Hamburg - Für die Nato reißen die schlechten Nachrichten aus Afghanistan nicht ab: Der Juni ist noch nicht vorbei, doch es steht bereits jetzt fest, dass dieser Monat für die internationalen Truppen der verlustreichste seit Beginn des Einsatzes Ende 2001 ist - mit bislang 80 Toten.
Bislang hatte es nur 2009 in den Monaten Juli, August und Oktober jeweils mehr als 70 Tote gegeben. Nach Angaben des unabhängigen Internetdienstes icasualties.org verloren damit seit Jahresbeginn etwa 300 ausländische Soldaten in Afghanistan ihr Leben.
Nach der Entlassung von Oberbefehlshaber Stanley McChrystal soll nun General David Petraeus das Ruder in Afghanistan herumreißen. Doch US-Generalstabschef Mike Mullen warnt vor einer außergewöhnlich schwierigen Herausforderung. "Es ist eine enorm harte Zeit", sagte er.
Nicht nur für die Militärs verschlechtert sich die Lage, auch zivile Helfer vor Ort sind betroffen. Sie können ihre Aufbauarbeit nur unter großen Risiken fortsetzen. Einige Projekte stehen vor dem Aus - mit dramatischen Folgen für das vom Krieg gezeichnete Land.
SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Omar Sayami kennt die Situation der Hilfsorganisationen in Afghanistan. Er selbst hat sich beim Aufbau von zwei Schulen im Raum Kunduz engagiert. Gerade erst war er wieder in der Region, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Lesen Sie hier seinen Bericht einer Reise, die er wohl so schnell nicht wieder unternehmen kann:
"Allen Warnungen zum Trotz - nach eineinhalb Jahren habe ich es nicht mehr ausgehalten. Es hat gekribbelt, ich musste wieder nach Afghanistan.
Im Oktober 2008 hatte ich das Land zuletzt besucht. Doch seither hat sich die Situation verschlechtert: Kämpfe, Anschläge, Korruption. Die Taliban und andere Aufständische gewinnen an Macht, die Isaf-Truppen können kaum Erfolge vorweisen. Sie planen für den Sommer eine entscheidende Offensive, müssen aber zugleich den Wechsel ihres Oberbefehlshabers verkraften.
Mir war daher klar: Die Reise wird gefährlich. Doch ich wollte unbedingt nach Kunduz in Nordafghanistan, wo ich zusammen mit Unterstützern im Distrikt Qalay-i-Zal ein Schulprojekt verwirklicht habe. Im Dorf Char Gul Tepa haben wir 2005 eine Jungenschule bauen lassen, ein Jahr später folgte eine Mädchenschule. Das Geld dafür kam vom Verein "Initiative Afghanistan", den ich 2005 mit meiner Schwester gegründet habe. Wir fühlen uns Afghanistan eng verbunden. Ich habe einen afghanischen Vater, als Kind lebte ich selbst in diesem Land.
Für Ausländer absolut lebensgefährlich
Daher stand mein Entschluss fest, trotz aller Risiken machte ich mich auf den Weg. Von Deutschland flog ich über Dubai nach Kabul. Bei früheren Reisen nahm ich von dort ein Taxi, das mich auf einer fünfstündigen Fahrt nach Kunduz brachte. Doch inzwischen wagt kein Ausländer mehr diese 350 Kilometer lange Reise. Denn sie führt durch die Provinz Baghlan. Aufständische haben dort das Sagen. Das ist vor allem für Besucher aus dem Westen absolut lebensgefährlich.
Also ging es aus der afghanischen Hauptstadt mit einer Linienmaschine weiter nach Masar-i-Scharif. Dort stand ich vor einem neuen Problem. Ich musste weiter nach Kunduz, doch die Fahrt mit dem Auto wäre auch auf dieser Route zu gefährlich gewesen. Also musste ich eine Alternative finden.
Ohne Netzwerk kommt man derzeit in Afghanistan nicht weiter. Über Beziehungen gelang es mir, einen Platz in einer Bundeswehrmaschine nach Kunduz zu ergattern. Nach einer langen Odyssee erreichte ich so schließlich mein erstes Reiseziel.
Die Stadt wirkte bei meinem Eintreffen friedlich. Die Menschen im Basar und auf der Straße waren freundlich, das Leben florierte. Doch der friedliche Eindruck hielt nicht lange. In der Nacht konnte ich Schießereien, Detonationen und Kampfjets über Kunduz hören. In diesen Momenten merkt man, dass das Land sich im Kriegszustand befindet, wie unsicher und gefährlich das Leben hier ist.
Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hat als Deutschlands Hauptinstrument in der Entwicklungshilfe ein Büro in Kunduz. Dort wird die Sicherheitslage stündlich aktualisiert. Experten rieten mir von meinen Reiseplänen ab. Doch ich wollte unbedingt in die Schulen nach Char Gul Tepa.
Das Dorf ist rund 35 Kilometer von Kunduz entfernt. Doch diese kurze Distanz erwies sich als Riesenproblem. Schließlich rief ich die beiden Direktoren der Schulen an. Sie hatten eine - wenn auch riskante - Idee: Ich zog traditionelle afghanische Kleidung an und machte mich dann mit den Lehrern in einem Auto auf dem Weg. Die Fahrt führte quer durch das Gebiet von Aufständischen. Doch als Gast aus Deutschland konnte ich im Ernstfall wenigstens auf Traditionen bauen. Das afghanische Gastrecht hat einen hohen Stellenwert, gerade bei den Taliban. Doch wir hatten Glück - die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle.
Meine Begleiter drängten zur Rückreise
Ich war gespannt: Wie hatten sich die Schulen in Char Gul Tepa wohl entwickelt? Hatten der Krieg und der Vormarsch der Taliban Spuren hinterlassen?
Meine Sorgen waren unbegründet. Die Schulen machten einen guten Eindruck. Alles war gepflegt. 1500 Jungen und 500 Mädchen lernen dort inzwischen - getrennt voneinander. Sogar Computer haben die Schulleiter beim Bildungsministerium beantragt. Strom liefern Generatoren, die unsere "Initiative Afghanistan" im vergangenen Jahr gespendet hat. Auch eine Bibliothek gibt es.
Die Taliban oder andere Aufständische lassen die Schule in Ruhe. Wir haben sie mit dem Segen der Gemeinde, des Mullahs, des Bürgermeisters, der Polizei und der Bewohner errichtet. Die Bauarbeiten ließen wir von örtlichen Unternehmern und Arbeitern durchführen. Das war uns sehr wichtig.
Ich war erleichtert, nun wollte ich auch gerne ins Dorfzentrum gehen und schauen, ob dort etwas von den Kriegsfolgen zu sehen ist. Doch meine Begleiter waren dagegen. Sie wurden nervös. Zwei Stunden war ich nun schon an der Schule. So ein Ereignis spricht sich schnell herum in dem ländlichen Gebiet - und könnte auch Aufständischen zu Ohren kommen.
Die Lehrer drängten zur Rückreise. Auch ich wollte kein Risiko eingehen. Mein Ziel hatte ich schließlich erreicht und mir einen persönlichen Eindruck von dem Schulprojekt gemacht.
Dennoch: Erleichterung spürte ich auf der Rückreise nach Deutschland nicht. Denn mit unserem Verein wollten wir weitere Schulen bauen. Doch dafür hätten wir in Afghanistan herumreisen und prüfen müssen, wo sich das nächste Projekt realisieren lässt. Denn ohne Bildung wird in Afghanistan nichts passieren. Darum ist es so wichtig, in diesem Bereich zu investieren.
Ich hoffe, dass es nicht zu spät ist
Doch all der Aufwand und die hohen Risiken hatten mich ernüchtert. Für weitere Reisen ist die Lage einfach zu gefährlich. Meine Mitstreiter und ich werden unsere Aktivitäten in Afghanistan vorerst einstellen müssen. Was wir an Spenden bereits eingenommen haben, wollen wir nun in Zusammenarbeit mit anderen NGO sinnvoll einsetzen. So planen wir mit der Kinderhilfe Afghanistan und mit der Frauen-NGO Marwa Cultural Development Kooperationen; auch das Entwicklungsministerium und das Auswärtige Amt wollen wir um Unterstützung bitten.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Mit den vielen schlechten Nachrichten aus Afghanistan ist bei vielen Menschen im Westen auch die Spendenbereitschaft eingebrochen. Dabei kommt es gerade jetzt so sehr auf eine Unterstützung der Bevölkerung an. Viele Afghanen fügen sich den Taliban, um ein Mindestmaß an Sicherheit zu haben. Und in den meisten Provinzen haben ehemalige Warlords und vor allem korrupte Politiker das Sagen.
Wichtiger denn je ist es nun für den Westen, die Afghanen für sich zu gewinnen. Nicht nur militärische Erfolge zählen, noch wichtiger sind der zivile Aufbau und die Bekämpfung der Korruption. Die Menschen vor Ort in den Dörfern müssen das Gefühl haben, dass es vorangeht in ihrem Leben. Da helfen Schulen mehr als Bomben und Militäroffensiven.
Doch die Zeit drängt. Ich hoffe, dass es nicht zu spät ist."
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