ThemaAfghanistan-KriegRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
08.09.2010
 

Appell an die USA

Karzai warnt vor Wut über Koran-Verbrennung

Aus Masar-i-Sharif berichtet Matthias Gebauer

Geplante Koran-Verbrennung: Wut in Afghanistan
Fotos
AFP

Afghanistans Präsident zeichnet ein düsteres Szenario für den Fall einer Koran-Verbrennung durch christliche Fundamentalisten. Dann seien die Beziehungen der USA zur ganzen muslimischen Welt gefährdet, sagte Karzais Sprecher SPIEGEL ONLINE.

Mit scharfen Worten hat der afghanische Präsident Hamid Karzai vor der für den 11. September geplanten Koran-Verbrennung in Florida gewarnt. "Diese Aktion ist ein Angriff auf den gesamten Islam und alle Muslime in Afghanistan", sagte ein Sprecher des Präsidentenpalasts in Kabul SPIEGEL ONLINE. Er forderte Washington auf, das Vorhaben zu unterbinden - sonst drohten gravierende Folgen.

"Wenn die USA diese Verbrennung zulassen, gefährden sie nicht nur die Beziehungen zu Afghanistan sondern auch zur restlichen muslimischen Welt", erklärte Karzais stellvertretender Sprecher Siamac Herawi.

Am Mittwoch hatte sich der Oberbefehlshaber aller Nato-Truppen, US-General David Petraeus, mit Karzai getroffen und das heikle Thema besprochen. Petraeus hatte in einem ungewöhnlichen Schritt am Dienstag vor den Folgen der Verbrennung gewarnt, zu der der islamfeindliche Pfarrer Terry Jones aufgerufen hatte. "Bilder von einer Koranverbrennung würden ohne Zweifel von Extremisten in Afghanistan und weltweit benutzt um die Bevölkerung aufzuhetzen und zu Gewalt anzustiften", hieß es in einer Erklärung des Generals.

Nach dem Treffen im Präsidentenpalast teilte das Nato-Hauptquartier mit, Petraeus und Karzai teilten die Sorge über die für den 11. September geplante Aktion. Zudem seien sich die beiden einig, dass mögliche Reaktionen "unsere Bemühungen in Afghanistan torpedieren würden und die Sicherheit der Koalitionstruppen und Zivilisten aufs Spiel setzen".


Neben den Nato-Soldaten würden aber auch die "afghanischen Partner" gefährdet, da "wahrscheinlich die lokale Polizei und die Armee mit Großdemonstrationen umgehen müssten", so der Sprecher des US-Generals in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE.

Das Treffen zeigt, wie ernst die Nato-Truppen das Thema mittlerweile nehmen. Aus Erfahrung wissen die Strategen in den Stäben, dass jegliche Verunglimpfung des Korans in Afghanistan sehr schnell zu Protesten führen kann, die bereits in der Vergangenheit für massive Gewaltausbrüche sorgten.

"Ich kann mir nur wünschen, dass die Geschichte nicht stattfindet"

Im Jahr 2006 etwa zogen plündernde Mobs in der heißen Phase des Karikaturen-Streits durch Kabul, randalierten vor der norwegischen Botschaft. Aggressive Demonstranten attackierten damals sogar einen norwegischen Stützpunkt der Schutztruppe Isaf und konnte erst durch Warnschüsse von US-Kampfjets eingeschüchtert werden.

Sollte der Koran am Samstag tatsächlich von der evangelikalen Gemeinde in Florida verbrannt werden, wären am Hindukusch gewaltsame Aktionen gegen amerikanische Soldaten, alle US-Einrichtungen aber grundsätzlich gegen alle Nato-Truppen zu befürchten. "Ich kann mir nur wünschen, dass die Geschichte nicht stattfindet, denn sie würde einer aufgehetzten Bevölkerung und den Radikalen Anlass zu Gewalt gegen alle Isaf-Truppen, auch gegen die Deutschen in Nordafghanistan, geben", warnte der deutsche Regionalkommandeur Hans-Werner Fritz am Mittwoch bei einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Steine auf US-Konvois

Schon bei einer noch kleinen Demonstration am Dienstag in Kabul hatten die Demonstranten zeitweise Steine auf einen Konvoi von US-Soldaten geworfen und "Tod den USA" skandiert. Die Gewaltausbrüche wurden bei der Demo von einigen Hundert Demonstranten vor einer Moschee noch von den Organisatoren unterbunden. Bei größeren Ansammlungen aber, so die Befürchtung westlicher Beobachter, würde eine solche Kontrolle kaum noch möglich sein.

US-General Petraeus hatte in seiner Warnung die möglichen Bilder von der Verbrennung in ihrer Wirkung mit den Folter-Beweisen aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghuraib verglichen.

In Afghanistan selber war es 2005 schon einmal zu massiven Protesten gekommen, als das US-Magazin "Newsweek" berichtete, US-Militärs hätten in dem Anti-Terror-Gefängnis Guantanamo Bay auf Kuba vor den Augen von muslimischen Gefangenen Koran-Bücher eine Toilette heruntergespült, um die Gefangenen zum Reden zu bringen. 15 Menschen starben damals bei Großdemonstrationen in Kabul und anderen Orten am Hindukusch.

Taliban-Propaganda gegen ausländische Truppen

Die Befürchtung der westlichen Armeen, die von der Uno geteilt werden, könnte schon vor der Veröffentlichung der möglichen Bilder eintreten. Sahibullah Mudschahed, der notorische Sprecher der Taliban, erläuterte schon am heutigen Mittwoch, die Pläne zur Verbrennung des Korans würden in das islamfeindliche Muster der ausländischen Truppen passen.

"Es ist nicht das erste Mal, dass die Ausländer den Koran schänden", sagte Mudschahed per Telefon von einem unbekannten Ort, "die westlichen Truppen sind nur hier, um den Islam zu beschädigen und alle Muslime zu unterdrücken".

Auch wenn die Äußerungen des Taliban-Sprecher pure Propaganda sind, könnten ähnliche Hetzpredigten in afghanischen Moscheen die befürchteten Proteste massiv anheizen. Besonders für den Freitag befürchten Beobachter, dass aufwiegelnde Predigten in den Moscheen gegen die geplante Koran-Verbrennung schon vor der tatsächlichen Aktion für Demonstrationen von Tausenden Afghanen sorgen könnten. Mit solchen Massenprotesten wäre die afghanische Polizei vermutlich heillos überfordert. Isaf-Truppen hingegen würden Leib und Leben riskieren, wenn sie eingriffen.

Die Aussagen aus dem Präsidenten-Palast offenbaren zudem, wie sich Präsident Karzai im Fall des Falls verhalten würde. Der Staatschef nutzte in den vergangenen Monaten anti-westliche Ressentiments immer wieder auch für seine eigenen Zwecke. Dass Karzai nun die Verantwortung für die Folgen der Koran-Verbrennung indirekt der Regierung von Barack Obama zuschiebt, lässt vermuten, dass er sich zumindest eine Hintertür für seine Reaktion gegenüber Washington offenhalten will.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 145 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
10.09.2010 von Diomedes: Amerikas Geschöpfe: Ein Gruselkabinett

Wohl mag sich Amerikas niedere Marionette in der Ho-Chi-Minh-Stadt Baktriens ausplustern und donnern, blitzen, die Gräber öffnen, brüllen, weinen, fechten, fasten, sich zerreißen, Essig trinken oder Krokodile essen, doch sollte [...] mehr...

09.09.2010 von joe sixpack: Freedom of Speech & Separation of Church and State

Sind durch die Verfassung garantierte Rechte. Wenn wir diese einschraenken (und sei es fuer einen Idioten in FL) haben die Islamisten schon wieder ein kleines weiteres Stueck gewonnen. mehr...

09.09.2010 von drsven: kein Titel

Von welchem Vorkommnis sprechen Sie? Mir ist es tatsächlich völlig egal, ob jemand Fahnen verbrennt. Ich interessiere mich nicht für so etwas unwichtiges. Was ich unerträglich finde, ist, wenn Menschen aus niederen Beweggründen [...] mehr...

09.09.2010 von AndreasC:

Guten Tag Wie ich auch schon in anderen Votings geschrieben habe, wundert mich, auch ihr Posting. Sie schreiben von der Intensität der Drohungen. Diese erschliessen sich mir nicht. Wenn ich google finde ich nur eine [...] mehr...

09.09.2010 von Uwe4270: "Nur Idioten verbrennen Bücher?" - Okay, aber nur Fatalisten würden es verbieten

Wir können gerne in Deutschland Mr. Terry Jones und seine kleine Christengemeinde verurteilen. Außerdem handelt es sich um das weite "Hinterland" der USA (Waren Sie schon mal in Gainsville?). Jedoch hat für die [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Afghanistan-Krieg

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Der Koran

Heilige Schrift der Muslime

Getty Images
Der Koran ist die heilige Schrift des Islam und gilt als ältestes arabisches Prosawerk. Nach muslimischem Glauben enthält er wörtliche Offenbarungen, die Allah zwischen 610 und 632 durch den Erzengel Gabriel in arabischer Sprache an den Propheten Mohammed richtete. Der Koran (von arabisch "lesen": das zu lesende Buch, das zu Rezitierende) ist für alle Muslime verbindlich. Die Gläubigen sollen den arabischen Originaltext studieren. Übersetzungen werden als Interpretation abgelehnt.

Suren

Fünf Pfeiler des Islam



Länderlexikon Afghanistan

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon


Karzai und Afghanistan

Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren

Hamid Karzai

Präsidentschaftswahlen

Isaf-Einsatz

Probleme in Afghanistan

Opium-Wirtschaft

Afghanistan-Krieg




TOP



TOP