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16.08.2010
 

Petraeus zum Afghanistan-Abzug

Weckruf vom Klartext-General

Aus Kabul berichtet Matthias Gebauer

David Petraeus: Obamas General am Hindukusch
Fotos
AP

David Petraeus macht Schluss mit falschen Vorstellungen: Der Nato-Kommandeur in Afghanistan dämpft Hoffnungen auf einen schnellen Abzug der Truppen. Man könne erst abziehen, wenn das Land stabil sei. Der US-General ist Realist - und damit genau der Richtige für den Job am Hindukusch.

Kabul - Bewusst entspannt begann David Petraeus seine mediale Offensive. Gleich drei Interviews gab der Vier-Sterne-General am Freitagmorgen, alle für die Presse der kriegsmüden USA. Jedes seiner Worte würde international gehört werden, er wusste das. Immerhin ist er seit 4. Juli Befehlshaber der 150.000 Nato-Soldaten am Hindukusch. Die Nachricht, die Petraeus prominent bei NBC, "New York Times" und "Washington Post" verbreitete, war stets die gleiche: Er sehe kein schnelles Ende für den Einsatz am Hindukusch.

Petraeus stellte klar, er werde sich als Oberkommandierender nach der Lage im Land richten. Kurz gesagt: Wenn sich die Sicherheitslage in den kommenden Monaten nicht drastisch verbessert, wird er seinem Befehlshaber im Weißen Haus berichten, dass die Mission eben doch länger dauern wird.

Kein starrer Fahrplan für den Abzug, stattdessen Bedingungen - die Botschaft von Petraeus erscheint fast wie eine Binsenweisheit zur Zukunft der internationalen Afghanistan-Mission. Jeder Laie versteht, dass sich die Nato-Truppe kaum zurückziehen kann, wenn die Lage am Hindukusch sich nicht wirklich bessert. Wenn die afghanische Armee nicht nur beeindruckende Rekrutenzahlen, sondern sichtbare Leistungen aufweist. Wenn Präsident Hamid Karzai endlich seine korrupte und ineffiziente Regierung reformiert. Kurzum, wenn zumindest die rudimentären Ziele der Mission ansatzweise erreicht sind.

Trotzdem macht der neue Mann mit seinen Worten Schlagzeilen. So sehr hat sich das Datum 2011 als Beginn des Abzugs in vielen Köpfen verfestigt, dass die Einschätzung des Generals sensationell erscheinen.

In Wirklichkeit ist Petraeus schlicht Realist. Er weiß, dass die militärische Lage in Afghanistan düster aussieht. Seit Amtsantritt ist er fast jeden Tag im Land hin- und hergeflogen. Im Süden sah er, dass auch Tausende zusätzliche US-Soldaten nur schwer Erfolge gegen die Taliban erzielen. Im Norden lobte er zwar die Bundeswehr für ihre Ausbildungsmission. Er sah aber auch, dass sie noch im Anfang begriffen ist.

Desolate Lage, Abzug unwahrscheinlich

Petraeus hat außerdem die desolate Lage der afghanischen Regierung analysiert. Nach rund zwei Wochen im Amt scherzte er gern, er sei in seinen 14 Amtstagen wohl schon mehr als 15-mal im Palast bei Karzai gewesen. Besonders wichtig scheint ihm die Korruptionsbekämpfung zu sein. Eine solche Abteilung hat er in seinem eigenen Hauptquartier, ein alter Vertrauter des Generals aus Irak-Tagen leitet sie nun. Die Stäbe, die afghanische Ministerien bei der Korruptionsbekämpfung unterstützen sollen, hat er von rund drei Dutzend auf fast 180 Mann aufgestockt. Mit aller Kraft sollen sie die Administration in Kabul antreiben, das Land endlich zu regieren statt nur selber die Hand aufzuhalten.

Und bei allem ist klar: Trotz aller Kraftanstrengung ist ein Abzugsbeginn im Sommer 2011 nicht haltbar. Petraeus' Top-Berater schätzen vielmehr, dass man im Juli 2011 "vielleicht eine erste Prognose abgeben kann", wie die erst im Frühjahr 2010 aufgelegte neue Strategie der Internationalen Schutztruppe Isaf eigentlich wirkt.

Als Beispiel zeigt ein Geheimdienstmann aus dem engsten Zirkel ein Schaubild mit den Zahlen von Sprengfallen. Schon im Juli stand die Statistik bei rund 6000. Klar ist, dass die Gesamtsumme für 2010 die rund 7700 von 2009 übersteigen wird. "Geht die Kurve im kommenden Jahr weiter nach oben, haben wir nichts gewonnen", sagt der Top-Offizier.

"Ich will den Job zu Ende bringen"

So sehr Petraeus seinem Präsidenten loyal gegenübersteht, so sehr ist er auch Militär - und ein recht sturer dazu. "Ich bin nicht gekommen, um ein paar Jahre hier zu arbeiten, ich will den Job zu Ende bringen", hat er kürzlich im kleinen Kreis in Kabul gesagt. Wie in seiner Zeit als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak sucht er die Wende, will den Abzug irgendwann beginnen. Aber er will keinen Rückzug verantworten, wenn kurz darauf ein ganzes Land ins Chaos - oder besser gesagt: in die Zeiten der Taliban - zurückfällt.

Und so zeichnet Petraeus auch kein Bild von Aussichtslosigkeit. Vielmehr argumentieren er und seine Berater, vor rund zwei Monaten habe man den richtigen Ansatz gefunden. In der Tat waren die Isaf und die rabiaten Spezialeinheiten der US-Armee noch nie so aktiv gegen die Taliban und Terroristen der al-Qaida. Jeden Tag sendet das Hauptquartier Interessierten Dutzende von Mails über simple Militäroperationen bis hin zur gezielten Tötung von Extremisten.

Doch der Versuch, die Initiative zurückzugewinnen in Afghanistan, hat seinen Preis: An dem Tag, an dem Petraeus' Interviews ausgestrahlt wurden, wurde der 2000. in Afghanistan getötete Nato-Soldat gezählt.

General Petraeus bremst Politiker aus

Mit seinem Realismus bremst der Offizier die utopischen Ideen vieler Politiker. Erst vor einigen Wochen hatten sich in Kabul zahlreiche Außenminister, darunter auch Guido Westerwelle als Vertreter Berlins, eingefunden und gemeinsam geträumt. Ein seitenlanges Papier mit Dutzenden von unrealistischen Zielen für die afghanische Regierung wurde verabschiedet. Den kriegsmüden Wählerschaften zu Hause verkauften die Gesandten die Tatsache, dass erstmals eine Afghanistan-Konferenz im Land stattgefunden hatte, als Riesenerfolg. Diesem, so schien es in der Champagner-Laune, könne nun nur der Abzug bis 2014 folgen.

Mit seinen Äußerungen macht General Petraeus nun klar, dass es mit ihm keine Träumereien geben wird - auch wenn sein Präsident ebenso gern wie die anderen Nato-Staats- und Regierungschefs ihren Wählern Erfolge verkaufen würde. Er gab damit auch einen Vorgeschmack auf seine mit Spannung erwarteten Auftritte vor den wichtigen Ausschüssen des US-Kongresses und beim anstehenden Nato-Gipfel in Lissabon im November. Saubere Analyse statt irrwitziger Utopien - diese Linie macht den General glaubwürdig. Und für die Politik problematisch.

Denn US-Präsident Barack Obama braucht dringend gute Nachrichten. Wenige Monate vor den Kongresswahlen kann er lediglich verkünden, dass man endlich den richtigen Weg für die Afghanistan-Mission gefunden habe. Das ist nicht gerade viel.

Für Berlin gilt das ebenso. Diejenigen jedenfalls, die im Sommer schon altklug die Übergabe einzelner Nordprovinzen an die Afghanen und die Reduzierung der Bundeswehrtruppe im Jahr 2011 wie Fakten vortrugen, werden sich schon bald an ihren Worten messen lassen müssen.

Die Ehrlichkeit von Petraeus, sie stünde allen Verantwortlichen der Nato gut zu Gesicht. Bei allem, was der Isaf-Kommandeur über die Zukunft gesagt hat, vergaß er eines nicht einzugestehen: In den vergangenen Jahren ging bei der Nato-Mission eigentlich alles schief.

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Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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