02. Juni 1999, 14:40 Uhr

Dioxin-Skandal

EU verhängt Verkaufsverbot

Die Europäische Kommission in Brüssel hat entschieden: Eier und Geflügel aus Belgien dürfen EU-weit nicht mehr verkauft werden. Zuvor waren der Besitzer der Futtermittelfirma Verkest und dessen Sohn verhaftet worden. Aus ihrem Betrieb in Gent stammt den Ermittlungen zufolge das mit Dioxin verseuchte Futter. Unterdessen wurde bekannt, daß Hühnerprodukte aus Belgien möglicherweise weitere Schadstoffe enthalten.

Brüssel/Bonn - Das Verbot schließt auch Produkte ein, die mit einem großen Teil von Eiern hergestellt sind. Das gab EU-Agrarkommissar Franz Fischler am Mittwoch in Brüssel bekannt. Ausgenommen sind Produkte, die nachweislich nicht aus den über 400 flämischen Hühnerfarmen stammen, an die dioxinverseuchtes Futter geliefert worden war. Eine weitere Ausnahme gilt für Produkte, die nachweislich dioxinfrei sind.

Ein Schild in einem Brüsseler Supermarkt weist darauf hin, daß uns unbedenkliches französisches Hühnerfleisch verkauft wird
DPA

Ein Schild in einem Brüsseler Supermarkt weist darauf hin, daß uns unbedenkliches französisches Hühnerfleisch verkauft wird

Von dem Verkaufsverbot sind alle Hühnerprodukte betroffen, die zwischen dem 15. Januar und dem 1. Juni in den betroffenen Hühnerfarmen hergestellt worden sind.

Die Entscheidung der Kommission tritt ab Mittwoch Mitternacht in Kraft. Sie folgte einer Entscheidung des ständigen Veterinärausschusses, der mit 13 Stimmen bei zwei Enthaltungen für die Maßnahmen gestimmt hatte.

Für den größten Teil der verseuchten Lebensmittel kommen diese Maßnahmen in jedem Fall zu spät. Sie sind längst verzehrt. Dennoch geht das Bonner Landwirtschaftsministerium davon aus, daß die EU-Regelung nicht nur Makulatur ist. Schließlich - so Ursula Horsetzky, Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums zu SPIEGEL ONLINE - sei nicht klar, wer über welche Wege und in welchem Umgang dieses Futtermittel bekommen habe. Allein schon aus vorbeugendem Verbraucherschutz müsse eine Grenze gezogen werden.

Den verhafteten Unternehmern wird Betrug und Urkundenfälschung vorgeworfen. Unklar ist aber noch, auf welchem Weg das Dioxin in das Futter gelangte. Verkest arbeitete altes Frittieröl zur Verfütterung für Hühnerfarmen auf.

Am Dienstag abend waren wegen des Skandals der belgische Landwirtschaftsminister Karel Pinxten und Gesundheitsminister Marcel Colla zurückgetreten. Sie sollen mehr als einen Monat von der Dioxinverseuchung bei Hühnern und Hühnerfutter gewußt haben, bevor sie ein Verkaufsverbot erließen und die europäischen Partnerländer und die EU-Kommission informierten. Der neue Gesundheitsminister Luc Van den Bossche sagte am Mittwoch, das Schlachtverbot für Geflügel bleibe in Kraft, bis die Sicherheit für Verbraucher gewährleistet sei.

Legebatterie
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Legebatterie

Nach Ansicht des Ulmer Umweltchemikers Prof. Karlheinz Ballschmiter enthalten belgische Hühnerprodukte neben Dioxinen weitere gefährliche Schadstoffe. Eine ihm vorliegende Analyse belgischer Gesundheitsbehörden lege die Vermutung nahe, daß Hühnerfleisch und Eier unter anderem mit sogenannten polychlorierten Biphenylen (PCB) und Phenylphenolen belastet sein könnten. Ballschmiter bestätigte damit einen Bericht der "Süddeutschen Zeitung" vom Mittwoch. Während PCB als krebsfördernd gilt, sind Phenylphenol-Verbindungen dem Hormon Östrogen ähnlich.

Die Daten aus Belgien zeigten große Mengen von Dioxinen in den Hühnerprodukten. "Ich kenne keinen Fall, in dem sie höher sind", sagte der Wissenschaftler. Zwar sei die Konzentration nicht akut lebensbedrohlich, "aber in der Summe sind sie nichts für Nahrung".

Belgien hatte seit Freitag alle belgischen Hühner und Eier vom Markt genommen, ein Exportverbot verhängt und den Großhandel mit Produkten untersagt, die mit belgischen Eiern hergestellt sind. Darunter fallen über 200 Produkte wie Gebäck, Süßspeisen (darunter auch Eis), Mayonnaise und Nudeln.


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