Aus Kabul berichtet Matthias Gebauer
Kabul - Die internationalen Truppen in Afghanistan haben in diesem Jahr unter Führung der USA die Jagd von Spezialeinheiten auf die Taliban-Spitze massiv gesteigert. Mit bisher unbekannter Intensität versuchten vor allem die geheim und von normalen Truppen abgeschirmt operierenden Special Forces in den vergangenen Monaten mit Hunderten Operationen, den Widerstand der Taliban zu brechen, ihre Führungsebene zu schwächen und Netzwerke von Bombenlegern auszuheben.
Der vermehrte Einsatz der Schattenkrieger ist für Insider nicht neu. Doch erstmals in der Geschichte des neunjährigen Afghanistan-Kriegs sind nun konkrete Zahlen über den Einsatz, über den weder Nato noch die US-Armee öffentlich sprechen, genannt worden: In der zweiten Augustwoche gab die Führung der Nato-Truppen unter Isaf-Oberbefehlshaber David Petraeus streng vertraulich einen Überblick über eine massive Anti-Taliban-Offensive, die seit Ende 2009 läuft.
Vor Diplomaten und Spitzenmilitärs berichteten der Vier-Sterne-General und sein Stab nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE, dass allein in den vergangenen drei Monaten mindestens 365 hochrangige und mittlere Kommandeure der Aufständischen meist durch gezielte Operationen der Special Forces - hochgerüsteten Elitekrieger aus allen Waffengattungen der US-Armee - getötet wurden. 1395 Personen, darunter viele Fußsoldaten der Taliban, seien bei Zugriffen festgenommen worden.
Das Briefing, das die Zeit vom 8. Mai bis zum 8. August bilanzierte, gibt einen seltenen Einblick in eine Seite des Afghanistan-Kriegs, die bisher nur die US-Regierung und wenige andere Top-Politiker der Nato-Staaten kannten. Wörtlich trugen die Militärs vor, man habe die Kommandeure und die Festgenommenen "aus dem Spiel genommen" - eine sonst von den Special Forces benutzte Wortwahl, die die Nähe der von den USA dominierten Militärführung zu den Methoden der Elitetruppen widerspiegelt.
Fast immer schlagen die Elitekrieger nachts zu
Seitdem bestimmen die Details die interne Diskussion über die Zukunft der Mission in Kreisen der internationalen Gemeinschaft in Kabul. Während die militärische Führung auffallend vorsichtig von ersten kleinen Erfolgen im Kampf gegen die Taliban spricht, dürfte die Bilanz der Special Forces die Kooperation mit der afghanischen Regierung erschweren. Diplomaten fragen sich besorgt, wie sich das Ausschalten der Taliban-Hierarchie mit dem erklärten Ziel vereinbaren lässt, Teile dieser Gruppe zu reintegrieren.
Die spektakuläre Statistik zeigt vor allem eines: den Willen der militärischen Führung, in den nächsten Monaten eine Wende in Afghanistan zu erreichen. Die Masse an Operationen unterstreicht eindrucksvoll, dass General Petraeus wie sein Vorgänger Stanley McChrystal mit dem Einsatz von Spezialeinheiten eine Entscheidung in Afghanistan erzwingen will.
Noch nie seit der durch die US-Armee geführten Invasion des Landes wurde so gezielt nach Anführern der Taliban gesucht, noch nie wurden sie so zahlreich festgenommen oder gezielt getötet. Unterrichtete westliche Diplomaten berichteten in den vergangenen Tagen, das Militäraufgebot von 145.000 ausländischen Soldaten agiere derzeit "mit der maximalen Schlagkraft".
Militärs hingegen sehen die Bilanz nüchterner. Seit Dezember 2009, als US-Präsident Barack Obama eine Truppenerhöhung von 30.000 Mann genehmigt und eine neue Strategie für den Afghanistan-Krieg angekündigt hatte, seien die Orationen der geheimen Krieger der Special Forces massiv ausgeweitet worden. Bis zum Sommer 2010 wurden sie gar zahlenmäßig verdreifacht, so die Militärbilanz.
Über den Erfolg der Offensive der Schattenkrieger gibt es unterschiedliche Ansichten. Hochrangige US-Offiziere aus dem Nato-Führungsstab berichten betont vorsichtig von ersten Einschränkungen bei der Bewegungsfreiheit der Führungsebene der Taliban. Es sei allerdings viel zu früh, um eine qualitative Bilanz zu ziehen, sagte ein Geheimdienstoffizier aus dem Petraeus-Stab.
Im Distrikt Baghlan in Nordafghanistan traute sich zumindest nach Berichten von Geheimdienstmitarbeitern niemand, die Nachfolge von Taliban-Schattengouverneuren anzutreten, die gezielt von Special Forces eliminiert worden waren. "Die Führung der Taliban-Schura hat die Nachfolge geregelt, doch der Mann bleibt in Pakistan", berichtet ein Offizier.
Karzai kritisiert Hatz auf die Taliban
Diplomaten indes äußerten Zweifel, wie die robuste Militärstrategie mit dem Ziel in Einklang gebracht werden kann, die bei diversen Konferenzen beschlossene politische Verhandlungslösung mit den Taliban zu finden. "In der Militärführung heißt es oft, mit den Taliban könne man am besten verhandeln, wenn sie am Boden sind", sagte ein europäischer Diplomat nach einem Gespräch mit der Isaf-Führung, "vielleicht aber wirken die Operationen als zusätzliche Motivation für die Aufstandsbewegung."
Die meisten Operationen fanden im Süden und Osten des Landes, den Hochburgen der Taliban, statt. Ein wichtiger Kampfplatz ist aber auch das Einsatzgebiet der Bundeswehr. Vor allem im nordafghanischen Kunduz - hier haben die Deutschen ein Feldlager mit 1400 Soldaten - und in Baghlan waren und sind die Eliteeinheiten fast jede Nacht unterwegs. Es gab Dutzende Zugriffe und auch gezielte Tötungen. Kürzlich wurde nach Militärangaben in Kunduz gar ein Qaida-Kader ausgeschaltet.
Die aggressive Vorgehensweise sorgt bereits für Verstimmungen im Kabuler Präsidentenpalast. In Gesprächen mit europäischen Politikern kritisierte Karzai in den letzten Tagen regelmäßig die robuste Taliban-Hatz. Ausschweifend beklagte der Präsident, der Kampf gegen die Taliban dürfe nicht in den Dörfern gekämpft werden, er bekomme regelmäßig Berichte über entehrendes Verhalten der Einheiten.
Die Militärs hingegen sagen, sie täten alles, um zivile Opfer zu vermeiden. Nur bei einem Prozent der Special-Forces-Aktionen, so die Bilanz, seien in den letzten Monaten Zivilisten ums Leben gekommen. Solche Kollateralschäden nimmt Karzai gern zum Anlass, um die ausländischen Truppen öffentlichkeitswirksam zu kritisieren.
Die blutige Bilanz der Spezialtruppen dürften ähnliche Reflexe bei Karzai auslösen.
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Das wird aber höchste Zeit, dass konkret und zielgerichtet gegen Taliban-Terroristen vorgegangen wird. Das wäre schon vor zig Jahren in massiver Form fällig gewesen. Ich weiss nicht, worauf die Bundeswehr bisher gehofft hat? [...] mehr...
Spätestens in ein paar Jahren lasse ich meine Asche auf See entsorgen und überlasse das Befürchten Ihnen! mehr...
Befreit? Von wem? Ich sage Ihnen noch einmal, dass Sie vom historisch gewachsenen Vielvölkerstaat Afghanistan und den Ethnien in seinen Regionen keinen blassen Schimmer haben. (Übrigens genauso wie die Besatzungsmächte!) Selbst [...] mehr...
Man hat Afghanistan nicht besetzt, man hat es befreit, und dann auf Wunsch der legitimen Regierung geblieben, um zu verhindern, dass Steinzeit-Islamisten wieder an die Macht kommen. Es ist ein Wunschdenken hier von breiten [...] mehr...
Was befürchten Sie denn, hä? mehr...
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