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28.08.2010
 

Frankreichs Sozialisten

Gemeinsam debattieren, getrennt feiern

Aus La Rochelle berichtet Stefan Simons

Frankreichs Sozialisten: Selbstverordnete Harmonie
Fotos
AFP

Angesichts der Probleme von Präsident Sarkozy verspüren die französischen Sozialisten Rückenwind: Beflügelt von positiven Umfragen verspricht die "Parti Socialiste" Einigkeit. Doch bei der anstehenden Kandidatenwahl werden interne Kämpfe nicht ausbleiben.

Gefeiert wird schon am ersten Abend. Im Garten des Museums für Naturgeschichte begrüßen die Sozialisten ihre Chefin Martine Aubry zu nächtlicher Stunde wie einen Star: Küsschen, Schulterklopfen, Komplimente. Die Genossen sind unter sich, provinzielle Basis reibt sich an Pariser Prominenz, der Ton ist kumpelhaft, das Buffet üppig. "Martine fühlt sich in Hochform, weil die Parteibasis zum ersten Mal richtig optimistisch klingt", freut sich François Rousseaux, Sprecher der Generalsekretärin. Die "Parti Socialiste" (PS), die das Emblem mit Faust und Rose im Wappen führt, hat Oberwasser.

Am Nachmittag hat eine kämpferische Ségolène Royal die "Sommeruniversität" der Sozialisten eröffnet; die gescheiterte Kandidatin von 2007 zieht mit einer veritablen Wahlkampfrede gegen Präsident Nicolas Sarkozy zu Feld. Motto: "Es reicht." Und verspricht ein "Frankreich der Hoffnung". Parteichefin Aubry hat sich derweil ihre Attacke gegen Sarkozy für die Abschlusskundgebung am Sonntag aufgehoben - beklatscht werden beide Damen.

Seit 18 Jahren markiert das Treffen den Auftakt zur Herbstsaison der Sozen: Das spätsommerliche Stelldichein an der Atlantikküste zwischen Nantes und Bordeaux versteht sich als informeller Programm-Parteitag irgendwo zwischen Betriebsausflug oder Kaderschulung - Weißwein und Meeresfrüchte inklusive. Die PS-Anhänger tagen in den ehemaligen Fischhallen zwischen Aquarium und Universität, am Kai daneben dümpeln mondäne Motoryachten und luxuriöse Segelboote. "Mit dem Kapital, was hier vor Anker liegt", mokiert sich ein lokaler Sozialist, "könnte man ein halbes Dutzend Wahlkämpfe führen."

Die Zusammenkunft steht unter einem guten Stern - trotz des banalen Mottos "Das Leben, das wir wollen": Die Linke liegt vorn, in Analysen, Kommentaren und Meinungsumfragen. Präsident Sarkozy rennen nach dem Frühsommer der Affären die Wähler davon, die Kontroverse um innere Sicherheit und die brachiale Abschiebung von Roma hat die wertkonservative katholisch-gaullistische Parteibasis vergrault.

Hat Sarkozy schon verloren?

Das Magazin "Marianne" watschte den Staatschef ab als "Schurken der Republik", die konservative Wochenzeitschrift "Le Point" stellte in seiner Umfrage fest, dass 62 Prozent der Befragten Sarkozy nicht als Kandidaten wollten und fragte zum Titelbild eines ergrauten Präsidenten diese Woche "Hat er schon verloren?"

Naht 2012 also die Stunde der Revanche? Immerhin, nach drei verlorenen Präsidentschaftswahlen sieht es erstmals so aus, als könne die PS den amtierenden Staatschef aus dem Élysée vertreiben. Die sozialistische Traditionsformation, vor einem Jahr vom Mode-Philosophen Bernard-Henri Lévy als "umgestürzter Kadaver" abgeschrieben, erscheint 20 Monate vor dem nächsten Votum wieder quicklebendig. Maxime Bono, PS-Bürgermeister von La Rochelle, jubiliert und sieht seine Partei "am Rückweg auf die politische Szene."

Denn nach einer Erhebung vom vergangenen Wochenende, veröffentlicht von "Ouest-France", bewerten immerhin 51 Prozent der Bevölkerung die PS als glaubwürdige Oppositionspartei; 55 Prozent der Wähler wollen 2012 den Wechsel, fanden Meinungsforscher für das linke Blatt "Libération" heraus. Dieses verortete prompt ein landesweites "Begehren für die Linke", und der "Le Nouvel Observateur" schien Frankreichs neue Gemütslage zu bestätigen: Nach einer Studie des Marktforschungsinstituts "TNS-Sofres" würden gleich zwei sozialistische Kandidaten den amtierenden Staatschef überflügeln.

Nach dieser Umfrage läge nicht nur PS-Chefin Aubry im zweiten Wahlgang mit 53 Prozent vor Sarkozy, vor allem Dominique Strauss-Kahn, derzeit Direktor des Weltwährungsfonds (IMF) in New York, würde den derzeitigen Präsidenten mit satten 59 Prozent deklassieren. Selbst die zweite Riege, der vorige PS-Chef François Hollande (50 Prozent), wie dessen Exfrau und Exkandidatin Royal (49 Prozent) würden Sarkozy noch Paroli bieten.

Den Sozialisten drohen "Morde unter Kameraden"

Das Umfragenhoch macht freilich noch keinen Kampagnen-Sommer: Jenseits von methodischen Schwächen ist das Stimmungsbild eben nicht mehr als eine frühe Momentaufnahme. Und selbst wenn Sarkozy derzeit in den Umfragen nur gerade ein Drittel der Wähler hinter sich weiß, bleibt fraglich, ob die derzeitige Unzufriedenheit der Franzosen einen Kandidaten der Sozialisten in den Élysée befördert. Denn die PS bräuchte nicht nur einen überzeugenden Wahlkämpfer, sondern auch eine programmatische Alternative, um die Anhänger der Ökos und die Genossen der zersplitterten Formationen am äußersten linken Rand des Parteienspektrums an Bord zu holen.

Und dann bleibt die Frage, ob die jetzt in La Rochelle gefeierte Solidarität auch über die parteiinternen Vorwahlen Ende 2011 bis zum Präsidentschaftsvotum ein Jahr später halten wird. Da sind, so glaubt ein Enthüllungsbericht unter dem Titel "Kleine Morde unter Kameraden", deutliche Zweifel erlaubt. Das Buch, ausgerechnet am Vorabend des PS-Treffens erschienen, beschreibt, wie tief zerstritten die Sozialisten noch immer sind. Die Honoratiorenpartei ist zwar lokal und regional gut verankert, aber auf nationaler Ebene haben es die Clubs, Strömungen und Seilschafen noch stets mehr gegeneinander als miteinander um die Macht zu gestritten.

Das soll mit dem vorläufigen Pakt der Promis nun anders werden. Doch hält sich die alternde Männerriege der "Elefanten" an die verordnete Harmonie? Kommt es unter den weiblichen Stars wieder zum unerquicklichen Zickenzwist?

Trotz aller Beteuerungen ist der Trauma-Parteitag von Reims im Herbst 2008 nicht verdaut, als Aubry mit undurchsichtigen Manövern an ihrer Konkurrentin Royal vorbei ins Amt der Parteivorsitzenden gehebelt wurde. Nach außen haben die beiden Damen Burgfrieden vereinbart, Aubry will dem "bestplatzierten Kandidaten den Vortritt lassen", Royal, einst Genossin mit Outsider-Status, übt sich in Parteidisziplin und will weder gegen Strauss-Kahn noch Aubry ins Rennen gehen. "Wenn es einen Konflikt gibt", so Royal, ist die Wahl "nicht zu gewinnen." Und fügt an, sie werde "eher ihre persönlichen Ambitionen zurückstellen, damit die Linke gewinnt, als umgekehrt".

"Geeint werden wir siegen"

Royal loyal? Die neue Bescheidenheit bleibt gepaart mit handfestem Ehrgeiz. Grund genug auch für Aubry und Strauss-Kahn, sich vorerst nicht festzulegen - Aubry aus taktischen Gründen, Strauss-Kahn, weil er sich von seinem lukrativen Führungsposten beim Weltwährungsfonds verabschieden müsste, der kein parteipolitisches Engagement erlaubt. Und schließlich sind in La Rochelle noch fast ein halbes Dutzend jüngerer Anwärter vor Ort, die ihre Ambitionen nicht beerdigt haben.

Hier bleiben diese Kontroversen freilich weitgehend verdeckt hinter dem Bild schulterklopfender Geschlossenheit. "Wir stehen zusammen, was auch passiert, trotz aller Versuche werden uns nicht auseinanderdividieren lassen", sagt Royal und wird von den Genossen mit rhythmischem Rufen gefeiert, als sie mit Aubry am Arm den Saal verlässt: "Geeint werden wir siegen."

Tiefer geht die feminine "Verbrüderung" nicht: PS-Chefin Aubry stößt am Freitagabend nach einem Auftritt im TV-Sender TF1 mit Genossen und Freunden in der Sammlung für Naturgeschichte an, Royal hat nach ihrem Fernsehinterview bei France2 ihren Fanclub "Désirs d'Avenir" auf das Museumsschiff "France 1" zum Umtrunk geladen. Soll heißen: Die Fraktionen debattieren gemeinsam, aber feiern getrennt.

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Länderlexikon Frankreich

Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 62,787 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt: Nicolas Sarkozy

Regierungschef: François Fillon

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