Paris - Für viele Muslime stellen die umstrittenen Karikaturen "den Gipfel der Missachtung" dar, wie Mounia Bennani-Chraibi von der schweizerischen Universität Lausanne sagt. Die Zeichnungen vermittelten den Eindruck, der Islam sei "an sich terroristisch und pervers". Der Wissenschaftlerin zufolge wird nach Ansicht zahlreicher Muslime seit dem Golfkrieg im Völkerrecht mit zweierlei Maß gemessen, und zwar auch in Fragen der freien Meinungsäußerung. In muslimischen Ländern herrsche die Meinung vor, dass westliche Länder die "Sprache des Rechts benutzen, um sie zu manipulieren, damit sie weiterhin dominieren und schmähen können".
Die derzeitige Entrüstung in der muslimischen Welt habe "mit diesem Gefühl der Ungleichheit" zu tun und damit, für alles Übel der Welt verantwortlich gemacht zu werden, sagt Bennani-Chraibi. "Der Westen hat seinen sowjetischen Feind verloren und sich den Islam zum neuen Feind auserkoren", behauptet er.
Nach Einschätzung des französischen Nahost-Experten Olivier Roy sind zwei aktuelle Krisen verschmolzen: zum einen die der Muslime in Europa, die glauben, dass andere Religionen besser geschützt werden als ihre und die ebenfalls Anspruch auf einen rechtlichen Schutz erheben; zum anderen der Ärger und der Verdruss vieler Menschen im Nahen Osten.
Karikaturen nie gesehen
Länder wie Syrien, "die Rechnungen mit den Europäern zu begleichen haben", machen sich laut Roy die Demonstrationen zunutze. Die europäischen Länder "zahlen den Preis für ihre Einmischung in Krisenländern", sagt er und nennt als Beispiel die europäischen Reaktionen auf den Wahlsieg der radikal-islamischen Hamas in den Palästinensergebieten, Europas Engagement im Atomstreit mit Iran und Frankreichs "sehr harte Haltung" gegenüber Syriens Einfluss im Libanon.
Haizam Amirah Fernandez vom Königlichen Elcano Institut für Internationale und Strategische Studien in Madrid ist der festen Überzeugung, dass die meisten Muslime, die gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen demonstrieren, die Zeichnungen noch nie gesehen haben. "Sie haben nur Berichte gehört, dass der Prophet beleidigt wurde." Es müsse aber berücksichtigt werden, warum diese Berichte jetzt - mehr als vier Monate nach dem Erstabdruck der Karikaturen - veröffentlicht und verbreitet würden und welche Interessen damit verfolgt würden. "Wenn im Landesinneren die sozialen und politischen Spannungen zunehmen, versuchen einige Regierungen, diese gegen einen Feind von außen zu lenken", sagt Fernandez.
Antoine Basbous, Direktor der Pariser Beobachtungsstelle für Arabische Länder, stimmt dem Experten aus Madrid zu: "Regierungen, denen die Berechtigung fehlt, brauchen diese Krisen, um ihre Reinheit wiederherzustellen." Er verweist auf die Regierung in Syrien, die "in Schwierigkeiten" stecke und "Ablenkung" suche, und auf den Jemen, der für die weltweiten Proteste der Bahnbrecher gewesen sei. "Jede geschwächte Regierung wird die Leute auf die Straße treiben, um Punkte zu sammeln", sagt Basbous. Zu diesem Zweck würden die umstrittenen Karikaturen in den betroffenen Ländern auch gezielt eingesetzt.
Dominique Simon/AFP
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