Gainesville - Die Tür schwingt auf, und Pastor Wayne lässt die Gäste herein. Er trägt ein Holster mit einer Pistole am Gürtel. Den Kirchenraum hinter Wayne schmücken die Flaggen von 30 Nationen, darunter Jamaika, China und der Libanon. Eine pinkfarbene Satin-Gardine hängt an den Wänden hinter der Kanzel, eine weiße Plastiktaube ruht unter einem gigantischen Holzkreuz.
Das ist das Dove World Outreach Center - frei übersetzt das "Weltmissionszentrum im Zeichen der Taube".
Der Gottesdienst beginnt mit einem hektischen Auftritt - sechs Frauen mittleren Alters schmettern Rock'n'Roll für Jesus, begleitet werden sie von einer fünfköpfigen Band, vier Teenager und ein Mann mittleren Alters. Plastikpflanzen säumen die halbrunde Bühne, eine amerikanische Flagge steht darauf. Verlängerungskabel schlängeln sich über den fleckigen Boden, zusammengehalten von verschmortem schwarzen Klebeband.
Fast die Hälfte der Gemeinde steht oben auf der Bühne. Das ist also die berühmt-berüchtigte Gruppe, die gerade die Welt in Atem hält.
Sieben Männer im formellen Country-Outfit: jeansblaue, zugeknöpfte Hemden, die Pistole im Gürtel, die Eheringe glänzend. Zwölf Frauen im konservativen Saloon-Look: Hosenanzüge über gerüschten Blusen, auffälliges Make-up. Und eine ganze Horde herausgeputzter Kinder. 30 Menschen sind hier, sie sind aufgekratzt, weil sie gerade erfolgreich den Kampf der Kulturen heraufbeschworen haben.
Seine Frau Sylvia springt auf die Bühne, die anderen Sänger versammeln sich hinter ihr. Die Girlgroup stimmt eine neue Power-Ballade für Jesus an und hüpft dabei wild umher. Die Zuschauer erheben sich und wippen mit. Einige von ihnen singen mit, der Text ist an die Wand neben dem Holzkreuz projiziert. Andere Gläubige brabbeln wie in Trance.
Pastor Jones lässt die Waffe unter seinem Smoking aufblitzen. Sein Thema heute ist das große Gemetzel aus dem Buch Ester im Alten Testament. Der hohe Beamte Haman bereitet einen Völkermord an den Juden im persischen Reich vor, weil es angeblich mit seinen Gesetzen nicht zu den anderen Völkern passte. Ester und ihr Vetter Mordechai dringen unter Lebensgefahr zum König vor und warnen ihn vor der Verschwörung Hamans. Der König erlässt ein Dekret zur Vernichtung aller Nichtjuden - und 75.000 Menschen finden den Tod.
Jones tippt auf seine Waffe: "Und Ester hatte nicht mal eine 40-Kaliber-Halbautomatik." Die Botschaft: Wer nicht untergehen will, muss wehrhaft sein. Muss bereit sein, sich zu wehren.
Es dauerte nicht lange, bis Morddrohungen eintrafen
Gegen wen, ist klar, aber Jones macht noch weitere Feinde aus: "Wir haben hier etwas Schlimmeres als Muslime", wettert er und dreht sich zu mir, "einen Reporter!" Das ist besonders skurril, wenn man bedenkt, wie sehr Jones nach Öffentlichkeit giert. Kurz nachdem seine Gemeinde sich auf die Koran-Verbrennung geeinigt hatte, verstärkte sie ihre Präsenz in den Tiefen des Internets. Sie investierte in eine Web-Seite, sie gewann mehrere tausend Fans bei Facebook (ihre Fan-Seite rühmt sich mit 12.000 Anhängern). Einige von ihnen kündigten an, ebenfalls am 11. September einen Scheiterhaufen für den Koran zu errichten. Andere schickten dem Dove Outreach Center Exemplare der verhassten heiligen Schrift der Muslime. 200 Stück sind eingegangen. Und es dauerte nicht lange, bis auch die Morddrohungen kamen.
Produzenten von CNN sahen die Facebook-Seite der Kirche und entsandten ihren Nachrichtensprecher Rick Sanchez, um Jones zu interviewen. Alle anderen Fernsehstationen eiferten CNN nach. MSNBC fragte den Prediger, ob irgendjemand ihn von seinen Plänen abhalten könne - der frühere Präsident George W. Bush etwa, Jones' persönlicher Held.
Jones sagte Nein.
Je illustrer seine Gäste werden, desto störrischer scheint Jones zu reagieren. Er hat zwar inzwischen angeboten, die Koran-Verbrennung abzusagen, aber nur, wenn das islamische Gemeindezentrum nahe Ground Zero nicht gebaut wird. Die Entscheidung überlasse er aber Gott.
Seine Predigt widmet er denn auch der Verbrennung des Korans. Alle anderen geistlichen Angelegenheiten ordnet er seinem Lieblingsprojekt unter. Wer hierher gekommen ist, um etwas allgemeineren christlichen Beistand zu erhalten, der wird leider ohne Antwort wieder gehen müssen. Denn der Pastor glaubt, er habe einen Kampf von biblischer Bedeutung losgetreten.
In den Augen des Pastors ist der Islam "das Böse" schlechthin. Mit dem Argument, dass seine Aktion zu weltweiten und sogar gewalttätigen Protesten führen könnte, kann man ihm nicht beikommen. Das ist ja genau sein Plan, dieses angebliche aggressive "Wesen des Islams" bloßzustellen. Pauschal setzt er den Islam mit extremistischen Tendenzen, die es bekanntermaßen in jeder Religion gibt, gleich.
Auf anderen Social Networks posten:
Wenn ich mich recht entsinne hatten die Nazis auch eine Affinität zu Nietzsche und Darwin, wo blieb denn da die Kritik an diesen beiden bösen Herren? mehr...
Der Spiegel konstruiert keinen Zusammenhang, sondern er berichtet über den Zusammenhang, den der Prediger konstruiert hat. Die Frage ist doch, warum sich zwischen den kruden Thesen eines deutschen Politikers und denjenigen eines [...] mehr...
In ihrem modernen Beispiel sprechen Sie ein Musterbeispiel an wie viele es sich am liebsten wünschen würden. Integration, Akzeptanz und Tolleranz. Dies belegt, dass Bildung und Offenheit im engen Zusammenhang stehen ! [...] mehr...
Yep. Ich fuerchte nur, dass es auch diesmal wieder deneben gehen wird, weil die Gutmenschen nicht aus der Vergangenheit lernen. mehr...
Sehen Sie, das unterscheidet uns. Ich stimme NICHT mit Mr. Jones ueberein, aber ich anerkenne sein Recht auf freie Meinungsaeusserung. Damit bin ich auch nicht alleine. I may not agree with what you say but I will defend to [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Prediger Terry Jones | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH