Von Benjamin Bidder, Moskau
In Russlands Fernem Osten, wo Kalifornien näher liegt als die zehn Flugstunden entfernte russische Hauptstadt Moskau, gibt es noch wahre slawische Bruderliebe. Kamtschatkas Bürger, Einwohner der unwirtlichen Halbinsel zwischen Beringsee und Ochotskischem Meer, in deren Nachbarschaft 29 aktive Vulkane rumoren, sorgen sich um Verwicklungen an Russlands Westgrenze, um das Wohl der Beziehungen zum kleineren Nachbarland Weißrussland.
Die Bürger Kamtschatkas verspürten "ein riesiges Bedürfnis nach Informationen über das Leben des weißrussischen Volkes", heißt es in einem offenen Brief an die politischen Führer in Minsk und Moskau. Kamtschatkas Öffentlichkeit sei "der Meinung, dass die Integration Russlands und Weißrusslands in einen Unionsstaat vollständig durchgeführt werden muss".
Mit dem Appell stehen die Unterzeichner der örtlichen "Union des weißrussischen und des großrussischen Volkes" allerdings recht allein auf weiter Flur: Zwar einigten sich beide Staaten schon vor mehr als einer Dekade tatsächlich auf eine Vereinigung ihrer Länder und eine gemeinsame Währung. Seither allerdings liegen der Kreml und Weißrusslands Marathon-Präsident Alexander Lukaschenko in einer Dauerfehde.
Der 65-Jährige ist seit 16 Jahren im Amt, doch noch nie stand Moskau Minsks pokerndem Autokraten mit dem markanten Schnauzer so unversöhnlich gegenüber. Noch niemals zuvor, sagt der weißrussische Politologe Alexander Klaskowski, waren die Beziehungen so schlecht wie jetzt.
Der Kreml sucht einen neuen Mann für Minsk
In Weißrussland stehen im kommenden Jahr Präsidentschaftswahlen an. Moskau hat Amtsinhaber Lukaschenko unter mediales Trommelfeuer genommen und schickt sich an, im Wahlkampf des Nachbarlandes kräftig mitzumischen. So könnte ausgerechnet Russlands Führung - selbst demokratischer Umtriebe bislang eher unverdächtig - zum Sturz des "letzten Diktators Europas" (Ex-US-Außenministerin Condoleezza Rice) beitragen.
"Unser Programm liegt im Kreml", bekannte der weißrussische Oppositionelle Jaroslaw Romantschuk freimütig. "Unsere Chancen sind großartig." 51 Prozent der Bürger seines Landes wollten "ein neues Gesicht an der Macht sehen", sagte Romantschuk.
Auch der Kreml sucht einen neuen Mann in Minsk. Russlands Finanzminister Alexej Kudrin gewährte Romantschuk und zwei weiteren Führern der weißrussischen Opposition bereits im Juni eine inoffizielle Audienz. Russlands oberster Kassenwart schimpfte Lukaschenkos Verhalten einst "parasitär". Russischen Schätzungen zufolge hat Moskau Weißrusslands Wirtschaft seit dem Ende der Sowjetunion mit bis zu hundert Milliarden Dollar gepäppelt, Rohstofflieferungen zum Vorzugspreis ermöglichten Minsk einen bescheidenen Wohlstand.
Leider verhalte sich Staatschef Lukaschenko aber "unanständig und inkonsequent", zitierten russische Medien nun einen ranghohen Kreml-Berater. Im Gegenzug für die wirtschaftliche Bevorzugung Weißrusslands erwartete Moskau Wohlverhalten - forderte dies aber bislang meist vergeblich ein.
Lukaschenko hält sich alle Optionen offen
Lukaschenko habe ihm "feierlich versprochen", die von Georgien abtrünnigen Regionen Abchasien und Südossetien anzuerkennen, klagte Kreml-Chef Dmitrij Medwedew Anfang des Monats. Die Reaktion aus Minsk kam prompt: "Gar nichts hat Lukaschenko feierlich versprochen", erwiderte der weißrussische Präsident. Er habe lediglich gesagt, es sei "kein Problem", die Gebiete anzuerkennen. Russland müsse sein Land lediglich für in der Folge zu erwartende Verschlechterungen der Beziehungen zum Westen entschädigen. Man behalte sich die Veröffentlichung der entsprechenden vertraulichen Gesprächsprotokolle vor, konterte der Kreml - und könnte somit den Staatschef eines nominalen Verbündeten als Lügner bloßstellen.
"Das sind Zeichen einer gekränkten Supermacht", sagt der weißrussische Politologe Klaskowski. Russland habe mit einer Integration des Brudervolkes gerechnet und fühle sich nun von Lukaschenko betrogen.
Der weißrussische Staatschef betreibt seit Jahren eine Schaukelstuhlpolitik zwischen Ost und West. 2009 warf sich Lukaschenko im Interview mit der Moskauer national-patriotischen Zeitung "Sawtra" (Morgen) den slawischen Brüdern im Osten an die Brust - kurz nachdem er EU-Top-Diplomaten versichert hatte, er strebe außenpolitisch eine "Festigung" der Beziehungen zu Europa an.
Lukaschenko hofierte EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner, traf Silvio Berlusconi und wurde mit Söhnchen Kolja bei Papst Benedikt XVI. vorstellig. Damals jubelten Weißrusslands Staatsmedien, Lukaschenko habe so wie einst Peter der Große ein "Fenster nach Europa" aufgestoßen.
Wegen der aktuellen Krise der Union hat die EU jedoch Osteuropa aus dem Blick verloren. "Der Westen hat uns im Stich gelassen. Das kommt uns teuer zu stehen", sagte Lukaschenko bereits im Mai.
Der Kreml dagegen ist selbstbewusst. Sowohl in der Ukraine als auch in Kirgisien haben in diesem Jahr prorussische Kräfte die Macht übernommen. Warum nicht auch in Weißrussland?
Der Präsident nimmt sich seine Gegner vor
Am Montag demonstrierten Hunderte Lukaschenko-Gegner in Minsk. Sie forderten eine Untersuchung von Vorwürfen, wonach der Präsident in das Verschwinden weißrussischer Oppositioneller verwickelt ist. Lukaschenko spürt, dass es eng werden könnte für ihn bei der Wahl 2011. Vorsorglich lässt er Internetsurfer und Medien in Weißrussland stärker an die Kandare nehmen: Wer zwischen Grodno und Witebsk ein Internetcafé besuchen will, soll sich mit dem Pass ausweisen. Die Auflage der Zeitung "Nascha Niwa", die Russlands Schmähungen gegen den Präsidenten abdruckte, wurde konfisziert und eingestampft, das Blatt gleich doppelt verwarnt.
Sollte sich die traditionell zersplitterte weißrussische Opposition rechtzeitig vor dem Urnengang einigen, könnte die Wahl der letzte Kampf des Alexander Lukaschenko werden. Der Kreml sende den Wählern im Nachbarland eine einfache Botschaft, glaubt der weißrussische Politologe Alexander Feduta: "Früher war Lukaschenko Garant für warme Winter und günstige kommunale Dienstleistungen." Wenn die Weißrussen sich aber jetzt nicht von ihrem "Batko-Väterchen" abwendeten, müssten sie sich "auf Schlimmeres einstellen".
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übersieht der Autor bei seiner (positiven) Wahlprognose, dass seit 1994 keine demokratischen Wahlen in Weissrussland mehr stattgefunden haben. Zuletzt wurden weissrussische Wahlbeobachter massiv bedroht um sie davon abzuhalten [...] mehr...
Ich konnte in den letzten 20 Jahren lernen, wie Propaganda und Zensur langsam aber sicher auf die Menschen einwirkt. Und konnte erstmals sehen, dass wirklich sie wirkt. (Wie in den 30ern bei uns in D). Kritische Journalisten [...] mehr...
Ich verfolge seit einiger Zeit aufmerksam, wie es Lukaschenko immer wieder fertigbringt, die Jungs im Kreml zue Weißglut zu bringen. Gleichzetig schafft er es fast immer, seine (oder die weißrussischen) Interessen durchzusetzen. [...] mehr...
Der Analytiker Koslowski. So so. Hoffentlich ließt der Apparat Lukashenko diesen Artikel nicht. Wo holt sich der SPIEGEL eigentlich diese Kasper? Was hat der noch analysiert? Bei Wissenschaftlern wäre eine Publikationsliste [...] mehr...
Wie konnte sich dieser Diktator nach dem Zusammenbruchs des Ostens überhaupt so lange an der Macht halten? Bitte um Antworten. mehr...
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