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31.07.2010
 

Tötungseinsätze in Afghanistan

Bundeswehr lieferte Namen für Taliban-Jagdliste

Bundeswehrsoldat in Afghanistan: Namen auf der JagdlisteZur Großansicht
ddp

Bundeswehrsoldat in Afghanistan: Namen auf der Jagdliste

Die Bundeswehr ist stärker in die Einsätze zur gezielten Tötung von Aufständischen in Afghanistan verwickelt als bisher bekannt. Nach SPIEGEL-Informationen hat Deutschland mehrere Namen auf die Jagdliste setzen lassen. Mindestens ein Taliban-Kommandeur wurde danach von US-Spezialkräften getötet.

Hamburg - Welche Rolle spielt die Bundeswehr bei den gezielten Tötungen von Taliban-Kämpfern durch US-Spezialeinheiten in Afghanistan? Zumindest eine größere als bisher bekannt: Nach SPIEGEL-Informationen ist mindestens ein Taliban-Kommandeur, den Deutschland auf die Fahndungslisten der Nato hatte setzen lassen, von amerikanischen Spezialkräften in Nordafghanistan getötet worden.

Die geheimen Afghanistan-Protokolle, die auf der Internetplattform WikiLeaks veröffentlicht wurden, hatten vor einer Woche die Arbeitsweise dieser US-Einheiten offengelegt. SPIEGEL, "New York Times" und "Guardian" hatten diese vorab erhalten, analysiert und ausführlich darüber berichtet.

Die Bundeswehr hatte den Taliban-Kommandeur Qari Bashir, der im Raum Kunduz rund 50 Kämpfer unter seinem Befehl hatte, im Jahr 2009 mit dem Vermerk auf eine Jagdliste der Nato setzen lassen, er solle festgesetzt werden. Im November 2009 wurde er bei einer mehrtägigen Operation nordwestlich von Kunduz von US-Spezialeinheiten getötet.

Seit 2007 haben die Deutschen nach SPIEGEL-Informationen mindestens 13 Personen auf die Liste setzen lassen. Zwei wurden wegen fehlender neuer Hinweise wieder gestrichen, zwei weitere wurden festgenommen. Weitere 31 Nato-Ziele für Nordafghanistan wurden von anderen verbündeten Nationen beigesteuert.


Die Deutschen hatten sich an der Mission der US-Kräfte gegen Bashir nicht beteiligt, da der zuständige Bundeswehrgeneral bei der Vorstellung der Pläne durch einen US-Major vor der Operation den Eindruck bekommen hatte, es sollten gezielt hochrangige Taliban ausgeschaltet werden. Insgesamt stehen aktuell noch sieben von Deutschland benannte Taliban auf der Nato-Liste, darunter der berüchtigte Taliban-Stratege Maulawi Shamsuddin aus Kunduz und Abdul Rahman, der am 3. September 2009 die beiden später bombardierten Tanklaster hatte entführen lassen.

Der SPD-Verteidigungsexperte Hans-Peter Bartels kritisierte vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse über gezielte Tötungen die Informationspolitik der Bundesregierung. "Es genügt nicht, nur die Obleute des Verteidigungsausschusses zu informieren, wenn die ihr geheimes Wissen dann nur begrenzt weitergeben dürfen", sagte er dem SPIEGEL. "Stattdessen sollte nach Abschluss von Operationen das gesamte Parlament in Kenntnis gesetzt werden."

Bartels hält "Capture or Kill"-Operationen für "prinzipiell problematisch, nicht zielführend und kontraproduktiv". "Wenn wir von Taliban-Kommandeuren reden, geht es doch oft um Anführer im Rang eines Feldwebels, die vielleicht 10 bis 15 Mann unter sich haben. Das sind keine zentralen Feldherren, die da erwischt werden", sagte der SPD-Politiker. Stattdessen habe der "Hass" auf Seiten der Afghanen noch zugenommen, "weil auch Leute getötet wurden, die man nicht hätte töten dürfen".

Das Verteidigungsministerium äußerte sich im Detail nicht zu den Recherchen. Ein Sprecher verwies am Wochenende allerdings auf die Äußerungen der Bundesregierung vom vergangenen Mittwoch. Da hatte ein Sprecher von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) eingeräumt, dass deutsche Soldaten an der Erstellung von Nato-Fahndungslisten beteiligt sind, die in Isaf- oder US-Einsätze - möglicherweise auch mit gezielten Tötungsabsichten - münden können. Deutschland selbst schreibe die Personen nur zur Gefangennahme aus. Auch in dem vom SPIEGEL zitierten Fall des Taliban-Kommandeurs Bashir hatte Deutschland den Mann zur Festnahme ausgeschrieben - US-Spezialkräfte aber töteten ihn in einer Großoperationen gegen führende Taliban-Kommandeure in der Nähe von Kunduz.


Die zentralen Erkenntnisse aus den Afghanistan-Dokumenten - der Überblick:

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19.08.2010 von frubi: .

Sehr schön. Erst erschaffen die Amerikaner ein Monster und danach sollen wir der Knecht sein, der denen bei der Beseitigung eben jenes Monsters hilft. Wow. Klarer kann man die Unterwerfung Deutschlands an Amerika nicht [...] mehr...

19.08.2010 von M@ESW: _

Selbstverständlich. Und Sie sollten diese Äußerung auch mal lesen wenn Sie sie schon zitieren. Und die Weitergabe von Informationen über Führungspersonal das Aktionen gegen die ISAF-Kräfte plant ist zur Sicherheit der [...] mehr...

02.08.2010 von arrow64: -

Bitte verdrehen Sie nicht die Tatsachen: Es ist nicht Verzweiflung, sondern pure Überzeugng, warum die sich in die selbst Luft sprengen. Wenn Sie schon so toll am Tatsachenverdrehen sind: Wie beurteilen Sie es denn wenn die sich [...] mehr...

02.08.2010 von takeo_ischi: .

Und ich Dummerchen dachte, wir wären dort nur wegen der Singspiele am wildromantischen Lagerfeuer... Aber hoffentlich hat 'Deutschland' das gemacht. Denn es wäre extrem dumm sich im Krieg nicht so zu verhalten, als wäre Krieg. [...] mehr...

02.08.2010 von mundi: Der Gegner "da unten" ist nicht mein Gegner

Der Gegner "da unten" ist nicht mein Gegner. Wie verzweifelt muss er sein, wenn er bewusste sein Leben hingibt, in dem er sich mit dem Aggressor in die Luft sprengt. Der Aggressor sitzt bequem im Sessel und drückt [...] mehr...

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Fläche: 652.225 km²

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