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04.08.2010
 

Israelisch-libanesische Grenze

Beobachter rätseln über Hintergründe des Gefechts in Nahost

Aus dem Südlibanon berichtet Ulrike Putz

Israel und Libanon: Tote und Verletzte an der Grenze
Fotos
REUTERS

Wollten israelische Soldaten wirklich nur einen Baum fällen? Wer schoss zuerst, und welche Rolle spielte ein schiitischer Kommandeur? Einen Tag nach dem Feuergefecht an der israelisch-libanesischen Grenze sind viele Fragen ungeklärt. Ein neuer Krieg scheint abgewendet - doch die Ruhe ist trügerisch.

Für einige Stunden drohte im Nahen Osten ein neuer Krieg. Von beiden Seiten der Grenze beschossen sich Israelis und Libanesen, mehrere Menschen kamen ums Leben. Die Lage beruhigte sich schließlich, vorerst. Doch wie knapp schrammte die Region diesmal wirklich an einem neuen Krieg vorbei?

Im Libanon ist die Angst vor einem neuen Blutvergießen groß. Das zeigt schon das Straßenbild. Am Dienstagabend um 20.30 Uhr Ortszeit saßen viele Libanesen vor dem Fernseher. Im Fischerstädtchen Tyros im Süden des Landes fassten die Hafenkneipen nicht alle Zuschauer, die wissen wollten, ob der nächste Krieg begonnen habe. Sie standen bis auf die Straße, um zu hören, wie der Chef der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah auf die Gefechte an der Grenze zu Israel reagieren würde.

Knapp zwei Stunden lang redete Nasrallah. Er verdammte die "israelische Aggression". Drohte, beim nächsten Zwischenfall an der Grenze werde seine Miliz der libanesischen Armee in ihrem Kampf gegen den Feind beistehen. Die Wortwahl war martialisch: "Die israelische Hand, die nach der libanesischen Armee greift, wird abgehackt." Doch mehr als markige Worte kamen nicht von Nasrallah.

Eine Überraschung - für viele Beobachter eine freudige. Nach seiner per Videolink übertragenen Ansprache begann der Himmel über Tyros zu leuchten. Hisbollah-Anhänger feierten mit Feuerwerk den Auftritt ihres Anführers - andere waren einfach nur froh darüber, dass nach dem Sommerkrieg 2006 ein erneuter Waffengang zwischen Israel und Libanon vorerst abgewendet ist. Einen Feldzug gegen Israel, wie von vielen befürchtet, hatte Nasrallah nicht ausgerufen. Im Juli 2006 hatte die Verschleppung zweier israelischer Soldaten durch die Schiiten-Miliz Hisbollah, die im Libanon eine Art Staatsmacht neben den offiziellen Behörden darstellt, einen einmonatigen Krieg ausgelöst. Damals starben 1200 Libanesen und 160 israelische Soldaten.

Die Beziehungen zwischen Israel und dem Libanon sind seit Monaten extrem angespannt. Nun beginnt der Kampf um die Deutungshoheit des Zwischenfalls, der zu einem Krieg hätte eskalieren können. Fest steht nur: Nachdem israelische Soldaten versucht hatten, einen im Grenzgebiet wachsenden Baum zu fällen, war es zu einem Schusswechsel mit der libanesischen Armee gekommen. Doch viele Fragen sind noch unbeantwortet:

  • Wo genau stand der Baum? Der Libanon beschuldigte Israel, auf libanesisches Gebiet vorgedrungen zu sein. Doch die Kontrahenten auf der anderen Seite der Grenze behaupten, der Baum habe auf israelischem Territorium gestanden. Eine Uno-Sprecherin bestätige diese Darstellung.
  • Wer hat das Feuer eröffnet? Quellen aus dem Umfeld der im Südlibanon stationierten Uno-Truppen bestätigen SPIEGEL ONLINE die israelische Version: Libanesische Soldaten sollen demnach zuerst geschossen haben. Israel habe lediglich reagiert, das aber mit Schusswaffen, Panzerartillerie und Kampfhubschraubern. Auf libanesischer Seite starben zwei Soldaten und ein Journalist, auf israelischer Seite wurde ein Offizier getötet.
  • Warum wurde geschossen? Israelische Medien bezichtigten am Mittwoch einen übereifrigen libanesischen Offizier. Das israelische Radio berichtete, der Kommandeur habe eine Verzögerung der Wartungsarbeiten dazu genutzt, um vor Ort Scharfschützen in Position zu bringen. Nach einer verbalen Auseinandersetzung hätten diese das Feuer auf israelische Soldaten eröffnet. Eine Stellungnahme von libanesischer Seite gibt es dazu bisher nicht.
  • Was steckt hinter dem Vorfall? Auch dazu gibt es nur Spekulationen. Auffällig sei, berichtet ein Radiosender aus Israel, dass zahlreiche libanesische Journalisten schon im Voraus eingeladen worden seien. Die libanesische Hisbollah-Miliz, sonst meist Hauptakteur bei militärischen Auseinandersetzungen mit Israel, sei an dem Vorfall offenbar nicht beteiligt gewesen. Der besagte Kommandeur der neunten Brigade sei ein Schiit mit extremen Ansichten und Hisbollah-Anhänger, schrieb Autor Alex Fishman in der israelischen Tageszeitung "Yedioth Ahronoth". Er habe vermutlich auf eigene Faust gehandelt. "Ein solcher Kommandant in einer so explosiven Gegend wie dem Südlibanon kann zum Katalysator des Krieges werden, den keiner will." Fraglich sei auch, ob der Soldat auf heimlichen Befehl der Hisbollah gehandelt habe.

Die israelische Führung spielte dem Bericht zufolge am Dienstag zwischenzeitlich mit dem Gedanken, einen vorab gefassten Angriffsplan umzusetzen und Stellungen der libanesischen Armee im Südlibanon zu bombardieren. Nur internationaler Druck und ein Aufschrei der libanesischen Regierung habe Jerusalem davon abgehalten, mit aller Macht auf den Grenzzwischenfall zu reagieren.

Ein Experte aus dem Libanon glaubt hingegen, dass keine der beiden Seiten überhaupt ein Interesse an einem Krieg habe. "Wenn eine Seite einen Krieg gewollt hätte, wäre dieses Scharmützel die beste Ausrede gewesen, einen zu beginnen", sagte der Beobachter, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Israel verlässt sich offenbar darauf. Die Armee setzte am Mittwoch die Wartungsarbeiten an der Grenze ungerührt fort. Unter dem Schutz mehrerer Panzer fällten Soldaten Bäume entlang des Zauns. Auch auf libanesischer Seite ist das Militär massiv präsent. Bisher gab es jedoch keine weiteren Zwischenfälle.

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insgesamt 55 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
04.08.2010 von LDaniel: ...

Sie haben ja soooooo recht... . Welch eine Provokation. Auf eigenem Territorium einen Baum fällen, wie kann man nur. Selbiges passiert fast täglich, um zu verhindern, dass wieder israelische Soldaten von der Hisbollah [...] mehr...

04.08.2010 von SG1-RL: Wo in der Welt

gibt es ein Land, dass nicht auf angemessene Weise reagiert wenn fremde, hier sogar gegnerische Soldaten unerlaubt die Grenze ueberschreiten. Ich haette gerne mal gesehen was passiert waere wenn libanesische Soldaten zum [...] mehr...

04.08.2010 von blechteller: einfach nur informieren

Ach, und Phosphorbomben hat bitte wer, wo eingesetzt? Oft behauptet, nie bewiesen! Phosphor ist so ein "sauzeug", daß würde heute noch brennen.[/QUOTE] das kann ich ihnen sagen wer wo phosphorbomben in zivilen [...] mehr...

04.08.2010 von glücklicher südtiroler: Iran, NO, Libanon...

Werter, Bester Schleswig... Mein Eindruck ist, daß die Kriegsgefahr in NO immer stärker steigt und daß wegen Kleinigkeiten und "Mißverständnissen" es zu schweren Scharmützeln kommt, wie sie an praktisch fast jeder [...] mehr...

04.08.2010 von iii.tempel: Vielen Dank

Habe mir gerade das "Streitgespräch" angeschaut. Was soll das jetzt bitte belegen? Ach, und Phosphorbomben hat bitte wer, wo eingesetzt? Oft behauptet, nie bewiesen! Phosphor ist so ein "sauzeug", daß [...] mehr...

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Eine Chronologie der leidvollen Vergangenheit des Landes an der Mittelmeerküste:

1958: Erster Bürgerkrieg

1968: Kairoer Abkommen

1975 bis 1990: Zweiter Bürgerkrieg

1982: Israelische Militäraktion

1991: Syrien-Bündnis

1993 und 1996: Angriffe Israels

2005: Zedernrevolution

2006 bis heute: Krieg und Regierungskrise





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