Von Carsten Volkery, London
Es ist fast schon eine Londoner Institution. Touristen knipsen belustigt die neue Attraktion direkt neben Big Ben, vorbeifahrende Autofahrer hupen zustimmend oder brüllen "Go home". Der Labour-Abgeordnete Tom Harris stöhnt über den "Schandfleck" auf seinem Arbeitsweg. Der Fernsehmoderator Adam Boulton schimpft auf den "Slum", der da auf dem trockenen Rasen vor dem britischen Parlament wuchert.
Wer in den vergangenen zwei Monaten den Parliament Square im Herzen der britischen Hauptstadt passierte, konnte das bunte Zeltlager nicht übersehen. "Welcome to Democracy Village", grüßt ein Banner. Auf einem Willkommenstisch liegen Flugblätter, der Mann dahinter nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche. Er ist gerade erst aufgewacht, es ist vormittags halb elf, um ihn herum brummt der Verkehr.
Die Zelte stehen hier seit dem 1. Mai. Nach der traditionellen Mai-Demo hatten einige Demonstranten Stangen und Planen ausgepackt und sich häuslich eingerichtet. Sie haben einen "Friedensgarten" angelegt, in dem sie ihre Beratungen abhalten. Die Bäume hinter den überlebensgroßen Statuen von Nelson Mandela und Winston Churchill haben sie mit großen weißen Transparenten geschmückt. "Zusammen können wir den Afghanistan-Krieg stoppen", ist auf einem zu lesen.
Das Demokratie-Dorf als "Top-Touristen-Attraktion"
Die Stadtverwaltung sah dem Treiben zunächst zu, es war Wahlkampf und niemand wünschte sich Bilder von Polizeigewalt. Doch inzwischen hat der konservative Londoner Bürgermeister Boris Johnson die Geduld verloren und eine Räumungsklage gegen das Zeltdorf angestrengt. Passanten hatten über Betteln und Belästigungen geklagt.
Der Bürgermeister respektiere das Demonstrationsrecht, aber das Ausmaß dieses Protests habe dem Platz "beträchtlichen Schaden" zugefügt, teilte das Rathaus mit. Auch sei der Parliament Square eine "Top-Touristen-Attraktion", deren Bild täglich um die Welt gehe.
Ein Richter hat die Räumung bereits angeordnet, doch wurde sie vor einer Woche im letzten Moment durch eine Einstweilige Verfügung gestoppt. Die Camper warten nun auf einen endgültigen Richterspruch.
Sie wollen nicht weichen. Sie sind gut organisiert, haben eine Web-Seite und eine Facebook-Gruppe mit rund tausend Freunden. "Der Parliament Square ist der beste Ort im Land, um gehört zu werden", sagt ein Mann mit Vollbart, der sich Dot nennt. "Er sollte ein permanenter Ort des Protests sein". Der 35-Jährige war mal Englisch-Lehrer, jetzt ist er Vollzeitaktivist. 20 bis 30 Leute lebten derzeit in den Zelten, schätzt er. Der Pfarrer einer nahegelegenen Methodistenkirche erlaubt ihnen, die Toilette in den Gemeinderäumen zu benutzen.
Unwillkommene Gäste bei den Kriegsgegnern
Die Gruppe ist heterogen, es gibt viel Fluktuation. Eine Zeitlang waren ein paar Ex-Soldaten dabei, die gegen den Krieg protestieren wollen. Aber auch unter Londons Hausbesetzern und Obdachlosen hat sich längst herumgesprochen, dass man gleich neben Big Ben eine sichere Bleibe finden kann.
Brian Haw hat für seine neuen Nachbarn nicht viel übrig. "Politisch? Die da?", schnaubt der 61-Jährige verächtlich. "Das ist ein Haufen Junkies. Die machen nur Party."
Haw ist der berühmteste Demonstrant der Insel. Seit 2001 schon zeltet er vor dem Parlament und protestiert gegen die Kriege in Irak und Afghanistan. GB, das stehe für "Genocidal Britain", sagt er. Millionen Menschen seien im Namen der britischen Regierung abgeschlachtet worden. Touristen sprechen ihn vertraulich mit "Brian" an und lassen sich vor seinen Plakaten fotografieren.
Politiker schenken ihren neuen Nachbarn kaum Beachtung
Haw wäre froh, wenn das Dorf geräumt würde. Er selbst ist von der Anordnung des Richters ausdrücklich ausgenommen, nach neun Jahren genießt er eine Art Gewohnheitsrecht auf dem Platz. "Brian kann es nicht ertragen, wenn er das Rampenlicht mit anderen teilen muss", sagt Len Miskulin. Er habe wohl ein bisschen zu lange die Abgase auf der Verkehrsinsel eingeatmet, deshalb sei er so rüde.
Miskulin hat sein Zelt nur wenige Meter neben Haw aufgeschlagen. Er sitzt auf einem Camping-Stuhl, neben sich das Schild: "Im Hungerstreik". Seit zwei Wochen, sagt er, trinke er nur Wasser. Und er wolle es durchziehen, "bis zum Ende". Oder, was wahrscheinlicher ist, bis der Platz geräumt wird.
Der gebürtige Kroate, seit über 30 Jahren in London, ist nicht hier, um gegen den Krieg zu demonstrieren. Er protestiert gegen ein persönliches Unrecht. Er sehe keine andere Möglichkeit mehr, sagt er. Ein Familiengericht habe ihm alles genommen, seine Kinder, seinen Job, seine Wohnung. Als er von dem "Democracy Village" gehört habe, sei er gekommen, um die Politik auf seinen Fall aufmerksam zu machen. Bislang hat noch keiner zugehört.
Die meisten Politiker fahren an den Zelten vorbei, ohne sie zu beachten. Die "Nachbarn aus der Hölle" nennt ein Parlamentsmitarbeiter die Demonstranten. Einmal sind sie vor das Büro des neuen stellvertretenden Premierministers Nick Clegg marschiert. Der Liberaldemokrat hat ein paar Minuten mit ihnen geredet. Aber nur einige Ex-Abgeordnete unterstützen das Protestdorf offen. Der Liberaldemokrat Lembit Opik kam zu einem Solidaritätsbesuch. Der 85-jährige Labour-Veteran Tony Benn, eine Legende in Westminster, hat sich sogar vor Gericht für sie eingesetzt.
Illusionen machen sich die Zeltbewohner nicht. Früher oder später werden die Räumkommandos kommen. Bisher hat sie die Polizei aber in Ruhe gelassen. Das erklären sie sich mit der politischen Situation. "Sie wissen, dass die Mehrheit der Bevölkerung gegen den Afghanistan-Krieg ist", sagt Dot. "Deshalb gehen sie so milde mit uns um".
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