Von Hasnain Kazim, Islamabad
Kaum ein Name taucht in den fast 92.000 amerikanischen Dokumenten zum Afghanistan-Krieg so häufig auf wie der von Hamid Gul. Der ehemalige pakistanische General und Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI von 1987 bis 1989 gilt als jemand, der viel Verständnis für den Kampf der Taliban gegen die USA und ihre Alliierten aufbringt. In früheren Gesprächen mit SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE äußerte er schon mal, man müsse nicht nur in Afghanistan, sondern auch in Pakistan die Scharia als allgemein gültiges Rechtssystem einführen.
Mehrfach erklärte er, die pro-westliche Haltung Pakistans im Anti-Terror-Krieg müsse ein Ende haben. Pakistan unterstütze den Westen nur, weil das Land das amerikanische Geld benötige. Aber irgendwann, Inschallah, sei Pakistan nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen - und könne dann endlich zu seinen islamischen Wurzeln finden.
Hamid Gul, 73, lebt zurückgezogen in seinem Bungalow im Nobelviertel der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, direkt am Fuße der Himalaja-Ausläufer. In seinem Besucherzimmer steht ein Stück der Berliner Mauer, laut Gul ein Geschenk der Bundesregierung. Dort empfängt er regelmäßig Journalisten, um ihnen seine Taliban-nahe Weltsicht zu erläutern - zur Verärgerung der pakistanischen Regierung.
Kritiker tun den früheren General als Wichtigtuer ab, als verrückten Alten, der nicht erträgt, dass seine Zeit abgelaufen ist. Doch die jetzt auf der Internetplattform WikiLeaks veröffentlichten und von SPIEGEL, dem Londoner "Guardian" und der "New York Times" analysierten 91.731 Afghanistan-Protokolle (Übersicht siehe Fotostrecke) legen nahe, dass Gul mehr als nur ein geschwätziger alter Mann ist.
SPIEGEL ONLINE hat ihn mit den Vorwürfen konfrontiert. Gul dementiert die Vorwürfe gänzlich:
SPIEGEL ONLINE: Herr Gul, Sie waren schon während des Kampfes der Mudschahidin gegen die sowjetische Besatzungsmacht in Afghanistan als damaliger Armeegeneral ein wichtiger Helfer der Widerstandskämpfer. Den brisanten Kriegsdokumenten zufolge unterstützen Sie immer noch die Taliban, die jetzt die westlichen Alliierten bekämpfen.
Gul: Diese Protokolle sind Unsinn! Sie sind ironisch, falsch und dumm. Ich dementiere jedes einzelne Wort darin! Die Rolle, die mir darin zugeschrieben wird, ist reine Fiktion.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen sagen, die Aussagen in den fast 92.000 Dokumenten, in denen Ihnen von unterschiedlicher Seite vorgeworfen wird, Terroristen zu unterstützen, seien allesamt falsch?
Gul: Exakt. Nichts davon ist wahr. Alles dummes Zeug.
SPIEGEL ONLINE: Die Vorwürfe gegen Sie sind aber sehr konkret. Zum Beispiel sollen Sie die Entführung und - im Falle von Widerstand - die Liquidierung von Uno-Mitarbeitern in Afghanistan, unterwegs auf der Autobahn zwischen Kabul und Dschalalabad, koordiniert haben.
Gul: Stimmt nicht.
SPIEGEL ONLINE: Sie sollen Waffen für Extremisten besorgt haben, zum Beispiel 65 Lastwagenladungen chinesischer Munition für die Taliban.
Gul: Albernes Märchen.
Alberne Märchen, dummes Zeug, reine Fiktion, die sich unterschiedliche Dienste ausgedacht haben sollen? Im US-Militär, bei der Isaf und der Nato? Wie glaubwürdig sind in diesem Zusammenhang die Aussagen eines Mannes, der in Gesprächen regelmäßig seine Sympathien für die Taliban bekundet? Der gerne verbreitet, die Terroranschläge vom 11. September 2001 seien vom Westen selbst geplant worden, "um einen Vorwand zu haben, in Afghanistan und Irak einzumarschieren"? Wie groß - oder wie klein - ist der Schritt vom Sympathisanten zum Helfer?
Den WikiLeaks-Papieren zufolge (siehe auch Ausriss in der Fotostrecke) soll er Munition für die Aufständischen beschafft haben, Kontakte zu hochrangigen Vertretern nicht nur der Taliban, sondern auch von al-Qaida und des berüchtigten Haqqani-Netzwerks unterhalten haben, das Washington derzeit als die tödlichste Gefahr für US-Soldaten in Afghanistan bezeichnet.
Guls Verschwörungstheorien
Gul versteigt sich in die These, dass es in solchen Dokumenten nur darum gehe, ihn als bislang "glaubwürdigen Kritiker des Westens" zu diskreditieren. Seine Unterstützung für die Taliban beschränke sich darauf, Verständnis zu haben für den Widerstand gegen "eine fremde Macht, die gewaltsam in Afghanistan eingedrungen ist". Hinter den Vorwürfen vermutet Gul nicht nur den amerikanischen Geheimdienst CIA, den er "unfähig" schimpft, sondern allen voran den afghanischen und den indischen Geheimdienst. Die hätten ein Interesse, Pakistans Rolle in der Region klein zu halten.
Tatsächlich sind manche Vorwürfe gegen Gul zumindest zweifelhaft. Es gibt Passagen, in denen Gul vorgeworfen wird, sich damit gebrüstet zu haben, Selbstmordattentate in Auftrag gegeben zu haben. Würde ein früherer Geheimdienstchef und General so etwas tun? Hier und da ist selbst den Verfassern der Berichte - amerikanische Soldaten mit Unteroffiziers- und niedrigen Offiziersdienstgraden - anzumerken, dass sie ihren Informanten nicht hundertprozentig trauen.
Fest steht jedoch, dass Hamid Gul auf allen Seiten Feinde hat - und selbst alle Seiten kritisiert. Den Amerikanern wirft er einen ungerechten Krieg gegen die islamische Welt vor, der afghanischen Regierung unter Hamid Karzai, eine verlängerte Hand der USA und zudem korrupt zu sein. Und der pakistanischen Regierung hält er nach wie vor zu große Nähe zu den Amerikanern vor. Umgekehrt wolle die Regierung in Islamabad aber auch nichts mit ihm zu tun haben, räumt er freimütig ein. "Ihr gefällt nicht, dass ich die USA kritisiere. Sie will ja um jeden Preis ein treuer Partner Washingtons sein, da störe ich nur."
Doch auch Islamabad selbst wird in den Dokumenten angegriffen: Darin untermauern Passagen die bekannte Kritik, dass das Land ein doppeltes Spiel spiele und einerseits Partner der USA im Anti-Terror-Krieg sei, andererseits aber weiterhin heimlich die Taliban unterstütze und Kämpfern aus Afghanistan Unterschlupf biete.
Pakistan reagiert empört, Washington ist verärgert
Pakistans Geheimdienst galt in den Achtzigern während der sowjetischen Besatzung in Afghanistan als verlängerter Arm der CIA in Afghanistan. Über den ISI finanzierten die USA die Aufrüstung des Widerstands, die Kämpfer wurden in Pakistan trainiert, erhielten Geld und Waffen - und besiegten Ende der achtziger Jahre die Sowjetunion, die Rote Armee zog sich aus Afghanistan zurück. Den jetzt veröffentlichten Dokumenten zufolge hat Islamabad nie das Interesse an einer starken Taliban-Bewegung verloren, um seinen Einfluss im westlichen Nachbarland zu sichern. Auch eine Studie der London School of Economics kam kürzlich zu dem Schluss, dass Pakistan trotz Anti-Terror-Kriegs im eigenen Land die Aufständischen in Afghanistan "bis hinein in die höchste Führungsebene" unterstütze.
Pakistans Außenminister Shah Mahmood Qureshi wies die in den US-Dokumenten erhobenen Vorwürfe von sich. "Dies sind weit hergeholte und schräge Berichte, ganz offensichtlich nicht vereinbar mit den Realitäten", ließ er per Pressemitteilung verbreiten. Die Verfasser, so behauptet er, hätten die Komplexität der Lage nicht verstanden. "Pakistans konstruktive und positive Rolle in Afghanistan kann nicht gestoppt werden durch solch eigennützige und grundlose Berichte."
Auch Pakistans Botschafter in Washington, Husain Haqqani, kritisierte, dass die veröffentlichten Berichte nicht die Realität im Kampf gegen die Taliban zeigten. Aus ISI-Kreisen hieß es, die Berichte seien "bösartig" und entbehrten "jeder Grundlage". Ein erstaunlich pauschaler Vorwurf, denn immerhin gibt es in den US-Dokumenten etliche Belegstellen, die auf die Verbindung zwischen Taliban und ISI hinweisen.
Das Weiße Haus reagierte verärgert auf die Veröffentlichung der Berichte im Internet - jedoch wurde nicht deren Inhalt in Frage gestellt, sondern kritisiert, die Enthüllung von geheimen Informationen könnte das Leben von Amerikanern und ihrer Partner in Afghanistan gefährden und die nationale Sicherheit bedrohen.
Die afghanische Regierung dagegen sieht die Vorwürfe gegen Pakistan als Bestätigung ihrer kritischen Linie gegenüber dem Nachbarn. Ein Sprecher von Hamid Karzai sagte am Montag, die Regierung habe immer darauf hingewiesen, dass der Einfluss von Ausländern die Instabilität in Afghanistan, Selbstmordanschläge und andere Formen der Gewalt ins Land brächten.
Wörtlich: "Die Trainingslager, die Ausrüstung und die Finanzierung kommt aus dem Ausland."
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ich ebenfalls jeden einzelnden Toten in den leider zahllosen Kriegen auf dieser Welt, und erst recht in denen die wir schon wieder mitverantworten oder in denen wir gar mitmischen finde ... Eines müssen Sie bedenken: In [...] mehr...
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