Aus Paris berichtet Holger Dambeck
Paris - Wie viele Autos in der vergangenen Nacht in ganz Frankreich abgefackelt wurden, erfahren die Zuschauer des französischen TV-Senders LCI seit gestern Morgen nicht mehr. Der Nachrichtenkanal will solche Statistiken künftig nicht mehr veröffentlichen, sagte LCI-Chef Jean-Claude Dassier. Anlass ist ein Zwischenfall in einer Trabantenstadt. Ein LCI-Kamerateam hörte die Worte "Das Fernsehen ist da, ihr werdet gefilmt"; danach wurden zwei Autos direkt vor den Augen der Journalisten angesteckt.
"Das hat uns klar gemacht, dass wir aufpassen müssen", sagte Dassier der Nachrichtenagentur AFP. Der Sender France 3 verzichtet bereits seit Montag auf die allmorgendliche Abfackelstatistik. Man wolle so ein Aufbauschen der Sache verhindern, hieß es bei France 3.
Die Tageszeitung "Liberation" berichtet sogar von angeblichen Appellen der Regierung an die TV-Stationen, weniger über die Krawalle zu berichten. Die Sender hätten das jedoch sofort dementiert, schreibt das Blatt.
Tatsache ist, dass die Krawalle auch und vor allem durch die Berichte im Fernsehen und Tageszeitungen ihre Wirkung entfalten - und das wissen die Randalierer genau. "Sie träumen davon, in die 20-Uhr-Nachrichten zu kommen", zitiert "Le Figaro" einen Experten des Polizeigeheimdienstes RG. Jugendliche in den Vorstädten machen keinen Hehl daraus, dass die Ausschreitungen mitunter nichts anderes sind als ein Wettstreit unter verschiedenen Cliquen. Wer hat die meisten Autos auf der Liste? Wer eine Fabrik?
"Die Medien stimulieren die Randalierer", sagte Jaques Myard, Abgeordneter der Regierungspartei UMP der Zeitung "Parisien". Das Fernsehen habe die größte Wirkung, aber auch die Fotos in Zeitungen seien nicht zu unterschätzen.
Das Lokalblatt "Parisien" hat die Krawalle in einer Infografik zusammengefasst - in einer Weise, die Myard kaum gefallen dürfte. Auf einer großen Frankreich-Karte sind für jedes Department die Zahlen zerstörter Autos, angezündeter Gebäude, der Festnahmen und der Verletzten angegeben. Unangefochtener Spitzenreiter ist demnach Seine-Saint-Denis im Nordosten von Paris mit mittlerweile über 1000 Pkws. Die meisten Sender, etwa Radio France und der TV-Kanal France 2 wollen ebenfalls weiterhin Statistiken publizieren. "Wir machen keine Wettbewerbe zwischen verschiedenen Vierteln über die Zahl der angezündeten Pkw", betonte Arlette Chabot, Nachrichtenchefin bei France 2.
Auch die Berichterstattung im Internet ist ins Visier der Ermittler geraten. Der Pariser Generalstaatsanwalt Yves Bot ließ einem Zeitungsbericht zufolge drei Internet-Tagebücher sperren, über die seiner Einschätzung nach die Krawalle angheizt und gelenkt worden sind. "Von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt kommunizierten die Jugendlichen per Internet", zitiert ihn die "Süddeutsche Zeitung". Drei Blogger im Alter zwischen 14 und 18 Jahren wurden verhaftet. Seit Beginn der Unruhen hatten mehrere Weblogs unter anderem auf der Seite des Hörfunksenders "Skyrock" die Ereignisse kommentiert.
Empört reagieren französische Journalisten auf die Berichterstattung ausländischer Nachrichtensender, insbesondere aus den USA und aus Russland. Das russische Fernsehen zeige die Bilder brennender Autos mit einer "gewissen Genugtuung", heißt es in einem Bericht des Nachrichtenkanals LCI. Auf CNN werde gesagt, Fundamentalisten würden die Unruhen organisieren und Frankreich drohe ein Bürgerkrieg.
Robert Albertson, CBS-News-Reporter in Paris machte klar, dass er derartige Vereinfachungen ablehnt. Gegenüber AFP sagte er, man nenne die wahren Hintergründe der Unruhen. Es gehe nicht um Terrorismus, wie einige US-Sender berichteten, sondern um wirtschaftliche Probleme, Arbeitslosigkeit, Armut und Diskriminierung.
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH