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10.09.2010
 

Gedenktag in Polen

Streit über Ghetto-Aufführung

Von Dominik Peters und Marta Solarz

Polen: Historische Theaterinszenierungen liegen im Trend
Fotos
picture-alliance / Imagno /Austrian Archives

Das Projekt wird in Polen heftig diskutiert: In der Stadt Bedzin soll die Zerstörung des jüdischen Ghettos durch die Nazis in einem Theaterstück nachgespielt werden. Kritiker sehen in dem Vorhaben eine Verhöhnung der Opfer.

Berlin - Es soll eine Theateraufführung gegen das Vergessen sein: In der südpolnischen Stadt Bedzin nahe Kattowitz wird am Samstag an die Zerstörung des jüdischen Ghettos durch die Nazis 1943 erinnert.

Der Organisator Adam Szydlowski verteidigt das Vorhaben in der polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza". Im Stück werde der "Einmarsch der deutschen Armee und der Abtransport der Einwohner des Ghettos ohne Schüsse und ohne drastische Inszenierungen" gezeigt, schließlich solle die Inszenierung vor allem "ein Unterricht für die Jugendlichen sein".

Das geplante Theaterstück wird im Rahmen der "8. Tage der jüdischen Kultur" stattfinden, die unter der Schirmherrschaft des Bürgermeisters sowie des israelischen Botschafters in Polen stehen. Ziel der Aufführung sei es, "die jüdische Vergangenheit der Stadt" darzustellen, sagte Szydlowski.

Nur wenige der 30.000 Bedziner Juden haben überlebt

Die deutsche Armee war am 4. September 1939 nach Bedzin einmarschiert. Wenige Tage später wurde die örtliche Synagoge in Brand gesteckt und mit der Umsiedlung der Juden in ein Ghetto begonnen. Die meisten der jüdischen Einwohner kamen in Vernichtungslager - die letzten im August 1943. Eine davon war Rutka Laskier. Das jüdische Mädchen wird auch die "polnische Anne Frank" genannt - sie hatte ein Tagebuch im Ghetto von Bedzin geführt. Von insgesamt 30.000 Bedziner Juden haben nur wenige den Krieg überlebt.

Dass das Tagebuch von Rutka Laskier 2007 an das israelische Holocaust-Museum "Jad Vaschem" übergeben werden konnte, war seinerzeit auch Szydlowski zu verdanken, der sich seit Jahren im Ort engagiert, Besuche aus Israel betreut und auf dessen Betreiben hin ein Denkmal für die jüdischen Widerstandskämpfer im Bedziner Ghetto errichtet wurde.

Adam Szydlowski wird am Samstag einen SS-Mann spielen, ursprünglich sollte sein eigener Sohn ein jüdisches Kind darstellen - nach Protesten wird der Junge nun nicht an der Vorführung teilnehmen.

Die Ankündigung des Theaterstückes hat zum Teil zu Kritik von Seiten der polnischen Medien geführt. "Ist es so schwer zu verstehen, dass man Morde, Massaker und Pogrome nicht rekonstruieren darf", fragt sich Seweryn Blumsztajn von der "Gazeta Wyborcza". Es gebe auch andere Möglichkeiten, wie man die Erinnerungen wachhalten könne, schreibt er.

Auf jüdischer Seite meldete sich Jaroslaw Sczepanski, Vorstandsmitglied des polnischen "Bnai Brith" (zu Deutsch: "Söhne des Bundes"), einer nach eigenen Angaben humanitären Vereinigung, kritisch zu Wort. Er sagte der "Gazeta Wyborcza", man könne nicht ausschließen, dass "jemand auf den Gedanken kommt, im Rahmen eines Freilichtspiels auch Szenen aus Gaskammern und Krematorien nachzuspielen".

Zeew Leron, der das jüdische Ghetto in Bedzin und das Vernichtungslager Ausschwitz überlebt hat, unterstützt hingegen die Inszenierung. "Wir sollten uns bei denen bedanken, die sich engagieren und die Last auf sich nehmen, die Wahrheit über die Geschichte von Bedzin zu zeigen", schrieb er an das Rathaus.

Die israelische Botschaft gab bekannt, man werde keine Stellung nehmen, solange man das Stück nicht gesehen habe. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Kattowitz, erklärte, er habe Vertrauen in die Organisatoren.

Historische Theaterstücke liegen im Trend

Es ist nicht das erste Mal, dass in Bedzin ein Theaterstück über das jüdische Ghetto inszeniert wird. Bereits im vergangenen Jahr hatte man an den Einmarsch der Deutschen dargestellt - dort wo einst die Synagoge stand.

Auch andernorts im Land scheinen Aufführungen historischer Ereignisse im Trend zu liegen. In diesem Jahr wurde bereits die berühmte Schlacht bei Tannenberg aus dem Jahr 1410 dargestellt, als das damalige Königreich Polen gemeinsam mit dem Großherzogtum Litauen die deutschen Kreuzritter besiegte.

Auch der Aufstand in Warschau 1944 sowie der deutsche Überfall auf die Westerplatte bei Danzig am 1. September 1939 wurden in Theaterstücken aufgeführt.

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