31. Oktober 2006, 18:04 Uhr

Chaos in Bagdad

Sadrs Schiiten-Miliz zwingt US-Soldaten zum Rückzug

Beispielloser Erfolg für den Schiiten-Geistlichen al-Sadr mitten in Bagdad: Seine Anhänger legten ein ganzes Stadtviertel lahm und zwangen den irakischen Regierungschef al-Maliki, den US-Truppen den Rückzug zu befehlen. Die Bevölkerung bejubelt den Abzug als Erfolg.

Bagdad - Alle Absperrungen und Kontrollposten der irakischen Streitkräfte und des US-Militärs müssten in Sadr City aufgehoben werden, ordnete Regierungschef Nuri al-Maliki heute an. Nur in den Nachtstunden oder im Notfall sollten die Maßnahmen gelten, die in der vergangenen Woche nach dem verschwinden eines US-Soldaten errichtet worden waren. Gemeinsame Sicherheitsaktionen mit den US-Streitkräften würden aber fortgesetzt.

Jubel über Aufhebung der Kontrollposten in Sadr City: "Kampagne des Ungehorsams"
AP

Jubel über Aufhebung der Kontrollposten in Sadr City: "Kampagne des Ungehorsams"

Wenige Stunden nach den Anweisungen des Ministerpräsidenten räumten die US-Truppen dann unter dem Jubel der Bewohner die Kontrollposten.

Der sunnitische Vize-Präsident Tarek al-Haschemi zeigte sich überrascht von der Entscheidung des Regierungschefs. Er warnte vor einem Wiedererstarken schiitischer Todesschwadronen, die nach sunnitischer Ansicht von der Mehdi-Miliz kontrolliert werden. Seit der US-Operation in Sadr-City habe sich die Sicherheitslage in Bagdad deutlich verbessert, sagte Haschemi.

Die Milizionäre hatten zuvor den Stadtteil abgeriegelt, um gegen die Sicherheitsoffensive zu protestieren. Über Lautsprecher hatten die Anhänger des radikalen Geistlichen die "Kampagne des Ungehorsams" verkündet. Daraufhin errichteten bewaffnete Milizionäre Straßensperren. Zahlreiche Geschäfte in Sadr City blieben geschlossen. Auch in anderen Teilen Bagdads schlossen sich schiitische Geschäftsleute dem Protest an und öffneten ihre Läden nicht.

Neue Gewaltakte in Bagdad: Anschläge, Entführungen

Bei einem Autobombenanschlag in Sadr City wurden drei Menschen getötet und fünf weitere verletzt. Die Sprengsatz detonierte am Morgen in der Nähe eines Restaurants und traf das Fahrzeug der drei Opfer, zweier Männer und einer Frau. Erst gestern waren in dem Viertel bei einem Anschlag 33 Menschen getötet und 59 verletzt worden.

Im Stadtteil Schaab steuerte ein Selbstmordattentäter sein Auto in die Gäste einer Hochzeitsfeier und tötete elf Menschen, weitere zwölf Menschen erlitten Verletzungen. Unter den Toten waren vier Kinder, teilte die Polizei mit.

Der Gewalt im Irak fielen im Oktober nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AP bereits mehr als 1170 Zivilpersonen zum Opfer. Damit war der Oktober der Monat mit dem meisten zivilen Opfern seit Beginn der Zählung im Mai vergangenen Jahres.

Die US-Streitkräfte meldeten den Tod zweier weiterer amerikanischer Soldaten. Damit stieg die Zahl der seit Anfang Oktober getöteten US-Soldaten auf 103. Nur drei Mal seit dem Einmarsch im März 2003 wurden in einem Monat mehr US-Soldaten getötet.

Nach Angaben der Polizei errichteten die mit Pistolen bewaffneten Extremisten in dem Ort Straßensperren. Sie stoppten 14 Autos und Minibusse, die auf dem Weg nach Balad und Dudschail waren. Alle Schiiten, die sich in diesen Fahrzeugen befunden hätten, seien von den Kidnappern verschleppt worden, hieß es. Angehörige anderer Konfessionen ließen die Extremisten sofort wieder frei.

Ähnliche Überfälle, bei denen die Entführungsopfer später ermordet wurden, hatte es in der gleichen Region bereits mehrfach gegeben. Sie hatten vor allem in der Ortschaft Balad eine Spirale von Gewalt und Rache zwischen Sunniten und Schiiten in Gang gesetzt.

Saddams Anwälte warnen Bush

Das Verteidiger-Team des irakischen Ex-Machthabers Saddam Hussein erklärte unterdessen in Amman, es habe einen Brief an US-Präsident George W. Bush geschickt, in dem es vor einer Eskalation der Gewalt im Irak warnt, falls Saddam zum Tode verurteilt werden sollte.

Der Anwalt Ziad Nadschdawi sagte, die Verteidiger hätten bislang keine Antwort auf den Brief erhalten. Saddam und sechs Mitangeklagte standen heute erneut wegen der Angriffe auf die Kurden in den Jahren 1987 und 1988 vor Gericht. Im ersten Prozess gegen Saddam wegen der Hinrichtung von 148 Schiiten im Jahr 1982 steht das Urteil noch aus.

als/AP/dpa


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