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07.08.2010
 

Massaker in Afghanistan

Ärzteteam fiel Mördern schutzlos in die Hände

Deutsche Patrouille in der Provinz Badachschan: Große Gefahr für die Helfer?Zur Großansicht
DPA

Deutsche Patrouille in der Provinz Badachschan: Große Gefahr für die Helfer?

Zehn Mitarbeiter eines internationalen Ärzteteams wurden in Afghanistan massakriert, darunter auch eine Deutsche. Unterschätzten die Helfer die Gefahr? Sie setzten auf die Gastfreundschaft ihrer Klienten, hatten aber weder Waffen noch Wachleute dabei.

Kabul - "Diese Expedition wird nicht ohne Risiko sein", schrieb die britische Ärztin Karen Woo in ihrem Blog, aber sie wolle "denen helfen, die es am meisten brauchen". Woo war Teil eines Ärzteteams, das im Nordosten Afghanistans Menschen behandelte. Die Gruppe wurde jetzt Opfer einer blutigen Gewalttat: Die zehn Männer und Frauen wurden bei ihrem Einsatz erschossen - ihre Leichen wurden in einem entlegenen Berggebiet im Nordosten Afghanistans gefunden.

Sie hatten für die christliche Hilfsorganisation International Assistance Mission (IAM) gearbeitet. Außer der Britin seien auch eine Deutsche, sechs Amerikaner und zwei afghanische Dolmetscher getötet worden, sagte ein IAM-Sprecher. Die Bundesregierung bestätigte, dass auch eine Deutsche Opfer der Tat geworden sei. Man dränge auf "gründliche Aufklärung der Umstände dieses feigen Mordes und gemeinsam mit den afghanischen Behörden auf eine Bestrafung der Urheber dieses Verbrechens", sagte eine Sprecherin.

Die Opfer wurden der örtlichen Polizei zufolge am Freitag bei ihren von Kugeln durchsiebten Allradautos gefunden. Dorfbewohner hätten die Gruppe davor gewarnt, dass die Gegend unsicher sei, sagte der Polizeichef. Das Team habe gesagt, sie seien Ärzte und hätten keine Angst.

Hat IAM zu wenig für die Sicherheit seiner Mitarbeiter getan? Große internationale Hilfsorganisationen setzen üblicherweise auf strengen Schutz in dem umkämpften Land. Während andere Helfer nur noch in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs sind, verzichtete IAM aber auf Bodyguards und umfangreiche Abschreckungsmaßnahmen.

"Wir sind eine humanitäre Organisation. Wir hatten kein Sicherheitspersonal. Wir hatten keine bewaffneten Wachmänner. Wir hatten keine Waffen", sagt Organisationsleiter Dirk Frans. Man habe sich "im Grunde darauf verlassen, von der örtlichen Gemeinschaft willkommen geheißen zu werden".

"Wir hatten niemals bewaffneten Schutz"

Doch in der Provinz Badachschan, in der die zehn Leichen nun gefunden wurden, operieren die radikalislamischen Taliban, außerdem gibt es dort viele kriminelle Banden. Mitte Juli starben in der Provinz bei einem Bombenanschlag fünf afghanische Sicherheitskräfte, im vergangenen Jahr wurden lokale Soldaten in der Nachbarprovinz Nuristan verschleppt und zahlreiche US-Soldaten getötet.

Unklar ist noch immer, wer für die Tat verantwortlich ist. Kurz nach Bekanntwerden der ersten Nachrichten über den Vorfall meldete sich Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed bei mehreren Journalisten und bekannte sich im Namen der Terrorgruppe zu dem Überfall. Er behauptete, es habe sich bei den Toten um "christliche Missionare" gehandelt, die Geheimdienstinformationen in der Gegend gesammelt hätten.

Diese Darstellung wies Organisationsleiter Frans zurück. "IAM ist eine christliche Organisation", sagte er dem britischen Rundfunksender BBC. "Aber wir haben mit Sicherheit keine Bibeln verteilt, das ist einfach eine Lüge." IAM arbeitet bereits seit über vier Jahrzehnten am Hindukusch. Als einen ihrer "zentralen Werte" nennt die Organisation die "Beziehung zu Gott" an erster Stelle.

Die Ärztegruppe wurde von dem amerikanischen Optiker Tom Little geleitet, der seit mehr als 30 Jahren in Afghanistan gewesen sei. Frans sagte, Teamleiter Little sei im August 2001 zusammen mit sechs Deutschen und einem weiteren amerikanischen IAM-Mitarbeiter von der damaligen Taliban-Regierung verhaftet worden. Ihnen wurde vorgeworfen, sie würden Afghanen zum Christentum bekehren wollen. Sie wurden schließlich ausgewiesen. Little sei nach der US-Invasion im November 2001 nach Afghanistan zurückgekehrt.

Ob die Taliban wirklich hinter der Tat stecken, ist aber ungewiss. Die Erschießung von Ausländern passt nicht zur üblichen Vorgehensweise der Taliban. Diese hatten bislang vor allem westliche Helfer eher als Geiseln genommen und politische Forderungen für ihre Freilassung gestellt. Zudem deuten alle bisherigen Erkenntnisse auf einen Raubüberfall hin. Nach Angaben des Polizeichefs der Provinz Badachschan wurden die IAM-Mitarbeiter von bewaffneten Männern zunächst durchsucht. Dann seien ihnen "Geld und wichtige Materialien" abgenommen worden, anschließend hätten die Männer sie getötet.

Viele Tote im Süden des Landes

Aus dem Süden Afghanistans gab es am Samstagmittag weitere Meldungen über Tote: Acht Menschen wurden bei mehreren Anschlägen getötet. Zwei Nato-Soldaten, vier afghanische Polizisten und zwei Zivilisten seien gestorben, teilten die Behörden mit.

Die Internationale Schutztruppe Isaf bestätigte den Tod von zwei Soldaten, machte aber keine Angaben zu deren Nationalität. Die meisten der im Süden des Landes stationierten Soldaten kommen aus den USA, Großbritannien, Kanada und den Niederlanden. Bisher wurden in Afghanistan in diesem Jahr bereits 420 ausländische Soldaten getötet.

Vier Polizisten und ein Zivilist starben am Samstagmorgen in der Unruheprovinz Helmand, als eine in einer Schubkarre versteckten Bombe explodierte. Außerdem seien dabei ein Dutzend Zivilisten und ein Polizist verletzt worden, teilte das Innenministerium mit. Der Anschlag habe sich gegen einen Polizeikonvoi gerichtet. Bei der Explosion eines Sprengsatzes in der Provinz Kandahar starb nach Angaben der dortigen Provinzregierung ein Kind.

kgp/dpa/AFP

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Die International Assistance Mission (IAM) ist eine christliche Hilfsorganisation, die nach eigenen Angaben seit 1966 in Afghanistan tätig ist. Sie war schon vor Jahren im Visier der Taliban, die ihr 2001 die Tätigkeit in dem Land untersagten. Damals regierten die Taliban noch das Land. Als zentrale Werte gibt die IAM neben anderen "Abhängigkeit von Gott" und "Liebe für alle" an.

Schwerpunkt der Arbeit in Afghanistan ist die Augenheilkunde. Das Programm "Noor" ("Licht") umfasst laut IAM mehrere Augenkliniken sowie ambulante Einsätze und die Ausbildung einheimischer Augenärzte. Inzwischen ist die Organisation auch bei der psychologischen Betreuung, der Physiotherapie sowie bei Entwicklungsprojekten aktiv. Die ausländischen Helfer der IAM sind nach Angaben der Organisation ausschließlich Ehrenamtliche.

Länderlexikon Afghanistan

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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