Von Carsten Volkery, London
London - Meistens dauern Skandale nicht lange. Einige Tage oder Wochen, dann hat sich die Empörung gelegt: Entweder ist die anstößige Person zurückgetreten oder die Presse findet einen neuen Aufreger.
Im Fall Andy Coulson ist es anders. Der Abhörskandal um den Kommunikationsdirektor der Downing Street Nummer Zehn kocht schon zum dritten Mal in vier Jahren hoch und beschäftigt inzwischen jeden Tag das britische Unterhaus.
Der jüngste Auslöser war vergangene Woche ein Artikel im "New York Times Magazine": Das Blatt präsentierte neue Zeugen für den alten Vorwurf, dass Coulson in seiner Zeit als Chefredakteur der britischen Boulevardzeitung "News of the World" von 2003 bis 2007 systematisch die Handy-Mailboxen von Prominenten abhören ließ. Das ist illegal, und 2007 waren ein Reporter des Blatts und ein Privatdetektiv dafür ins Gefängnis gewandert.
Coulson trat damals als Chefredakteur zurück, stritt aber jegliches Wissen über die kriminellen Machenschaften in seiner Redaktion ab. Kenner der britischen Medienlandschaft haben ihm diese Ausrede nie abgenommen, aber die Beweise fehlten. Weder Scotland Yard noch zwei parlamentarische Untersuchungen konnten Coulson etwas anhaben.
Neue Zeugen im Fall Coulson
Dank des "New York Times"-Artikels jedoch wittert nun eine Koalition aus linksliberalen Medien und der Labour-Opposition erneut eine Chance, den Skalp des wichtigsten Beraters des konservativen Premierministers David Cameron zu erbeuten.
Als neue Kronzeugen gegen Coulson fungieren die früheren "News of the World"-Redakteure Sean Hoare und Ross Hall. Hoare hatte der "New York Times" gesagt, Coulson habe ihn zum Abhören von Mail-Boxen "aktiv ermuntert". Hall hat laut "Guardian" abgehörte Handy-Nachrichten für verschiedene Redakteure transkribiert, auch für den Chefreporter der "News of the World".
Die Labour-Abgeordneten im Unterhaus nutzen sämtliche Geschäftsordnungstricks, um das Thema in der parlamentarischen Debatte zu halten. Der Druck auf Cameron soll wachsen, seinen Spin Doctor zu entlassen.
Ob all dies reicht, um Coulsons Rücktritt zu erzwingen, ist fraglich. Viele Beobachter gehen davon aus, dass er wieder ungeschoren davon kommt. "Die Wahrheit wird vielleicht nie erzählt werden, weil die meisten Zeitungen nicht darüber berichten", klagte Journalismusprofessor Roy Greenslade im "Evening Standard".
Gespaltene öffentliche Meinung
Coulson verdankt sein politisches Überleben einem bizarren Medienkrieg. So leidenschaftlich die linksliberalen "Guardian" und "Independent" über den Fall berichten, so desinteressiert gibt sich die konservative Mehrheit der britischen Zeitungen. Die Blätter des Murdoch-Imperiums, neben "News of the World" gehören dazu "Sun" und "Times", ignorieren das Thema nahezu komplett. Und auch "Daily Telegraph" und "Daily Mail" konnten sich bisher nur wenige Zeilen dazu abringen.
Die gespaltene öffentliche Meinung führt dazu, dass der politische Druck für die Regierung erträglich ist. Statt von einem Skandal ist in der konservativen Presse von einer "Kampagne des 'Guardian'" die Rede. Man will es sich nicht mit dem Türöffner Coulson verscherzen, der den Zugang zum Premier gewährt. Für "Telegraph"-Chefredakteur Benedict Brogan handelt es sich um einen künstlich aufgebauschten Sturm. " Tories und Murdoch und Wanzen", das sei eine von Labours "liebsten Verschwörungstheorien", kommentiert er.
Tatsächlich ist bei Labour eine gehörige Portion Heuchelei im Spiel. Zu Regierungszeiten haben sie sich nicht getraut, den Murdoch-Schützling Coulson anzugreifen. Erst in der Opposition finden sie nun den Mut dazu. Der Liberaldemokrat Clegg erinnerte am Mittwoch mit einer süffisanten Anekdote daran. Nach Coulsons Rücktritt als Chefredakteur sei der erste Anrufer Gordon Brown gewesen, verriet Clegg im Unterhaus. Der damalige Labour-Schatzkanzler habe Coulson getröstet und gesagt, er solle sich keine Sorgen machen. Die Tories auf der Regierungsbank johlten vor Genugtuung.
Als Quelle für diese Indiskretion kommt nur einer in Frage: Andy Coulson. Noch ist er nicht ausgezählt.
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