Ein Kommentar von Christoph Schwennicke
Das schwerste politische Manöver ist die Kehrtwende, das Eingeständnis, dass von heute an nicht mehr richtig ist, was bis gestern unerschütterlich richtig war. Und wiederum am schwersten fällt dieses Manöver, wenn es sich dabei um Fragen von Krieg und Frieden handelt.
Winston Churchill, der alte Sturschädel, hat sich zeit seines Lebens geweigert einzusehen, dass er in jungen Jahren als Erster Lord der britischen Admiralität in den Dardanellen einen strategischen Fehler gemacht hatte, der zur Niederlage der Entente gegen die osmanische Allianz in der Meerenge 1915 führte. Es hat 30 Jahre gedauert, bis der frühere US-Verteidigungsminister Robert McNamara wenige Jahre vor seinem Tod den Vietnam-Krieg als "furchtbaren Irrtum" erkannte.
Die deutsche Regierung, die Nato und die westliche Staatengemeinschaft sollten sich das in Afghanistan ersparen. Sie sollten gemeinsam erkennen und sagen: Afghanistan, das wird nichts mehr. Wir sind gescheitert. Dieser Krieg ist verloren. Wir werden dieses Land nicht besenrein einer Selbstverwaltung übergeben können. Vielleicht hätten wir Erfolg haben können, wenn wir früher verstanden hätten, wie dieses Land funktioniert. Jetzt aber sind wir dort nicht mehr Teil der Lösung, sondern zunehmend Teil des Problems. Wir gehen da raus. Weiteres Blutvergießen ist nicht mehr zu verantworten. Die geheimen WikiLeaks-Papiere, die der SPIEGEL analysiert hat, bestätigen diesen Eindruck.
Afghanistan ist ein Alptraum
"Nichts ist gut in Afghanistan", hat Margot Käßmann vor einigen Monaten formuliert, und die Entrüstung war so außerordentlich, dass sie nurmehr erwies, welchen Nerv die damalige Bischöfin getroffen hatte. Ihre Einlassung wurde zu Recht als in den Details ahnungslos abgetan. Aber manchmal sieht man die Dinge auch klarer, wenn man einen Schritt weiter davon entfernt ist und sie mit Abstand betrachtet.
In der Verzweiflung gesprochener Unsinn
Für einen Auslandseinsatz muss eine Regierung, eine deutsche zumal, immer einen hohen Kredit bei der Bevölkerung aufnehmen. Wenn die Raten nicht zurückgezahlt werden, dann kündigt die Bevölkerung diesen Kreditvertrag irgendwann einseitig auf. Und ohne den Rückhalt der Bevölkerung ist der Einsatz wiederum nicht lange durchzuhalten. Unterbrochen ist dann gewissermaßen der Nachschub an der Heimatfront. An diesem Punkt ist nicht nur die deutsche Bundesregierung angelangt.
Politische Parallelen zu Vietnam drängen sich auf. Die westliche Staatengemeinschaft ist an einem Punkt angekommen, an dem sie zunehmend trotzig, verzweifelt und mit immer hohler klingenden Phrasen zum Durchhalten aufruft. Auch Kanzlerin Angela Merkel ist jüngst in ihrer Regierungserklärung nichts Besseres eingefallen als Peter Strucks Wort von der Verteidigung am Hindukusch.
Bevor es nur noch darum geht, das Gesicht zu wahren, sollte man dringend aufhören. Der amerikanische Außenminister Henry Kissinger forderte 1971, den Krieg in Asien mit "Würde" zu verlieren. Für dieses Ziel dauerte der US-Krieg noch zwei Jahre länger und kostete Hunderttausende Menschen in Vietnam, Laos und Kambodscha das Leben. Kissingers zutiefst zynisches Wort hallt wider, wenn der Hauptmann der Reserve, Entwicklungsminister Dirk Niebel, im deutschen Fernsehen sagt, Deutschland müsse in Afghanistan bleiben, das sei das Land seinen gefallenen Soldaten schuldig.
Lauscht da einer eigentlich noch dem Unsinn hinterher, den er in seiner Verzweiflung erzählt?
Auf anderen Social Networks posten:
Man kann erkennen, dass ich das „Heilige Land“ mit Jerusalem gemeint habe. mehr...
Es ist wahrhaft lächerlich mit anzusehen, wie die USA ihre Fehler in Vietnam wiederholt: Die Einsetzung einer ebenso korrupten wie unfähigen Marionettenregierung, die Konzentration auf sinnlose militärische Gewalt (die [...] mehr...
Bezeichnen sie ferngesteuerte Drohnen die Kinder /Hochzeitsgesellschaften in die Luft jagen als Kultur? Oder diese sog. Führungsriege die öffentlich sich "HINTER" ihre Truppen stellt - möglichst Weit hinten damit [...] mehr...
Äh, wäre da ein Blick ins Geschichtsbuch nicht nützlicher als unsinnige Behauptungen? Der Bereich des Osmanischen Reiches hat zwar viele Völker gesehen, die im grossen und ganzen sogar recht gut miteinander auskamen - nur das [...] mehr...
Das stimmt schon. Karl-Heinz Böhm hat seinen Kampf gegen die grausame Unsitte der Verstümmelung der weiblichen Genitalien gewonnen. Es gibt halt Sitten und Gebräuche, die sind einfach vllig unakzeptabel. Karl-Heinz Böhm ist [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Afghanistan-Krieg | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH