14. Juli 2006, 14:59 Uhr

Raketen auf Israel

Flucht aus der Idylle

Aus Naharia berichtet Pierre Heumann

Die Raketen der Hisbollah haben das Leben im Norden Israels auf einen Schlag verändert. Aus der beliebten Sommerfrische Naharia, gerühmt als Ort mit europäischer Atmosphäre, ist eine Geisterstadt geworden.

Naharia - Monica Lehrer Zeidman wollte nur ihren Kaffee trinken, wie immer auf dem Balkon ihrer neuen Wohnung im neuen Stadtteil "Grünes Naharia", um die Morgensonne zu genießen. Doch wie sie sich, die Tasse in der Hand, gemütlich aufs grünliche Glasgeländer stützte, schlug jäh eine Katjuscha auf dem Dach ihres Hauses ein. Mit großer Wucht durchbrach das Geschoss die Decke über der Terrasse und traf die 40-jährige Frau. Sie war auf der Stelle tot.

Naharia, nur wenige Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt, wirkt wie eine Geisterstadt. Mit Lautsprechern fordern Polizeipatrouillen die Bevölkerung auf, in die Bunker zu gehen, bis zur Entwarnung. Viele haben die Stadt in Richtung Süden verlassen. "30 Prozent der 50.000 Bewohner haben sich abgesetzt", behauptet Chaim, der im Zentrum Naharias Wohnungen vermittelt. Auf der Ausfahrtsstraße in Richtung sicherer Süden sei es zu einem Verkehrsstau gekommen.

Viele hätten Koffer auf dem Dach gehabt, andere hätten sich keine Zeit gelassen, um vor dem Verlassen der Stadt das Nötigste zusammenzuraffen. Sie flüchteten Hals über Kopf vor den rund 100 Katjuscha-Raketen, die allein gestern im Norden niedergingen. Sie wollen erst wieder zurückkehren, wenn sich die Lage beruhigt hat – "und das kann noch lange dauern", meint Chaim.

Naharia, beliebte Sommerfrische mit einer "erholsamen, fast europäischen Atmosphäre" (Eigenwerbung), wurde vom Katjuscha-Hagel am stärksten getroffen. Die sonst voll besetzten Straßencafés auf dem Boulevard sind geschlossen, die Stühle stehen auf den Tischen, die Hotels sind leer. Nur ein kleiner Schnellimbiss und das Restaurant "Pinguin " sind geöffnet.

Eine Rakete sei am Morgen wenige Meter von ihrem Haus niedergegangen, sagt die Kellnerin im Pinguin: "Zuerst hörte ich ein laut pfeifendes Zischen, dann einen ohrenbetäubenden, die Erde erschütternden Einschlag." Aber sie weigert sich, in den Bunker zu gehen – "dort ist es eng und lärmig". Mosche, der den Schnellimbiss betreibt, weiß seine Familie in einem Bunker in Sicherheit und verkauft den zahlreichen Reportern, die live aus Naharia berichten, Cola und Sandwiches. "Statt Touristen bediene ich jetzt Medienleute", sagt er lachend.

Am Hagaaton-Boulevard, der Promenade der Küstenstadt, tummeln sich derzeit vor allem Journalisten und Politiker. Sie inspizieren das kegelförmige Loch der Rakete, die am frühen Morgen im Zentrum der Stadt niedergegangen ist. "Da haben wir nochmal Glück gehabt", meint Ami Soglobeck, dessen Familie eine im ganzen Land bekannte Wurstfabrik besitzt. Er zeigt auf das Loch und verlängert mit einer Handbewegung nach oben den Einschlagwinkel.

"Die Rakete ist genau zwischen die beiden Häuser geflogen", sagt er und weist auf zwei vierstöckige Gebäude. "Nur ein paar Meter haben uns vor einer Katastrophe gerettet." Deshalb gab es hier bloß Sachschaden: Das Café "Der alte Mann und das Meer" ist zerstört, die Scheiben der umliegenden Geschäfte in Trümmern, die herumstehenden Autos beschädigt. Glück war auch, so Soglobeck, dass die Rakete so früh am Morgen landete: "Wäre sie eine halbe Stunde später gekommen, hätte es hier wohl mehrere Tote gegeben."

Krisenstimmung im Spital

Politiker pilgern nach Naharia, um ihre Solidarität mit der Bevölkerung zu zeigen, vor allem aber um sich vor dem Hintergrund der Verwüstung medienwirksam präsentieren zu können. "Wir werden nicht tolerieren, dass eine israelische Stadt so aussieht wie jetzt Naharia", sagt zum Beispiel der Hardliner Effi Eitan ins Mikrofon, "die Hisbollah hat die rote Linie überschritten und ist für die Konsequenzen verantwortlich. Wir werden nicht ruhen, bis die Schiitenmilizen aus dem Südlibanon vertrieben sind." Was hier geschehe, so Eitan populistisch, sei der Beweis, dass es keine politische Lösung des Konflikts geben könne: "Vor sechs Jahren haben wir uns aus dem Libanon zurückgezogen, und das hier ist das Resultat", sagt er und zeigt auf das Bild der Zerstörung.

Wenig später kommt auch der Minister für innere Sicherheit, Avi Dichter, auf den Platz, wo gerade die Scherben weggewischt werden. "Die Hisbollah soll jetzt eine Lektion erhalten, an die sie sich während 60 Jahren erinnern wird ", meint der Polizeiminister, "wir werden es nicht zulassen, dass die libanesische Bevölkerung in Ruhe lebt, während wir im Bunker wohnen. Wenn sie unser Leben zur Hölle machen, sollen sie kein Paradies genießen".

Im Spital von Naharia herrscht Krisenstimmung. Viele Patienten liegen in der unterirdischen Abteilung – ein mit einer Betondecke verstärkter großräumiger Keller für 250 Menschen. Die Notklinik wurde von drei Jahren fertig gebaut und wird zum ersten Mal benutzt. Jetzt werden rund 40 Israelis verarztet, die durch Katjuschas verletzt worden sind. "Die Raketen trafen auf eine Wand, die einige Dutzend Meter von mir entfernt war", meint ein Patient, "die Fenster, die Türen, alles wurde zerschmettert, und die Splitter haben mich verwundet. Aber ich glaube, Gott hat mir geholfen, dass es nicht schlimmer gekommen ist."

"Wir fordern Vergeltung"

Die israelischen Angriffe auf den Libanon werden via Fernseher ins Krankenhaus von Naharia übertragen. "Wir müssen die Spielregeln im Libanon verändern", sagt ein 30-jähriger Polizist, den am Morgen ein Splitter am linken Fuß erwischt hat. Wie die "neuen Regeln" zu gestalten wären, weiß er freilich nicht. Nur so viel sagt er: "Hassan Nasrallah (der Hisbollah-Chef, d. Red.) hat bei seiner Ansprache geschwitzt. Und er weiß, dass er Grund zum Schwitzen hat." Und dann fügt er hinzu: "Wir fordern Vergeltung. Wir dürfen gegenüber den Libanesen, auch wenn sie leiden, kein Mitleid zeigen."

Inzwischen sitzen Sagi und Dalit vor dem Haus, in dem wenige Stunden zuvor Monica Lehrer Zeidman durch eine Rakete getötet wurde. Sie sind beide knapp 30 Jahre alt und haben einen dreijährigen Sohn. Weil die Polizei Entwarnung durchgegeben hat, haben sie den Schutzraum verlassen, "um ein bisschen Luft zu schnappen".

Seine Familie werde Naharia trotz der Risiken nicht verlassen, meint Sagi. "Man kann seinem Schicksal nämlich nicht entgehen", begründet er sein Bleiben, "der Terror kann einen auch in New York oder London treffen". Doch in der Politik gelte diese passive Losung nicht, doziert der beleibte Sagi, während sein Sohn auf dem Gehsteig spielt. Die Regierung habe die Bevölkerung vor Terror zu schützen. "Wir müssen deshalb wieder in den Süden des Libanon einmarschieren, für Ordnung sorgen und dann dort bleiben, für immer und ewig", fordert Sagi. Da widerspricht allerdings seine Frau Dalit, die bisher stumm daneben gesessen hat. "Dann müsste unser Sohn in 15 Jahren ja im Libanon stationiert sein. Das will ich nicht."

Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche"


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