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29.08.2010
 

Afghanistan-Besuch

Guttenberg in der Gefechtszone

Vom Observation Post North berichtet Ulrike Demmer

Visite im Kampfgebiet: Auf Tuchfühlung mit Soldaten in Afghanistan
Fotos
AFP

Der erste Versuch wurde abgeblasen. Zu gefährlich. Doch dieses Mal ging Verteidigungsminister Guttenberg bei seinem Afghanistan-Besuch auf Tuchfühlung zum Feind - und zu den eigenen Leuten. Ziel der PR-Offensive im vorgeschobenen Posten OP North ist es, seiner Truppe zu zeigen: Ich bin einer von euch.

Kunduz - Nur fünf Kilometer bis zum Feind. Karl-Theodor zu Guttenberg hebt den Feldstecher. Mit verschwitztem T-Shirt steht der Verteidigungsminister in einer Lehmkule, die Stiefel knöcheltief im Staub versunken und blickt auf das Tal vor sich. Das Grün der Reisfelder breitet sich zwischen dem braunen Staub der Berge aus wie ein See. Highway-Triangle nennen die Soldaten das Tal. Die Hauptverkehrsrouten "Uranus" und "Pluto" kreuzen sich hier. "Diesen Raum haben wir freigekämpft", sagt ein Offizier, "die Uranus ist die Trennlinie zwischen uns und den Aufständischen." Karl-Theodor zu Guttenberg an der Front.

"Nur so wird deutlich, wie hart und unerbittlich der Dienst ist, den unsere Soldaten hier leisten", sagt Guttenberg. Er besucht den Observation Post North, kurz OP-North. Ein kleines Feldlager, das die Bundeswehr in der Provinz Baghlan südlich von Kunduz in den Staub gesetzt hat. Ein Paar Zelte, Planen, drumherum ein Wall aus grobem Kies, zusammengehalten mit Säcken aus Draht. In Panzern sichern Scharfschützen das Camp. Vor Jahren hatten die Russen hier eine ihrer Stellungen. Seit April kämpfen hier deutsche Soldaten - gegen die Taliban und um das Vertrauen der Bevölkerung. Ein Minister hat sich bisher noch nicht hierhin gewagt.

"Infanteristisch ist das Gebiet hier eine Herausforderung", erklärt der Offizier. Schweißperlen rinnen ihm wie Tränen über das Gesicht. Oberstleutnant Jared Sembritzki ärgert sich über die Baumreihen, hinter denen sich die Aufständischen so gut verstecken können, und über die Reisfelder, weil sie überraschende Bewegungen querfeldein unmöglich machen. "Wir sehen den Feind nur selten. Aber uns haben die Aufständischen immer im Blick." Sembritzki ist Kommandeur der Quick Reaction Force. Er ist Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall, wie die meisten seiner Soldaten.

Wenn Soldaten einem Minister von ihrem Einsatz erzählen, zeigen sie normalerweise eine Power Point Präsentation. Vor Sembritzki steht an diesem Mittag ein großes Brett, angelehnt an einen Lehmhügel. Das Einsatzgebiet ist darauf gezeichnet. Mit einem Holzstock weist der Offizier auf die Tücken des Geländes hin. In Stichworten ist auf der Karte vermerkt, was in den letzten Wochen und Monaten so alles passiert ist. Sprengfallen, Gefechte, Festnahmen. Für jede Feindberührung gibt es ein kleines rotes Kästchen mit Datum. Die Karte ist übersät mit roten Kästchen. Im April sind hier vier Kameraden gefallen.

Guttenberg hatte schon im Juli versucht, die Soldaten im OP-Nord zu besuchen. Sembritzki und der Minister saßen im Hubschrauber von Kunduz nach Baghlan. Sie mussten umkehren. Der Kommandeur bekam auf dem halbstündigen Flug die Nachricht, dass seine Soldaten in schwere Gefechte verwickelt seien. "Dieser Gefahr wollten wir den Minister nicht aussetzen."

Die Bundeswehrreform am OP North

Dieses Mal gelingt der Trip, der tags zuvor in Masar-i-Scharif begann. Gemeinsam mit Bundestagspräsident Norbert Lammert war Guttenberg nach Afghanistan geflogen - zu einem denkwürdigen Zeitpunkt. Nächste Woche jährt sich der fatale Bombenangriff auf zwei Tanklaster in einem Flussbett nahe Kunduz. Damals waren Taliban aber auch Dutzende Zivilisten getötet oder verletzt worden.

Die Aufarbeitung des Einsatzes hatte Guttenberg schwer zu schaffen gemacht, die Regierung in Erklärungsnöte gebracht und viele Soldaten in Kunduz verunsichert. Auch deshalb sind die Politiker hier. Eine PR-Offensive in eigener Sache und für die Truppe, die sich seitdem immer wieder Kämpfe mit den Taliban liefert.

"Taohid III" heißt die Operation bei der sie, wie Sembritzki sagt, die Taliban erfolgreich aus dem Tal vertrieben haben. Jetzt bringen sie den afghanischen Polizisten und Soldaten bei, wie sie das Gebiet halten können. Sie patrouillieren durch das Tal, und sprechen mit den Afghanen, trinken Tee mit den Dorfältesten. Die Bevölkerung soll darauf vertrauen können, dass die Taliban schon nicht wieder zurück kommen werden. "Partnering ... Winning Hearts and Minds" steht dazu auf der Tafel. Darunter ist ein Foto von einem Fußballspiel. Deutsche Soldaten in Uniform gegen Afghanen in langen Gewändern. "Sie fassen Vertrauen, wenn sie sehen, wir meinen es erst", sagt Sembritzki. Schon ein Knicklicht, ein Plastikstab, der anfängt zu leuchten, mache sie glücklich.

Glücklich sind an diesem Tag auch die Soldaten. Dass der Minister sich bis zu ihnen ins Kampfgebiet vorwagt macht sie stolz. "Für uns ist es eine Auszeichnung, dass der Minister uns besucht", sagt Sembritzki. Ein Soldat bittet schüchtern um ein Foto mit Guttenberg. In der sengenden Mittagssonne beantwortet der Minister dann noch Fragen zur Strukturreform. "Bekommen die älteren Soldaten bald einen Brief, dass sie nicht mehr gebraucht werden", fragt einer. Guttenberg kann ihn beruhigen. "Wenn sie zurück kommen, wird es die Bundeswehr noch geben. Es wird auch die Gebirgsjäger noch geben."

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Die Positionen der Parteien zum Afghanistan-Einsatz

CDU/CSU: Abzugsdatum offen lassen

REUTERS
Für die Union ist klar, dass der Einsatz der Bundeswehr fortgeführt werden soll. "Dieses Mandat ist über jeden vernünftigen völkerrechtlichen oder verfassungsrechtlichen Zweifel erhaben", erklärte CDU-Chefin Angela Merkel. Forderungen nach einem sofortigen Rückzug aus Afghanistan nannte sie "unverantwortlich".

Sie warnte vor "unabsehbaren" Folgen für die Sicherheit der Deutschen und ihrer Verbündeten; Folgen, die "weit verheerender wären" als jene der Anschläge vom 11. September 2001. Zudem würde Afghanistan "in Chaos und Anarchie versinken".

Mit Blick auf den deutschen Einsatz betont die Union, es könne "keinen zivilen Aufbau ohne eine militärische Absicherung geben". Die Union will den Afghanistan-Einsatz zeitlich nicht konkret begrenzen. "Die internationale Gemeinschaft wird ihre militärische Präsenz so lange aufrechterhalten, wie es nötig ist, nicht länger, aber auch nicht kürzer", erklärte Merkel. Es müsse mit der afghanischen Regierung eine "Übergabe in Verantwortung" geben.

SPD: Klare Abzugsperspektive

FDP: Mehr Tempo für Eigenverantwortung

Grüne: Strategiewechsel zu mehr zivilem Engagement

Linke: Soldaten raus aus Afghanistan





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