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24.06.2010
 

Amerikas Afghanistan-Strategie

Mission Impossible für den Muster-General

Von Marc Pitzke, New York

General Petraeus: Stratege in der StrategiefalleZur Großansicht
AFP

General Petraeus: Stratege in der Strategiefalle

Die Ernennung von General Petraeus zum Oberkommandierenden in Afghanistan hat US-Präsident Obama viel Lob eingebracht. Doch der Feldherr steht vor einem kniffligen Problem: Er ist Architekt jener Kriegsstrategie, die dort gerade scheitert. Kann Petraeus das drohende Desaster abwenden?

Das Problem mit Medienskandalen ist, dass das Wichtigste oft im Getöse untergeht. So auch jetzt: Bei all dem Wirbel um den Bericht des Magazins "Rolling Stone", der dem bisherigen Afghanistan-Kommandeur, US-General Stanley McChrystal, zum Verhängnis wurde, blieb der eigentliche Kernpunkt des Artikels völlig auf der Strecke. Denn die Story klagte keineswegs nur McChrystal und sein Team an - sondern vielmehr die gesamte Kriegsstrategie der USA.

Ausführlich beschreibt Autor Michael Hastings, wie frustriert die US- Truppen in Afghanistan sind. Ihr Missmut gilt vor allem der Doktrin der "counterinsurgency", im Soldatenjargon Coin genannt. Gemeint ist die Niederschlagung der Gewalt mit einer Kombination aus militärischen, technologischen und diplomatischen Mitteln. Vor allem geht es darum, das Leben der Zivilbevölkerung zu schonen.

Diese Methode war schon im Irak erfolgreich und soll nun endlich auch in Afghanistan die Wende bringen. "Coin ist das neue Evangelium der Pentagon-Spitze", schreibt Hastings. "Eine Doktrin, die die Präferenz des Militärs für Hightech-Gewalt mit den Anforderungen langwieriger Kriege in gescheiterten Staaten zu verbinden versucht."

Doch Afghanistan ist nicht der Irak. Die Länder sind grundverschieden - und die Probleme auch.

In dem Artikel beklagen sich die Soldaten offen über ihre Lage - vor allem über die Vorgabe, selbst im Ernstfall nicht zu schießen oder Bomben zu werfen, um Zivilisten zu schonen. "Macht das alles noch einen Sinn?", klagt einer. "Da fragt man sich: Was machen wir hier eigentlich?"

Schwieriges Erbe für Petraeus

Diese Frage muss nun McChrystals Nachfolger beantworten, General David Petraeus. Der 57-Jährige - der dazu seinen Posten als Leiter des US-Zentralkommandos Centcom abtritt - erbt die größte militärische Herausforderung, vor der die USA dieser Tage stehen: Wie lässt sich Afghanistan befrieden?


Als US-Präsident Barack Obama die Generäle am Mittwoch austauschte, machte er klar, dass er damit keine militärische Wende signalisieren wollte. "Dies ist ein Personalwechsel", sagte er, "aber es ist kein Strategiewechsel." Petraeus habe "die gegenwärtige Strategie sowohl unterstützt wie auch zu entwickeln geholfen."

Mehr noch: Er hat sie sogar mit erfunden. Im Irak testete er die Coin-Doktrin; kombiniert mit der "Surge", der US-Truppenaufstockung in den Jahren 2006 und 2007 hatte sie Erfolg. Petraeus verfasste auch das dazugehörige Handbuch - ein 241-Seiten-Konvolut, das die üblichen Gefechtsregeln mit zivilen Hinweisen anreichert: "Sprachtechniken", "juristische Erwägungen", "Analyse sozialer Netzwerke".

Das Handbuch avancierte zur Bibel des US-Militärs - auch in Afghanistan. Petraeus' Vorgänger McChrystal ließ die Vorschriften als Merkkärtchen an seine Soldaten verteilen. Er hatte die Petraeus-Doktrin treu mit eigenen Mitteln umgesetzt.

Und genau darin liegt nun das Problem. So sorgte Obama mit der Wahl Petraeus' auf den ersten Blick zwar für einen sauberen Übergang. Die Kehrseite: Immer mehr Insider zweifeln daran, dass Petraeus' Coin-Strategie auch in Afghanistan funktionieren kann, zumindest unter den gegebenen Umständen.

Kritik am Truppenabzug

Ein Hauptargument: Im Irak war der Erfolg der "counterinsurgency" untrennbar mit dem massiven US-Truppenaufmarsch verbunden. In Afghanistan dagegen hat Obama jetzt genau das Gegenteil versprochen: Er will die US-Streitkräfte, die er Ende 2009 erst aufgestockt hatte, ab Juli 2011 wieder abziehen - ein Plan, den auch General Petraeus skeptisch sieht.

Andere Kritiker stellen das Strategiekonzept grundsätzlich in Frage. Die Vorstellung, "Herz und Geist" eines Volkes gewinnen zu können, sei ein "Klischee", eine "Fälschung" und eine "eigennützige Fiktion", die schon in Vietnam versagt habe, schreibt Gian Gentile, Geschichtsprofessor an der US- Militärakademie West Point und selbst ein Oberst. Es sei ein Fehler, anzunehmen, dass diese Methoden per se auch "für den nächsten Krieg und den danach geeignet seien".

Die Probleme der Afghanistan-Strategie wird denn wohl auch die größte Streitfrage bei den Anhörungen werden, in denen der Senat die Benennung Petraeus' kommende Woche bestätigen soll. Schon hat der Republikaner John McCain angekündigt, den Abzugsplan neu zu thematisieren. "Wir können dem Feind im Krieg nicht mitteilen, wann wir abziehen, und dann erwarten, dass sich unsere Strategie durchsetzt", sagte er dem TV-Sender ABC.

Hier zeigt sich das Dilemma: Im Irak beseitigte Petraeus die gescheiterte Strategie anderer. In Afghanistan ist es seine eigene Strategie, die klemmt. Seine Reputation als US-Kriegsheld steht auf dem Spiel. Das ahnte er selbst schon Ende 2008: "Ich habe immer gesagt, dass Afghanistan der härtere Kampf werden wird."

Gute Kontakte ins Weiße Haus

Er hat recht behalten. In Afghanistan läuft alles schief, was nur schieflaufen kann. Eine Offensive in der Provinz Helmand stieß im Frühjahr auf Widerstand, eine Folgeoffensive in Kandahar verzögert sich, Präsident Hamid Karzai gilt als unberechenbar, die Regierung als korrupt. Und die Taliban haben sich erfolgreich festgesetzt.

"Wir haben ein klares Ziel", sagte Obama am Mittwoch. "Wir werden das Momentum der Taliban brechen." Es waren exakt dieselben Worte, mit denen er im Dezember in der Militärakademie West Point seine neue Afghanistan-Linie angekündigt hatte. Man kann das auch so interpretieren: Die Amerikaner treten auf der Stelle.

Immerhin darin sind sich die meisten Beobachter einig: Wenn einer das Ruder herumreißen kann, dann Petraeus. Seit Jahren steckt er tief in der Materie. Er kennt Karzai und viele seiner Top-Beamten. Er pflegt enge Kontakte zu Pakistan und den zentralasiatischen Schlüsselstaaten. "Es ist, als ernenne man Yoda zum Chef des Kriegs", sagte ein Berater Petraeus' der "Washington Post", in Anspielung auf die Figur des greisen Weisen in den "Star Wars"-Filmen.

Petraeus wird auf die Kritiker der Afghanistan-Strategie zugehen oder die Strategie selbst anpassen müssen, ohne seinen Chef Obama zu düpieren. Zugute kommt ihm, dass er ein blendendes Verhältnis zu Washingtons Strippenziehern hat, anders als McChrystal, dessen beißende Verachtung der politischen Führung in dem "Rolling Stone"-Artikel ungefiltert hervortrat.

Dabei formulierte McChrystal nur das, was viele Soldaten denken. In der Tat sehen sie sich in Afghanistan von der Politik im Stich gelassen. Washington, klagen sie, habe sie vergessen.

Strategie als Achterbahnfahrt

Petraeus dürfte diese Klagen in der Hauptstadt jetzt wesentlich effizienter vortragen können als sein Vorgänger. Der PR-Fuchs zeigte schon im Irak, wie geschickt er seine Anliegen bei den Politikern und Diplomaten verkaufen kann.

Petraeus' Zusammenarbeit mit dem damaligen Irak-Botschafter Ryan Crocker und die Auftritte dieses Duos im Kongress sind Legende. Auch hat er eine gute Beziehung zu Außenministerin Hillary Clinton - ein weiterer Bonus, der ihm helfen könnte, das in Sachen Afghanistan zerstrittene US-Team auf eine Linie zu bringen.

"Petraeus wird sich in Ruhe hinsetzen und die gängigen Annahmen überprüfen", sagte der demokratische Senator Jack Reed, der im Streitkräfteausschuss sitzt, der "New York Times". "Die Schwerpunkte und der Ton werden sich wandeln. Petraeus' Führungsstil ist es, die Hand auszustrecken, an die Truppen, die Alliierten und die zivilen Führung."

Dazu wird er bei den kommenden Kongress-Anhörungen erste Gelegenheit haben. Schon vorige Woche musste er sich vor dem Senat zur Frage des Truppenabzugs erklären. Die Coin-Strategie, räumte auch er da ein, sei "ein Achterbahnfahrt-Erlebnis", das sich einer starren Zeitleiste widersetze. Das Datum Juli 2011 sehe er als Punkt, "an dem der Fortschritt beginnt" - nicht "als das Datum, an dem die USA zum Ausgang strömen".

Es war ausgerechnet bei jener Anhörung, als Petraeus während einer Frage seines Kritikers McCain ohnmächtig wurde und auf dem Zeugentisch zusammensank. Kein böses Omen, versicherte er den Senatoren anschließend: "Ich war wahrscheinlich etwas dehydriert."

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05.07.2010 von ray4901: Und dann?

Wie weiter? Sie werdens uns sagen, nehme ich an! mehr...

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Im Wortlaut: Der Rücktritt des Generals

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Obama: "Dies ist kein Strategiewechsel"

Karzai: "Gehofft, dass das nicht passiert"


Länderlexikon Afghanistan

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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