebauer
Der Präsident will vom Kabinettstreffen erzählen, es gab ja eine Menge zu besprechen. Den Wirtschaftsaufschwung habe er mit seinen Ministern diskutiert, sagt Barack Obama vor Reportern im Weißen Haus. Dazu den Arbeitsmarkt und die Lage im Irak, natürlich auch die Ölkrise.
Er blickt entschlossen, wie ein Oberbefehlshaber - stets bereit zu harten Entscheidungen, in allen Bereichen. Doch die Medienvertreter möchten nur über eine einzige anstehende Entscheidung reden. Als endlich ein Journalist Obama eine Frage stellen darf, fasst er sich kurz:
"Mr. President, werden Sie Mr. McChrystal feuern?"
Die sensationellen Bemerkungen von Stanley McChrystal, dem US-Oberbefehlshaber in Afghanistan, sind derzeit einziges Gesprächsthema in Washington. Der Vier-Sterne-General und seine engsten Mitarbeiter verspotteten gegenüber einem Reporter des Musikmagazins "Rolling Stone" Obamas Sicherheitsberater James Jones als "Clown". Den Namen von Vizepräsident Joe Biden verballhornten sie als "Bite Me", was sich frei als "Leck' mich" übersetzen lässt. Amerikas Afghanistan-Sonderbeauftragter Richard Holbrooke ist für die Militärs bloß eine nervöse Nervensäge, die ständig seine Ablösung fürchte.
Schlimmer noch: In McChrystals Umgebung, so ist im Magazintext nachzulesen, gilt der Präsident selbst als ahnungsloser Novize. Ein Mitarbeiter des Generals schildert eines der ersten Treffen seines Bosses mit dem Präsidenten so: "Obama wusste eindeutig nichts über ihn, wer er ist. Da ist der Mann, der diesen verfickten Krieg verantworten soll, aber er scheint sich gar nicht so sehr zu kümmern."
Es sind erstaunliche Aussagen, unerhörte. Sie kommen einer Meuterei gleich, vergleichbar mit den Attacken eines Generals Douglas Mac Arthur gegen Präsident Harry Truman während des Korea-Kriegs. Der Militär wollte partout Atomwaffen einsetzen, Truman verweigerte sich - und musste den aufmüpfigen MacArthur schließlich 1951 feuern.
Nun steht Obama unter ähnlichem Druck. Schließlich sollen in Amerika noch immer die Militärs dem Präsidenten gehorchen, nicht umgekehrt. Die kritischen Bemerkungen im Artikel hätten "schwaches Urteilsvermögen" offenbart, antwortet Obama auf die knappe Frage nach McChrystals Entlassung. Doch er fügt hinzu: "Ich möchte direkt mit ihm sprechen, bevor ich irgendwelche endgültigen Entscheidungen treffe."
Am Mittwoch wird der General sich in Washington erklären müssen, bei einem der monatlichen Lagetreffen zu Afghanistan, an denen er sonst per Videoschaltung teilnimmt. Aber das Weiße Haus bestand darauf, dass McChrystal diesmal eigens anreist. Er wird im Situation Room des Weißen Hauses neben Regierungsmitgliedern sitzen müssen, über die er so gelästert hat.
McChrystal hat den Magazinartikel bereits schriftlich bedauert, laut US-Medienberichten ist sein Rücktrittsschreiben schon verfasst. Aber wird Obama das Angebot annehmen - etwa in einem Vier-Augen-Gespräch mit dem General, das ebenfalls für Mittwoch angesetzt ist?
McChrystal ist ein Wiederholungstäter
Immerhin ist dieser das Gesicht der neuen Strategie in Afghanistan, für die Obama nach monatelangen Überlegungen mehr als 30.000 weitere Soldaten entsandte. McChrystal versprach dem Präsidenten einen intelligenteren Ansatz - weniger zivile Tote und mehr Kooperation mit der Bevölkerung. Ist es damit nun schon wieder vorbei? "Der General hat einen enormen Fehler begangen", sagt Obamas Sprecher Robert Gibbs. Er weigert sich hartnäckig, McChrystal eine Jobgarantie auszusprechen. "Nach dem Treffen mit dem Präsidenten werden wir mehr dazu sagen können."
"Seine Kommentare sind unvereinbar mit dem Verhältnis zwischen Militär und Oberbefehlshaber", schimpft auch der Republikaner John McCain. Verteidigungsminister Robert Gates veröffentlicht einen schriftlichen Rüffel. Generalstabschef Mike Mullen zeigt sich "tief enttäuscht".
Der Präsident selbst erfuhr von dem Magazintext, als ihn sein aufgebrachter Vize Biden am Montagabend darauf hinwies. Der Präsident sei "zornig" gewesen, sagt Sprecher Gibbs. Wie sehr, will ein Reporter wissen. "Wenn Sie dabei gewesen wären, wüssten Sie, wovon ich rede", antwortet Gibbs.
McChrystal ist eine Art Wiederholungstäter. Als die Regierung voriges Jahr über den weiteren Kurs in Afghanistan tief gespalten war, wurde zum Ärger des Weißen Hauses urplötzlich ein internes Memo bekannt, in dem der General seine Argumente für eine Truppenaufstockung darlegte. Bei einem Auftritt in London bezog er zudem offen gegen Vize Joe Biden Stellung, der eher für die gezielte Jagd auf Terroristen warb. "Die ehrliche Antwort ist: Nein", antwortete McChrystal auf die Frage, ob Bidens Strategie zum Sieg am Hindukusch führen könne. Das sorgte für Stirnrunzeln im Oval Office.
Wenig Schlaf, eine Mahlzeit am Tag
Obama bestellte den General damals zu einem Gespräch an Bord der "Air Force One" ein. "Er kam zu dem Schluss, dass McChrystal ein Instrument von General David Petraeus und Generalstabschef Mike Mullen war", sagt "Newsweek"-Kolumnist Jonathan Alter, Autor des ersten Insiderbuches über die Obama-Präsidentschaft, zu SPIEGEL ONLINE. Diese Militärs wollten Obama auf ihren Kurs zwingen, weit mehr Soldaten dauerhaft nach Afghanistan zu schicken. Doch Obama mochte McChrystal, der sich zuvor als Terroristenjäger im Irak bewährt hatte, sagt Alter - auch wenn dieser nach Einschätzung des Präsidenten etwas naiv im Umgang mit Medien agiere.
Experten teilen diese grundsätzlich positive Einschätzung: "McChrystal ist ein hervorragender General", sagt Michael O'Hanlon von der Brookings Institution. Dass diesem ein so peinlicher Patzer passieren konnte, passt auch nicht zu seinem disziplinierten Image. Der General soll nur wenige Stunden am Tag schlafen, er nimmt meist bloß eine Mahlzeit am Tag ein. Er wusste nach seinen früheren Schwierigkeiten auch, dass er sich einen weiteren PR-Ausrutscher kaum leisten konnte.
Dennoch gewährte McChrystals Imageberater Duncan Boothby Journalisten weiter ungewohnt offenen Zugang, selbst bei vertraulichen Morgenbesprechungen. Militärs anderer Nato-Staaten ging das gehörig auf die Nerven. Doch dem Afghanistan-Oberbefehlshaber brachte diese Praxis viele schmeichelhafte Porträts ein. Auch das Angebot an den "Rolling Stone"-Reporter sollte dem General wohl eine andere, jüngere Zielgruppe erschließen. Denn das Musikmagazin gilt als extrem autoritätskritisch. Voriges Jahr sorgte es mit einem Text über Goldman Sachs für Aufsehen, in dem es die Nobelbank mit einem "Vampirtintenfisch" verglich.
Dennoch durfte der "Rolling Stone"-Reporter McChrystal und Mitarbeiter fast einen Monat lang begleiten - etwa nach Berlin, wo die Gruppe an der Bar eines Nobelhotels versackte. Ähnlich lief es in Paris, wo das Team wegen des Flugverbots nach einem Vulkanausbruch in Island länger als geplant zusammenhockte.
Lebt die Debatte über den Sinn des Einsatzes neu auf?
"McChrystal war unglaublich sorglos", sagt "Newsweek"-Autor Alter. Dessen Sprecher Boothby hat die Magazin-Affäre schon den Job gekostet. Aber wie soll Obama reagieren? Er steckt in der Klemme. Der Präsident will sich nicht vorführen lassen. Doch feuert er den General, steht seine neue Strategie in Afghanistan ohne Mann an der Spitze da. "Es dauert lange, jemand Neues einzuarbeiten", sagt Militärexperte Nathaniel Fick vom Center for New American Security in Washington. Obama würde auch präsidiale Gelassenheit beweisen, wenn er es bei einer Standpauke für McChrystal beließe. Nicht ausgeschlossen, dass der mit einer aufrichtigen Entschuldigung am Mittwoch noch seinen Job retten kann.
Der Präsident betont bislang nur: "Welche Entscheidung auch immer" er mit Blick auf McChrystal treffe, es gehe vor allem darum, das Land sicherer zu machen. Seine Botschaft: Die militärischen Ziele in Afghanistan sind wichtiger als eine einzelne Person. Aber wird das Land am Hindukusch eigentlich sicherer? Eins wird vor lauter Aufregung um die Beleidigungen von Regierungsmitgliedern bislang übersehen: Im "Rolling Stone"-Artikel äußern sich McChrystal und sein Team sehr nachdenklich über die Lage in Afghanistan. Der Einsatz dort werde nie "wie ein Sieg aussehen, riechen oder schmecken", lässt sich ein enger Berater des Generals zitieren.
Der Trend ist schon lange erkennbar: Die Zahl der gefallenen US-Soldaten steigt stetig weiter, die Regierung um Präsident Hamid Karzai gilt auch unter der neuen Strategie weiter als korrupt, das afghanische Militär ist kaum für Kampfeinsätze zu gebrauchen. Obama könnte daher auch die Kontroverse zum Bruch mit McChrystals Strategie nutzen - die in den USA ohnehin immer lauter hinterfragt wird. "Eine Möglichkeit wäre, den Kerl zu feuern und ganz neu anzufangen", sagt Afghanistan-Fachmann Steve Clemons vom Center for American Progress - etwa in Richtung eines schnelleren Abzugs der US-Truppen.
US-Bündnispartner verfolgen diese Entwicklung nervös, darunter Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Sie fürchten, dass die Debatte über den Afghanistan-Einsatz wieder auflebt - und der neue Ansatz am Hindukusch schon zum Scheitern verurteilt ist. Denn zweierlei steht fest: "Dieser Zwischenfall zeigt, dass das verantwortliche Team nicht zusammenwächst, sondern sich gegenseitig hinterrücks attackiert", meint Bruce Riedel, Militärexperte der Brookings Institution. Und: Selbst wenn McChrystal im Amt bleibt, ist sein Einfluss geschwächt. Wie sollte er seine Vorgesetzten künftig von seinen Ideen überzeugen?
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, McChrystal werde am Donnerstag mit Obama zusammentreffen. Tatsächlich wird dies schon am Mittwoch der Fall sein. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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Glaubt unser Verteidigungsminister tatsächlich, daß sich der Präsident der USA das bieten lassen kann? Und: Niemand ist unersetzbar. Und wenn es keinen gibt in den US-Streitkräften, der den General ersetzen könnte, steht es [...] mehr...
Über die (Nicht-)Vergleichbarkeit der beiden "Fälle" werden wir uns nicht einig. Also erst einmal auf den "Parkplatz" damit. ---Zitat--- McChrystal hat sich hinreißen lassen, und war so .., dies im [...] mehr...
Lieber Semper Fi, das klingt alles so schön "bodenständig", was Sie schreiben. Jedoch - Man kann sehr wohl, wenn auch indirekt den Vergleich mit Köhler wagen. Es ging mir darum, zu zeigen, dass Menschen in [...] mehr...
Der Präsident ist der Oberbefehlshaber? Irgendwie ist das System ja schon irgendwie archaisch. Naja, nicht viel anders als bei uns mit dem Buprä. Ich finde nicht, dass Obama den Irischstämmigen unbedingt feuern muss. [...] mehr...
Sie haben als Dritter geposted und das um 7:33. Der erste Kommentar kam um 7:27. Welche angepassten, kriecherischen Kommentare meinen Sie? Sie hätten lieber wieder den Tatendrang von 1933 bis 1944??? Zum Glück hat das Land [...] mehr...
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