Von Carsten Volkery, London
Gordon Brown hatte nie viel zu lachen auf seinen Reisen in die USA. Irgendwas ging meistens schief. Einmal wurde die gemeinsame Pressekonferenz mit US-Präsident Barack Obama kurzfristig abgesagt, ein anderes Mal reichte es nur für ein enttäuschend kurzes Gespräch unter vier Augen - in der Küche im Keller des Uno-Gebäudes.
Der "Küchengipfel" wurde ebenso legendär wie das wohl liebloseste Gastgeschenk, was ein britischer Premier vom großen Bruder in Washington je erhalten hat: Eine Box mit Hollywood-DVDs, die beim Auspacken in London wegen der unterschiedlichen Gerätestandards noch nicht mal funktionierten.
Wenn Browns Nachfolger David Cameron an diesem Dienstag zum Antrittsbesuch in Washington landet, soll alles anders werden. Nicht nur reist der konservative Premier in einer Linienmaschine von British Airways an - als Geste, dass der Regierungschef bei sich selbst mit dem Sparen anfängt -, sondern auch der Gastgeber will sich offensichtlich Mühe geben.
Volle drei Stunden erhalte Cameron im Weißen Haus, vermerkte die Londoner "Times" voller Wohlgefallen. Ein Privatgespräch mit Obama im Oval Office, ein gemeinsames Mittagessen und vielleicht sogar eine Pressekonferenz. Die "Übergangsphase" nach dem Abgang von Blair und Bush sei vorbei, jubelte das konservative Blatt.
Ist also die "special relationship", auf die sich britische Premiers traditionell so viel zu Gute halten, plötzlich wieder "special"?
Kein Ende der transatlantischen Konflikte
Es spricht einiges dagegen. Zunächst einmal reißen die transatlantischen Konflikte einfach nicht ab. Alle paar Wochen mussten Obama und Cameron in den ersten beiden Monaten von Camerons Amtszeit zum Telefonhörer greifen und diplomatische Krisen beilegen.
Das erste Treffen der beiden beim G-8-Gipfel in Kanada war von wütenden Angriffen führender US-Politiker auf den Energiekonzern BP überschattet, der für das Öldesaster im Golf von Mexiko verantwortlich ist. Cameron war zu einem diplomatischen Balanceakt gezwungen und musste darauf hinweisen, dass BP schon lange nicht mehr "British Petroleum" heißt. Über diese Verstimmung konnte auch die seltene Gunstbezeugung Obamas nicht hinwegtäuschen, der den Briten im Präsidentenhubschrauber vom G-8-Gipfel in Huntsville zum G-20-Gipfel in Toronto mitfliegen ließ.
Diesmal ist wenige Tage vor der Ankunft des Gastes aus London ein anderer Streit wieder aufgeflammt - und wieder geht es um BP. Vier US-Senatoren forderten vergangene Woche eine Untersuchung der Rolle, die der Konzern bei der Freilassung des Lockerbie-Bombers Abd al-Bassit Ali al-Mikrahi gespielt hat.
Der Attentäter war im August 2009 nach nur acht Jahren Haft aus einem schottischen Gefängnis entlassen und in seine Heimat Libyen geflogen worden. Als Grund gab die schottische Regionalregierung damals an, die Freilassung sei "aus humanitären Gründen" erfolgt. Der todkranke al-Mikrahi habe nur noch drei Monate zu leben.
In den USA hatte sich daraufhin ein Proteststurm erhoben: Der Libyer war schließlich die einzige Person, die je für den Anschlag auf die Pan-Am-Maschine 103 im Jahr 1988 verurteilt wurde. Bei dem Absturz über dem schottischen Lockerbie starben 270 Menschen, darunter 190 Amerikaner.
Nun lebt al-Mikrahi ein knappes Jahr nach seiner Entlassung immer noch, und der Auswärtige Ausschuss des US-Senats hat für kommende Woche eine Anhörung angesetzt. Bei dem Termin soll untersucht werden, ob nicht doch andere Motive bei der Freilassung im Vordergrund standen. Der Vorwurf lautet, dass al-Mikrahi vorzeitig entlassen worden sei, damit BP einen lukrativen Ölfördervertrag in Libyen bekam.
Die britische Regierung bestreitet vehement, dass die Freilassung irgendetwas mit BP zu tun gehabt habe. Es sei eine Entscheidung der unabhängigen schottischen Justiz gewesen, betonte Cameron vor dem Abflug. Als Oppositionsführer im britischen Unterhaus hatte er die Freilassung damals schon als Fehler bezeichnet und eine Untersuchung gefordert. Um die Gemüter in den USA zu beruhigen, wiederholte er nun in einem BBC-Interview, dass er die Freilassung für falsch halte und über die Rolle von BP nichts wisse.
Doch in offiziellen Schreiben an die US-Regierung setzt die Cameron-Regierung die Linie der Brown-Regierung fort und nimmt BP in Schutz. Es gebe keine Beweise, dass der Ölkonzern auf die Freilassung des Libyers Einfluss genommen habe, hatte Außenminister William Hague an seine Kollegin Hillary Clinton am Wochenende geschrieben.
Neue Nüchternheit zwischen London und Washington
Am Dienstagnachmittag wird Cameron im Kapitol den US-Senatoren Rede und Antwort stehen müssen. Er steht unter Druck seines Heimatpublikums, die britische Position zu verteidigen und die als ungerechtfertigt empfundenen Angriffe auf BP zu unterbinden. Laut "Telegraph" wird er sich weigern, dem Senatsausschuss Zugang zu internen Regierungsdokumenten im Fall al-Mikrahi zu geben.
Doch auch wenn der neueste Sturm abebbt, wird eine gewisse Kühle im britisch-amerikanischen Verhältnis bestehen bleiben. Denn beide Seiten wollen eine neue Nüchternheit. Das Gerede von der "besonderen Beziehung" zwischen den beiden Ländern ist längst nur noch ein Lippenbekenntnis.
Obama hat für alte transatlantische Sentimentalitäten nicht viel übrig. Und eins der obersten Ziele der Tory-Außenpolitik ist es, das Image als "Pudel der USA" loszuwerden, das sich seit dem Kuschelkurs von Ex-Premier Tony Blair in der Weltöffentlichkeit festgesetzt hat. Eine neue eigenständige Außenpolitik strebt Cameron an - geleitet von britischen Interessen.
Diese Interessen stimmen häufig nicht mit den amerikanischen überein. Das zeigte sich beim G-20-Gipfel, als Cameron gemeinsam mit den anderen Europäern den eigenen Sparkurs verteidigte, während die Obama-Regierung weitere Konjunkturhilfen forderte.
Auch im Afghanistan-Krieg setzt man unterschiedliche Akzente. Obama hat als erster ein Abzugsdatum genannt - er will 2011 mit dem Abzug der US-Truppen beginnen, das Ende aber offenlassen. Cameron hingegen hat gleich ein Enddatum genannt - bis spätestens 2015 sollen die meisten britischen Truppen wieder zu Hause sein.
Es sind Meinungsunterschiede, wie sie unter Verbündeten üblich sind. Nichts Besonderes also. Dennoch werden sowohl Obama als auch Cameron während des Besuchs mindestens einmal das Zauberwort von der "special relationship" in den Mund nehmen. Es gehört einfach dazu.
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Es ist wahr, in Deutschland und Japan kann man Engländer und Franzosen herzhaft auslachen, wenn diese sich damit brüsten den II. (aber auch den I.) Weltkrieg gewonnen zu haben: Denn nichts anderes gewannen beide in diesem Krieg [...] mehr...
Im Artikel steht u. a. dieses "Über diese Verstimmung konnte auch die seltene Gunstbezeugung Obamas nicht hinwegtäuschen, der den Briten im Präsidentenhubschrauber "Marine Force One" (...) mitfliegen ließ." [...] mehr...
Who's Cameron? Die momentan einzige Ansprechpartnerin für Pres. Obama in Europa wird wohl doch Frau Merkel sein, falls er sich nicht weiter hauptsächlich nach Asien orientiert. Wir Europäer sind "draußen" für die USA. [...] mehr...
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