20. Juli 2006, 18:12 Uhr

Hisbollah-Chef Nasrallah

"Wir lieben den Tod"

Von Philipp Wittrock

Israel macht Jagd auf Scheich Hassan Nasrallah: Der Führer der Hisbollah hat die Miliz nicht nur bis in die libanesische Regierung gebracht. Ihm gelang es auch, Schiiten und Sunniten im Kampf gegen Israel zu vereinen.

Hamburg - Das verbale Vorspiel zum Krieg zwischen Israel und der Hisbollah fand im Januar 2004 statt. Nachdem Israel im Austausch gegen einen gekidnappten Unternehmer und die Leichen israelischer Soldaten rund 430 Hisbollah-Kämpfer freigelassen hatte, rief Scheich Sajjed Hassan Nasrallah Tausenden jubelnden Anhängern in Beirut zu: "Künftig schnappen wir nicht nur tote Soldaten!" Und Ariel Scharon, damals israelischer Regierungschef, konterte: "Beim nächsten Mal werden wir mit bisher unbekannten Mitteln reagieren."

Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah: "Ein Werkzeug Gottes"
DPA

Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah: "Ein Werkzeug Gottes"

Vor acht Tagen wurde das düstere Szenario Wirklichkeit: Die Hisbollah verschleppte zwei israelische Soldaten - und Israel reagierte. "Ihr wolltet den offenen Krieg, also bekommt ihr ihn", tönte Hisbollah-Führer Nasrallah nur wenig später im hauseigenen TV-Sender al-Manar ("Der Leuchtturm") in bewusster Verklärung von Ursache und Wirkung. Dem gewieften Taktiker war sehr wohl klar, dass er den "zionistischen Feind" mit der lange geplanten Entführungsaktion, mit der er erneut Gefangene freipressen will, bis aufs Blut reizen würde. Doch der vorbehaltlose Kampf gegen Israel scheint dem Milizen-Chef den hohen Preis wert zu sein, den der Libanon nun dafür zahlen muss.

Nasrallah weiß: Trotz aller US-amerikanischen Solidaritätsbekundungen mit dem jüdischen Staat dürfte der Zeitpunkt kommen, an dem die internationale Gemeinschaft den Druck auf Israel erhöhen wird, die Angriffe einzustellen. Schon unmittelbar nach Beginn der Luftschläge meldeten etwa Frankreich und Russland Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der militärischen Reaktion an. Je größer das Leid der Flüchtlinge, je höher die Opfer unter den Zivilisten, um so eher geht seine zynische Rechnung auf. "Wir lieben den Tod", hatte Nasrallah, der eines seiner vier Kinder 1997 als "Märtyrer" im Kampf gegen Israel verlor, einmal im SPIEGEL-Gespräch erklärt.

Womöglich kann sich Nasrallah am Ende auch diesmal von seinen Anhängern als Sieger feiern lassen, der die Kühnheit besaß, der mächtigsten Militärmacht im Nahen Osten die Stirn zu bieten. So wie im Mai 2000, als Israel die jahrelange Besatzung des Südlibanons unter dem Druck der eigenen Verluste aufgab und Nasrallah unter den Schiiten der Region als Befreier galt. Mit dem offenen Kampf gegen Israel, das er gerne als "durch und durch terroristischen Staat" bezeichnet, hat der 46-Jährige einen neuen Höhepunkt seiner politisch-militärischen Karriere erreicht.

Demütiger Gottesdiener

Nasrallah wurde 1960 im schiitischen Basurije im armen Südlibanon geboren. Schon früh nahm sich Mohammed Hussein Fadlallah seiner an, bis heute das geistliche Oberhaupt der Hisbollah. In den siebziger Jahren beschäftigte sich Nasrallah intensiv mit dem Islam, er reiste nach Nadschaf im Irak, wo er gemeinsam mit dem späteren Hisbollah-Gründer und -Führer Abbas al-Mussawi lernte. Auch in der iranischen Stadt Ghom, Hochburg der schiitischen Geistlichkeit, studierte Nasrallah Theologie. Noch heute zeigt er sich stets mit Turban und im schwarzen Gewand des demütigen Gottesdieners, verkündet mit sonorer Stimme, nur "ein Werkzeug Gottes zu sein".

Unter starkem Einfluss Irans gründete sich 1982 im ostlibanesischen Baalbek die Hisbollah. Ihr Symbol: die nach oben gestreckte Faust mit Kalaschnikow, dazu der Koran und die Erdkugel. "Die Partei Gottes wird siegen", steht darüber. Die Mullahs in Teheran sorgten dafür, dass Nasrallah schon bald Führungsfunktionen übernahm, sie setzten auch durch, dass er im jungen Alter von 31 Jahren 1992 die Nachfolge des getöteten Anführers Mussawi an der Spitze der Hisbollah antrat. Seine erste Amtshandlung war die Rache für den israelischen Helikopterangriff auf seinen Vorgänger: Dutzende Menschen starben bei der Explosion einer Autobombe vor der israelischen Botschaft in Buenos Aires. Die Unterstützung Irans ist bis heute ungebrochen: 50 Millionen Euro soll das Regime in Teheran monatlich in den Süden Libanons transferieren.

"Die Hisbollah ist Teil des Libanon"

Neben dem Guerilla-Kampf gegen Israel ist es Nasrallah gelungen, die Hisbollah zu einer ernst zu nehmenden politischen Kraft im Libanon zu machen. 14 Abgeordnete sitzen heute im Parlament, die Partei ist Mitglied der Regierungskoalition und stellt einen Minister, ein weiterer steht ihr nahe. Indem er die Islamisten in die Regierung einbezog, wollte sich der libanesische Premierminister Fuad Siniora die Unterstützung der Schiiten des Landes sichern, die etwa 40 Prozent der Bevölkerung stellen.

Faktisch kontrolliert die Hisbollah ohnehin den gesamten Süden des Landes, sie hat ein Netz von Krankenhäusern, Sozialstationen und Armenküchen aufgebaut, besitzt neben dem eigenen TV-Sender auch Wochen- und Tageszeitungen. "Sie ist ein Teil des Libanon", sagt selbst der populäre anti-syrische Drusenführer Walid Dschumblat. Und nicht nur die libanesischen Schiiten unterstützen die Hisbollah; Experten glauben, dass ein lang anhaltender Konflikt die Hisbollah politisch noch stärken wird. "Bereits innerhalb von wenigen Tagen ist die Erinnerung verblasst, wer die Kämpfe initiiert hat", sagt die Beiruter Politikwissenschaftlerin Amal Saad-Ghorayeb. Auf eine Entwaffnung, wie sie die Uno-Resolution 1559 fordert, wird sich der der rund 2000 Kämpfer umfassende militärische Arm der Hisbollah weiterhin nicht einlassen.

Mit seiner vermeintlich furchtlosen Konfrontationsstrategie gegenüber Israel hat der Schiiten-Führer Nasrallah sogar unter den überwiegend sunnitischen Palästinensern Heldenstatus erreicht. Die Menschen im Gaza-Streifen skandieren seinen Namen, schwingen Hisbollah-Fahnen, Copy-Shops vervielfältigen das Bild des Milizen-Chefs tausendfach. Während etwa im Irak die sunnitische Minderheit die Schiiten mit blutigem Terror überzieht, überwindet Nasrallah mit dem gemeinsamen Feindbild Israel die konfessionellen Grenzen, die auf die frühesten Tage des Islam zurückgehen.

Gezielte Jagd auf Nasrallah

Nur kurze Zeit nachdem die Palästinenser mit der Entführung eines israelischen Soldaten eine militärische Reaktion der Israelis im Gaza-Streifen herauf beschworen, eröffnete die Hisbollah im Libanon mit der Verschleppung zweier Wehrpflichtiger ihrerseits die zweite Front. Als eine aus dem Libanon abgefeuerte Hisbollah-Rakete in der israelischen Hafenstadt Haifa acht Israelis tötet, jubelten im Gaza-Streifen die Menschen und verteilten als Zeichen ihrer Freude Süßigkeiten.

Der israelische Geheimdienst vermutet schon lange, dass die fundamentalistischen Gotteskrieger aus dem Libanon enge Beziehungen mit ihren islamistischen Kampfesbrüdern von der Hamas in den palästinensischen Gebieten pflegen und ausbauen. Frieden mit Israel könne es nicht geben, "solange Palästina vom zionistischen Feind besetzt ist", hatte Nasrallah schon vor Jahren geschworen.

Israel hat mit der Bombardierung von Hisbollah-Bunkern jetzt die gezielte Jagd auf den Milizen-Führer aufgenommen, in der Hoffnung, sein Tod könnte die Extremisten schwächen und die libanesische Regierung stärken. Bislang jedoch scheint Nasrallah dem Bombenhagel unbeschadet entkommen zu sein.


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