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21.07.2010
 

Taliban-Offensive nahe Kunduz

Herausfordern, hinrichten, herrschen

Aus Kabul berichten Matthias Gebauer und Shoib Najafizada

Bundeswehrsoldaten nahe Kunduz: Wie sicher ist das deutsche Einsatzgebiet noch?Zur Großansicht
ddp

Bundeswehrsoldaten nahe Kunduz: Wie sicher ist das deutsche Einsatzgebiet noch?

Die Gewalt im Süden des Bundeswehrstützpunkts Kunduz eskaliert. Taliban haben eine Polizeiwache attackiert, sechs Polizisten enthauptet - als Zeichen der neuen Stärke. Die Region Baghlan droht von den Radikalen überrannt zu werden, die westlichen Truppen schlagen mit Kommandoaktionen zurück.

Kabul - Es war ein brutales Ritual und sollte die Macht der Taliban unter Beweis stellen: Extremisten haben am Dienstag sechs afghanische Polizisten enthauptet, nachdem sie stundenlang gegen lokale Sicherheitskräfte gekämpft und schließlich die Polizeiwache der Beamten eingenommen hatten.

Die Gewaltorgie ist ein neuer Höhepunkt der Kämpfe in der Region Baghlan, rund eine Autostunde südlich vom Bundeswehrstandort Kunduz in Nordafghanistan. Am Tag der Afghanistan-Konferenz mit ihren vielen Versprechungen von Präsident Karzai und ebenso zahlreichen Hoffnungsbekundungen der internationalen Gemeinschaft zeigt der Vorfall, wie bedrohlich die Lage in Afghanistan wirklich ist - und wie sehr die lokalen Sicherheitskräfte unter Druck stehen.

Die Sicherheitslage in der Region Baghlan ist prekär, mittlerweile nennen führende Offiziere der Schutztruppe Isaf sie in einem Atemzug mit Taliban-Hochburgen im Süden. Im April wurden Bundeswehrsoldaten während einer Operation nahe der Stadt Baghlan mit Panzerfäusten angegriffen - vier Deutsche starben. Erst kürzlich musste Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einen Besuch deutscher Kampftruppen in Baghlan wegen laufender Gefechte mit Extremisten kurzfristig absagen.

Der in Deutschland oft zitierte Plan, im Norden schon bald ganze Landstriche an die afghanischen Sicherheitskräfte zu übergeben, wird in Baghlan nicht funktionieren.

"Brutale, barbarische, sinnlose Taten der Taliban"

Höhepunkt der heftigen Kämpfe in der Region war die Enthauptung der Polizisten. Die afghanische Regierung versuchte am Mittwoch, diese Vorkommnisse herunterzuspielen. Entweder waren die lokalen Provinzverantwortlichen nicht erreichbar, oder sie erklärten, dass sie von den brutalen Morden nichts gehört hätten. Die Isaf dagegen bestätigte die Enthauptungen und verurteilte sie aufs Schärfste. "Dieses Ereignis demonstriert erneut die brutalen, barbarischen und sinnlosen Taten der Taliban", sagte ein Sprecher der Schutztruppe in Kabul.

Am Dienstag meldeten die Taliban zudem, dass sie große Teile der Gegend Dana Ghori eingenommen und Polizei und Armee vertrieben hätten. Tatsächlich versuchten Dutzende Kämpfer, mehrere Polizeistationen und sogar das Haus des Gouverneurs zu erobern. Kurzfristig hieß es sogar, sie hätten den Politiker in ihrer Gewalt; dies bestätigte sich jedoch nicht.

Die Taliban haben in den vergangenen Wochen immer häufiger versucht, ganze Gebiete zu überrennen und unter ihre Kontrolle zu bringen. Trotz einer Großoperation der afghanischen Armee, an der auch Mitglieder der Schnellen Eingreiftruppe der Bundeswehr als Trainer beteiligt waren, gelingt es den Aufständischen immer wieder, Gebiete einzunehmen und Polizeiwachen zu stürmen. Ob bei den jüngsten heftigen Kämpfen auch Deutsche direkt oder indirekt beteiligt waren, war zunächst nicht zu erfahren.

Nächtliche Aktionen der US-Elitekämpfer

Erst am Sonntag waren bei der Operation vier Bundeswehrsoldaten durch einen versteckten Sprengsatz verletzt worden. Die Deutschen waren in einem Fahrzeug vom Typ "Wolf" unterwegs, das durch die Detonation schwer beschädigt wurde.

Ziel der aktuellen Operation der Isaf ist es, Landstriche von Taliban zu befreien und sie dann zu halten. Zumindest gelang es den Einheiten der afghanischen Nationalarmee mit dieser Taktik kurzzeitig, die Straße südlich von Kunduz wieder einigermaßen sicher zu machen. Nun aber scheinen die Taliban zurückzuschlagen. In den Bergen der Region haben sie ausreichend Verstecke und Waffenlager.

Etwas weiter nördlich, nahe Kunduz, setzten Spezialeinheiten der US-Armee in der vergangenen Nacht ihre Aktionen gegen die Taliban fort. In einem gezielten Zugriff nahmen sie einen Unterstützer der Aufständischen namens Maulawi Ghazi fest, fünf Kämpfer wurden getötet. Nach Angaben des Gouverneurs von Kunduz spielte der festgenommene Ghazi eine wichtige Rolle bei der Rekrutierung von Kämpfern und dem Eintreiben von Geld für Waffen und Sprengstoff. Außerdem wurden zwei weitere Aufständische festgesetzt.

US-Elitekämpfer sind in den vergangenen Wochen fast jede Nacht gegen Taliban ausgerückt, besonders im Unruheherd Chahar Darreh südwestlich des deutschen Feldlagers. Begleitet werden sie stets von speziell ausgebildeten Afghanen. Die amerikanischen Truppen nahmen Dutzende Kommandeure fest - und töteten mehrere Verdächtige durch gezielte Raketenangriffe auf Gehöfte in der Region.

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Länderlexikon Afghanistan

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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Beschlüsse der Kabuler Afghanistan-Konferenz

Sicherheit

Die afghanische Regierung will spätestens 2014 die Verantwortung für die Sicherheit in ihrem Land von den ausländischen Truppen übernehmen. Mitte 2011 will Deutschland beginnen, seine Truppen abzuziehen. Derzeit sind in Afghanistan unter dem Kommando der Nato rund 85.000 Soldaten aus mehr als 40 Ländern stationiert. Um den Abzug zu ermöglichen, werden derzeit afghanische Soldaten und Polizisten ausgebildet. Die internationale Gemeinschaft rechnet damit, dass Afghanistan bis zum Herbst 2011 171.600 Soldaten und 134.000 Polizisten benötigt. Deutschland beteiligt sich an dem Aufbau der afghanischen Armee und bildet zudem mit gut 200 Polizeibeamten die örtlichen Polizisten in bilateralen Programmen aus.

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