04. September 2006, 07:28 Uhr

Polen

Lammert will im Streit um Köhler-Rede vermitteln

Bundestagspräsident Lammert versucht den erhitzten polnischen Ministerpräsidenten Kaczynski zur Räson zu rufen. In einem Brief an seinen polnischen Kollegen, Parlamentspräsident Jurek, forderte er von Polen mehr Offenheit gegenüber der Geschichte.

Berlin - Norbert Lammert (CDU) formulierte in einem Brief an den polnischen Parlamentspräsidenten Marek Jurek: "Menschen, die persönlich schuldlos Opfer politischer Entwicklungen, staatlich veranlasster Verirrungen und Verbrechen geworden sind, haben einen Anspruch darauf, in ihrem Schmerz, mit ihrem Schicksal nicht alleingelassen zu werden." Dies gelte "für Polen wie für Deutsche", schrieb Lammert laut "Bild-Zeitung". Der Bundestagspräsident forderte von Polen mehr Offenheit gegenüber der Geschichte und betonte: "Nationale Erinnerung ist eine staatliche Aufgabe."

Polen und Deutschland haben ihren neuen Streitfall, der eigentlich ein alter ist. Ausgelöst wurde die Diskussion durch eine Rede von Bundespräsident Horst Köhler auf dem "Tag der Heimat": Dort hatte er die Vertriebenen dazu aufgefordert, die Ängste in Polen und Tschechien ernst zu nehmen. "Wir müssen geduldig vermitteln, dass es in Deutschland keine ernst zu nehmende politische Kraft gibt, die die Geschichte umschreiben will."

Der Besuch von Bundespräsident Horst Köhler auf dem Vertriebenentreffen gestern sei "eines dieser beunruhigenden Ereignisse, die in jüngster Zeit in Deutschland stattgefunden haben", kommentierte Polens Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski Köhlers Auftritt, als hätte er die Worte des Bundespräsidenten: "Lassen Sie uns miteinander reden statt übereinander" überhört. In Deutschland gebe es "eine große, vom Staat unterstützte Gruppierung, die sich unaufhörlich auf jene polnischen Gebiete bezieht, die einst zum 'Deutschen Reich' gehörten", wetterte Kaczynski.

Die Meinungen der Polen über die jüngsten Äußerungen des polnischen Premierministers lassen sich im Forum der Internetseite der Zeitung "Gazeta Wyborcza" ablesen. Darin heißt es unter anderem frustriert: "Die totale Isolation Polens ist vollendet", oder zynisch: "Wann kommt der Marsch nach Westen?" Viele der User verstehen die überzogenen Reaktionen auf die Rede Köhlers nicht und bezweifeln gar, dass Kaczynski sie tatsächlich gelesen hat. Köhler habe schließlich - und das ist den Polen wichtig – ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Ursache der Vertreibungen im deutschen nationalsozialistischen Regime gelegen habe.

Auch Journalisten der "Gazeta Wyborcza" beurteilen die Worte Köhlers positiv, da er den 1. September 1939 als Beginn der Vertreibungen genannt und den Akzent auf Integration der Vertriebenen und nicht auf die Erinnerung an deutsches Leid gesetzt habe. "Es ist traurig, dass die Reaktionen aus Warschau in deutschen Angelegenheiten heute an die Sitten der Volksrepublik erinnern, als ideologische Konfrontation Polen und Westdeutschland teilte", schreibt die Zeitung.

Die Berliner Ausstellung "Erzwungene Wege" war schon im Vorfeld auf heftige Kritik gestoßen. Viele Regierungspolitiker in Polen befürchten, dass Deutschland durch die Überbetonung des Leids der Vertriebenen die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu relativieren versuche.

agö/AFP


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