"Der Libyer" und "der Syrer": Bilder von Selbstmordattentäter aus einem Sarkawi-Video
Berlin - Als "einen unserer erfolgreichsten Einsätze" bezeichnete die Terrorgruppe "Tawhid und Dschihad" das Massaker, das zwei ihrer Selbstmordattentäter in Bagdad anrichteten. Ein Café und einen Souvernirmarkt, beides von US-Soldaten stark frequentiert, hatten sich die Attentäter als Ziele ausgesucht. Mindestens fünf Menschen starben, 18 weitere wurden verletzt.
Dieser Anschlag ereignete sich gestern innerhalb der "grünen" Sicherheitszone der Hauptstadt des Irak. Doch er hätte auch an jedem anderen Tag und jeder anderen Stadt des Landes stattfinden können: Selbstmordanschläge dieses Musters auf US-Soldaten und irakische Zivilisten sind im Zweistromland schon längst an der Tagesordnung.
Insgesamt fielen schon mehr als 1000 Menschen den Selbstmordattentätern im Irak zum Opfer. Anzeichen, dass sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern könnte, gibt es nicht. Im Gegenteil: Mehrere Terrororganisationen, an erster Stelle die Mördertruppe um den Jordanier Abu Musab al-Sarkawi, schwören auf diese Methode, Angst und Schrecken zu verbreiten und preisen die Anschläge wortreich auf ihren Internetseiten. Ihr Ziel ist es, die ausländischen Soldaten aus dem Land zu vertreiben und zugleich bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen Euphrat und Tigris zu provozieren. Die verhasste Interimsregierung, die ihnen als Marionette der USA gilt, soll gestürzt und durch ein islamistisches Regime ersetzt werden.
Doch so klar die Motivation der Terrororganisationen und selbst ernannten Freiheitskämpfer ist, so unklar ist, woher die jungen Männer eigentlich stammen, die bereitwillig in den Tod gehen mit dem einzigen Ziel, so viele weitere mit sich zu nehmen, wie möglich. "Entweder es handelt sich um Ausländer, und man hört deswegen nichts von ihnen, oder sie sind Iraker und ihre Familien halten still aus Angst, verhaftet zu werden", fasste kürzlich Ghassan al-Attiyah, der Direktor der irakischen Stiftung für Entwicklung und Demokratie, die Spekulationen zusammen. Ein reichlich ratloses Statement.
Schokolade für die Angehörigen
Und in der Tat gibt es kaum Zeugnisse, die etwas über die Herkunft der Attentäter aussagen. Nur die wenigsten Täter werden überhaupt jemals namentlich bekannt. Nur in einem Fall gab es bisher handfeste Indizien dafür, dass sich ein Iraker in seinem Heimatland in die Luft gesprengt hat: Ein Mann aus der Widerstandshochburg Falludscha behauptet einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge, sein 20-jähriger Sohn habe seine Familie vor einigen Monaten davon in Kenntnis gesetzt, dass er demnächst einen solchen Anschlag durchführen werde. Er habe darum gebeten, dass nach seinem Tod Schokolade an die Angehörigen und Freunde verteilt wird. Vor zwei Wochen wurde die Warnung zur blutigen Wirklichkeit.
Bombenexplosion in Bagdad Anfang Oktober: Über 1.000 Tote insgesamt
Terror-Import aus Saudi-Arabien?
"Tawhid und Dschihad" gilt als die brutalste Terrorgruppe im Irak; Sarkawis Truppe führt nicht nur Anschläe durch, sondern schockiert die Welt regelmäßig mit Enthauptungen westlicher Geiseln.
Bereits vor Monaten behauptete auch der saudische Flügel des Terrornetzwerks al-Qaida, dass von Saudi-Arabien aus Kämpfer zur Unterstützung al-Sarkawis in den Irak gesandt würden, der als eine Art Irak-Statthalter des Qaida-Gründers Osama Bin Laden gilt. Die Saudis schicken Leute, die Iraker helfen dafür bei der Beschaffung von Waffen der besiegten irakischen Armee für al-Qaida in Saudi-Arabien - so skizzierten die Qaida-Autoren in einer Internet-Botschaft an ihre Sympathisanten den Deal.
Erst vorgestern verhaftete die irakische Polizei in der Schiitemnhochburg Nadschaf ein mutmaßliches Qaida-Mitglied. Der Mann mit dem Decknamen "Abu Hussein" führte falsche Papiere, Waffen und ein GPS-Ortungssystem mit sich. Gut möglich, dass sich unter den Dschihad-Migranten der al-Qaida auch Selbstmordattentäter befanden. In Saudi-Arabien, woher wohl wegen der geografischen Nähe die meisten infiltrierten Terroristen stammen dürften, war diese Methode schließlich schon verbreitet, bevor sie im Irak Fuß fassen konnte.
Alltag wie in Israels schlimmsten Zeiten
Im Irak sind Selbstmordattentate dagegen ein extrem neues Phänomen. Zu Zeiten der Saddam-Diktatur waren sie unbekannt, und auch in den heißen Kriegsmonaten im Frühjahr vergangenen Jahres gab es sie nur vereinzelt. Vor einem guten Jahr aber begann aber mit einem blutigen Angriff auf das Uno-Hauptquartier in Bagdad eine Welle von Selbstmordanschlägen, die noch immer anhält. Die Ziele sind zumeist entweder US-Soldaten oder irakische Zivilisten, die mit den Besatzungsbehörden kooperieren und beispielsweise vor einem Rekrutierungsbüro der neu entstehenden Polizei Schlange stehen. Mittlerweile ist der Alltag für die irakischen Zivilisten genau so beängstigend wie für die Bürger Israels zu Zeiten der schlimmsten Anschlagsserien von Hamas und Dschihad Islami.
Neben "Tawhid und Dschihad" zeichnen vor allem zwei weitere Organisationen für Selbstmordanschläge verantwortlich: Zum einen "Ansar al-Sunna" (Helfer des Sunnitentums"), zum anderen "Dschaisch al-Islam" ("Armee des Islam"). Bei beiden Organisationen ist unklar, ob und in welchem Maße sie mit Sarkawis Terrorschergen kooperieren und ob auch sie in vergleichbarem Umfang ausländische Suizid-Kandidaten einsetzen.
Ein noch nicht restlos gelöstes Rätsel ist unterdessen, wie die menschlichen Bomben eigentlich aus dem Ausland in den Irak gelangen und auf welche Weise sie rekrutiert werden. "Ich möchte in den Dschihad ziehen, nach Afghanistan, in den Irak oder nach Tschetschenien. Wer kann mir helfen?" - Solche Anfragen finden sich im Internet in einschlägigen, islamistischen Internetforen wöchentlich und manchmal täglich. Vielleicht spielt sich ein Teil der Rekrutierung auf diese Weise ab.
Wahrscheinlich aber ist vor allem, dass Botschafter der verschiedenen Terrorgruppen in den arabischen Nachbarländern des Irak regelrechte Rekrutierungsbüros unterhalten, wie man es aus Palästina oder dem Libanon kennt. Entdeckt wurde freilich bislang noch keines.
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