Kabul/Kunduz - Die Sicherheitslage im Einsatzgebiet der Bundeswehr im Norden Afghanistans bleibt angespannt. Aufständische verstärken dort offenbar ihre Attacken. Am Wochenende verübten sie in der Region eine ganze Serie von Anschlägen, bei denen mehr als ein Dutzend Menschen ums Leben kamen. Auch im Rest des Landes gab es zahlreiche Attacken. Am Sonntag lag die Zahl der Todesopfer nach Angaben von Nachrichtenagenturen insgesamt bei weit über 20.
Auch die Bundeswehr wurde Ziel von zwei Sprengstoffattacken, bei denen zwei Soldaten im Unruhedistrikt Char Darah bei Kunduz verletzt wurden. Erstmals setzten die deutschen Truppen daraufhin in einem Gefecht mit Aufständischen ihr schwerstes Geschütz ein: die Panzerhaubitze 2000. Die Soldaten feuerten nach Bundeswehrangaben am Samstag fünf Schuss ab, um die Bergung eines bei einem Anschlag beschädigten Fahrzeugs zu ermöglichen.
Dabei sei scharfe Munition zum Einsatz gekommen, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam am Sonntag. Nähere Angaben gab es zunächst nicht. Nach Angaben von Experten war dies der erste Einsatz von schwerer Artillerie in der Geschichte der Bundeswehr überhaupt.
Auf Anweisung von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg waren Ende Mai drei Panzerhaubitzen nach Afghanistan verlegt worden. Sie sollen den Soldaten in den immer häufigeren Gefechten mit den Taliban Rückendeckung geben. Mit dem 155-Millimeter-Geschütz können vom Feldlager aus Ziele in einem Umkreis von 40 Kilometern auf 20 bis 30 Meter genau getroffen werden. Im Süden Afghanistans wird die Haubitze seit 2006 von den Niederländern genutzt.
Taliban töten Politiker und Grenzpolizisten
Mehrere Taliban-Angriffe im Einsatzgebiet der Bundeswehr machten am Wochenende die angespannte Sicherheitslage in Afghanistan einmal mehr deutlich. Aufständische töteten einen Bezirkschef und mehrere Grenzpolizisten.
Wie der Gouverneur der Provinz Kunduz, Mohammad Omar, am Sonntag mitteilte, starb am Samstag der Verwaltungschef des Distrikts Qala i Zale, als sein Auto von einem Sprengsatz getroffen wurde. Auch der Fahrer sei getötet worden. Die Taliban bekannten sich zu der Tat.
Außerdem attackierten Aufständische im Bezirk Emam Saheb in der Provinz Kunduz einen Kontrollposten unweit der Grenze zu Tadschikistan. Dabei wurden nach Omars Angaben sechs Grenzpolizisten getötet. Andere lokale Politiker sprachen sogar von neun Toten. Fünf weitere Sicherheitskräfte starben nach Polizeiangaben in der Provinz Badachschan bei einem Bombenanschlag. Am Samstag fielen außerdem sechs US-Soldaten und mehr als ein Dutzend Zivilisten im Süden und Osten des Landes Anschlägen zum Opfer. So wurden nahe der Grenze zu Pakistan zwölf Menschen in einem Bus erschossen.
Isaf-Truppen sehen sich noch immer in der stärkeren Position
Trotz der vielen Anschläge gewännen die Aufständischen nicht die Oberhand gegenüber den internationalen Truppen, erklärten die Nato-geführten Isaf-Truppen. "Der Aufstand ist nicht stärker geworden", sagte ein Sprecher. Die Schutztruppe sei dabei, den Aufstand zu ersticken. Es gebe auch keinen Anlass, die für den 18. September geplanten Parlamentswahlen zu verschieben.
Doch die anhaltende Gewalt überschattet das Votum bereits jetzt. In Masar-i-Scharif hatten am Samstag Hunderte Afghanen gegen die steigende Zahl von zivilen Opfern protestiert. Die Demonstranten skandierten Parolen gegen ausländische Streitkräfte und den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai.
Immer wieder kommt es zu tödlichen Angriffen der Isaf-Truppen auf Zivilisten. So starben am Donnerstag in Jani Chel in der Provinz Paktia südlich von Kabul sechs Zivilisten durch Artilleriefeuer von Nato-Truppen, wie das Bündnis einräumte.
Zivile Opfer sind ein wichtiger Streitpunkt zwischen der afghanischen Regierung und den internationalen Truppen. Kabul betrachtet die Anwesenheit der ausländischen Soldaten zunehmend als Hauptursache der Gewalt im Land.
Der neue Nato-Oberkommandierende General David Petraeus hatte vergangene Woche in einem Brief an die 150.000 US- und Nato-Soldaten geschrieben, die Zahl der zivilen Opfer müsse so niedrig wie möglich gehalten werden.
mmq/dpa/AFP/AP
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