Von Matthias Gebauer und Yassin Musharbash
Kabul/Berlin - Wenn es im afghanisch-pakistanischen Krisengebiet jemanden gibt, an den sich die widersprüchlichen und teils unvereinbaren Interessen der wichtigsten Akteure auf diesem Kriegsschauplatz festmachen lassen, dann ist dies die Nummer Zwei der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar.
Er ist ein enger Verbündeter des Taliban-Chefs Mullah Omar; er galt bis zu seiner Festnahme im Februar dieses Jahres auch als der eigentliche Direktor des Tagesgeschäfts der Taliban. Als Kopf des höchsten Gremiums der Taliban, der "Quetta-Shura", hat er etliches Gewicht. Mullah Baradar, das ist unbestritten, ist einer der größten Fische, die es in der Region zu fangen gibt.
Andererseits gilt der Mann, vermutlich nicht zu Unrecht, wie die Aktivitäten seiner Nachfolger bestätigen, als einer der wenigen Taliban-Führer von Bedeutung, mit dem man über eine politische Lösung und eine eventuelle Rolle der Taliban jenseits des Schlachtfelds sprechen kann. Wer immer in Washington, London oder Berlin laut über die Möglichkeit nachdenkt, mit den Taliban zu verhandeln, hat nicht zuletzt Mullah Baradar im Sinn.
Der Sondergesandte der Uno in Afghanistan, Kai Eide, soll sich Anfang des Jahres mit Baradar-Gesandten in Dubai getroffen haben, um eventuelle Verhandlungen auszuloten. Beide Seiten dementierten dies, aber das ist vermutlich so abgesprochen gewesen.
Für Pakistan sind die Taliban ein Werkzeug
Wenige Wochen nach der Enthüllung dieser Kontakte wurde Mullah Baradar jedoch festgenommen. In der pakistanischen Metropole Karatschi ging er einem Team von Geheimdienstagenten des pakistanischen ISI und der US-amerikanischen CIA ins Netz. Wie die "New York Times" am Montag berichtet, hatte der ISI den Talib an jenem Tag innerhalb eines mehrere Quadratkilometer großen Areals lokalisiert, nachdem er sein Handy angeschaltet hatte. Weiter kamen die Pakistaner aber nicht, weswegen sie die CIA um Hilfe baten. Die Amerikaner schickten Techniker, vier Stunden später saß Mullah Baradar im Gefängnis.
Nach der Festnahme, die wiederum erst Tage später bekannt wurde, lobten sich Pakistaner und Amerikaner gegenseitig. Ein wichtiger Terrorführer sei aus dem Verkehr gezogen worden. Dass innerhalb kurzer Zeit 22 weitere Taliban-Kommandeure festgenommen wurde, wertete man allenthalben als Zeichen für Pakistans neu entfachten Schwung bei der Bekämpfung der Radikalislamisten; schließlich war grundsätzlich schon lange bekannt, dass Elemente innerhalb des ISI brisante Beziehungen zu den afghanischen Taliban unterhalten und sie als strategisches Werkzeug eigener Interessen in Afghanistan betrachten.
Von Anfang an kursierten in Spezialblogs und unter Geheimdienstanalysten Gerüchte, in Wahrheit sei es den Pakistanern bei der Festnahme von Baradar nicht um die Terrorbekämpfung gegangen, sondern darum, die Gespräche zur Auslotung von Verhandlungen zu unterbinden. Denn der ISI habe keinerlei Interesse daran, dass ohne seine Beteiligung eine Friedensordnung für Afghanistan entworfen wird.
"Wir haben den Eindruck, dass der ISI durch Baradar mögliche Friedensgespräche zumindest mitsteuern will", sagte ein hochrangiger Nato-Geheimdienstmann SPIEGEL ONLINE bereits im April diesen Jahres. Durch Baradar habe der Dienst "einen Trumpf", der über den Stand der Dinge berichten und mögliche Deals beeinflussen könne.
CIA? - "Die sind so naiv!"
Diese Lesart wird nun massiv gestützt: In einem langen Artikel präsentiert die "New York Times" (NYT) eine Fülle von (anonymen) Quellen, denen zu Folge genau dies tatsächlich das Kalkül des ISI war - und dass der pakistanische Dienst die CIA darüber mit Absicht im Unklaren ließ.
"Wir nahmen Baradar und die anderen fest, weil sie versuchten, einen Deal ohne uns zu machen", zitiert die Zeitung einen pakistanischen Sicherheitsbeamten. "Wir beschützen die Taliban. Sie sind von uns abhängig. Wir werden ihnen nicht gestatten, eine Absprache mit (dem afghanischen Präsidenten Hamid) Karzai und den Indern" zu treffen - Pakistans Erzfeind.
Mehrere pakistanische Quellen würden dies bestätigen, schreibt die NYT weiter. Auch dafür, dass Baradar tatsächlich mit der afghanischen Regierung über Vorgespräche verhandelt hatte, als er festgenommen wurde, liefert die Zeitung Quellen. Ein Pakistaner habe über die unfreiwillige Hilfe der CIA regelrecht gelästert: "Die sind so naiv."
Etliche der nach Mullah Baradar verhafteten Taliban-Führern seien mittlerweile wieder frei, so das Blatt - der ISI habe ihnen aber eingeschärft, nicht ohne ihre Erlaubnis Verhandlungen zu führen.
Die Enthüllungen der NYT dürften das Verhältnis zwischen Washington und Islamabad wieder einmal auf eine harte Probe stellen. Nicht zuletzt durch die Enthüllungen der 90.000 Geheimdokumente durch WikiLeaks war der Verdacht, der Geheimdienst ISI betreibe mit Hilfe der Taliban ein eigenes Machtspiel um den Einfluss in Afghanistan, erhärtet worden.
Auswirkungen für die Bundeswehr in Nordafghanistan
Die Geheimdienstler der Nato wissen unterdessen seit Monaten, dass Mullah Barader keineswegs in einem der berüchtigten Knäste des ISI inhaftiert ist. Bei Telefonüberwachungen von mittleren und hochrangigen Taliban-Führern in Afghanistan hörten die Analysten schon seit dem Frühjahr immer wieder auch die Stimme des Festgenommenen.
Die Festnahme Baradars, in Wahrheit wohl eher eine Art Hausarrest, hatte unterdessen auch Einfluss auf den deutschen Verantwortungsbereich im Norden Afghanistans. Denn wenige Tage nach der Festnahme setzen pakistanische Behörden auch die beiden sogenannten Taliban-Schattengouverneure von Kunduz und Baghlan fest.
In Kunduz betreibt die Bundeswehr ein Feldlager mit rund 1400 Soldaten, und der dortige Taliban-Schattengouverneur Mullah Abdul Salam hatte in den Jahren vor seiner Festnahme mehrere schwere Anschläge gegen die Deutschen orchestriert. Er steht seit langem ganz oben auf der Fahndungsliste der Nato-Truppen in Nordafghanistan.
Beruhigen konnte die Festnahme von Abdul Salam die Lage im Norden jedoch kaum. Denn der Nachfolger von Mullah Baradar drängte nach Erkenntnissen der Nato im Sommer 2010 darauf, dass die Taliban ihre Aktivitäten gegen die Deutschen und gegen die in Kunduz stationierten US-Truppen vorantreiben.
So habe Mullah Zakir angeordnet, den Kampf unvermindert fortzusetzen. "Zakir schaltete sich persönlich ein und drohte jedem, der nicht kämpfen wollte, mit drakonischen Strafen", so ein Geheimdienstmann aus dem Nato-Hauptquartier.
Zakir, ein ehemaliger Insasse des Terrorknasts in Guantanamo Bay, gilt unter Experten als rücksichtsloser Kämpfer. Im Gegensatz zu Baradar, der offenbar eine politische Lösung und eine Rückkehr der Taliban in die normalen Machtstrukturen in Afghanistan plante, lehnt Zakir jegliche Gespräche mit der afghanischen Regierung strikt ab.
Auf anderen Social Networks posten:
Ein Staatsvolk hat nie was mit seiner Regierung zu tun und umgekehrt gilt das natürlich auch! Wie könnte jemand so naiv wie ich sein und anderes vermuten? Die pakistanische Regierung und ihre Behörden sollten sich natürlich [...] mehr...
nüchtern betrachtet stellt sich mir folgende frage: wie wahrscheinlich ist es das der ISI der nicht mal in der lage ist(laut artikel) einen imsi catcher zu bedienen und eine ordentliche triangulation durchzuführen, den cia in [...] mehr...
Rundumschläge sind immer ein Zeichen von Hilf-und Ratlosigkeit. Anscheinend ist die Welt zu komplex um sie in schwarz und weiss einzuteilen und das macht Sie rasend. Erinnert mich an Rousseau und die Mär vom edlen Wilden und [...] mehr...
Ja, das sehe ich genauso; denn wenn Pakistan mit seiner gewählten Regierung und seinen funktionierenden Militärs, Gerichtsbarkeit, Polizei etc., es nicht schafft mit diesen Fanatikern fertig zu werden, wie soll es da in [...] mehr...
Die Bandenkriege haben begonnen. Es geht dabei nicht Territorien wie noch unter dem Psychopath Hitler, sondern um Systemdominanz. Mit dem Einschlag in die Twin Towers begann dieser Bandenkrieg. Es ist der individuelle Nahkampfe [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Taliban | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH