Genf - "Die Dokumente enthüllen, dass die Tabakunternehmen die WHO als einen ihrer schlimmsten Feinde betrachteten", sagte Autor Thomas Zeltner, Direktor des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit. Er zeigte sich schockiert über die systematische und mit Millionenbeträgen finanzierte Unterwanderung der WHO-Aktivitäten. So habe ein amerikanischer Rechtsanwalt, Paul Dietrich, in den Diensten des WHO-Regionalbüros für Amerika dem Zigarettenhersteller BAT ein monatliches Beraterhonorar in Rechnung gestellt. Dietrich habe dies abgestritten, berichteten die Autoren des Berichts "Die Strategien der Tabakunternehmen, um die Antitabak-Aktivitäten der WHO zu unterlaufen".
Die Tabakindustrie spielte die Bedeutung des WHO-Berichts herunter. David Davies, Vizepräsident von Philip Morris International, sagte der "Washington Post": "Obwohl viele dieser Dokumente gegnerische Positionen und oft Konfrontationseinstellungen auf beiden Seiten widerspiegeln, glauben wir nicht, dass sie die Schlussfolgerung beweisen, dass Philip Morris Obstruktionen der WHO-Gesundheitsbotschaften über Tabak oder seine Tabakkontrollinitiativen betrieben hat."
Die von der WHO bestellten Experten haben mehrere tausend vertrauliche Strategiepapiere und interne Mitteilungen der Tabakkonzerne untersucht. Deren Veröffentlichung hatten US-Richter im Rahmen der Milliardenklagen amerikanischer Raucher vor kurzem erzwungen.
Eine Studie über das Passivrauchen, die die WHO-Agentur für Krebsforschung in Lyon erstellte, wurde schon vor ihrer Veröffentlichung 1998 in mehreren Zeitungsartikeln in Frage gestellt. Wie die Dokumente zeigten, hatte Philip Morris seit 1993 daran gearbeitet, die Studie zu unterlaufen. So hätten Wissenschaftler im Sold der Tabakindustrie Kontakt zu den Kollegen aufgenommen, die an der Studie arbeiteten, ohne ihre Auftraggeber zu nennen, heißt es in dem Bericht. Die Studie sei letztendlich nicht beeinflusst worden, doch habe die Tabakindustrie bei Journalisten erfolgreich Zweifel an den Methoden geschürt und damit die kritischen Artikel provoziert.
Die Autoren fanden Beweise, dass die Tabakindustrie bei WHO-Konferenzen angeblich unabhängige Experten gezielt etwa auf Vertreter von Entwicklungsländern ansetzte. Die Botschaft: Anti-Tabak-Kampagnen schaden euren Tabakbauern. Die WHO sollte sich besser um Impfaktionen und Malaria kümmern. Setzt euch für eine Umverteilung der WHO-Ressourcen ein.
"Dass die Tabakindustrie alle Versuche, das Rauchen einzudämmen, bekämpft, ist keine Überraschung. Was aber hier klar wird, sind das Ausmaß, die Intensität und vor allem die Taktik der Kampagnen der Tabakindustrie", heißt es in dem Bericht. Die WHO-Experten empfehlen dringend, den Einfluss der Tabakindustrie in allen Mitgliedsländern zu untersuchen. Für Mitarbeiter der WHO wurde bereits die strikte Anweisung erlassen, alle finanziellen Beziehungen zu Industrieverbänden offen zu legen.
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