16. Oktober 2007, 11:27 Uhr

Bundeswehr in Afghanistan

Zum Dorfkick mit Splitterschutzweste

Das Konzept der Bundeswehr in Afghanistan ist einfach: Schulen bauen, Brunnen bohren - und hoffen, dass die Nachbarn Hinweise geben, wenn sich Terroristen einschleichen. Das klappt nicht immer. Aber meistens - beschreibt Susanne Koelbl in Folge Zwei ihrer vierteiligen Serie.

Masar-i-Scharif - Die Deutschen sind auffallend seltener Angriffen ausgesetzt als ihre Verbündeten. Was genau also macht die Bundeswehr anders als die Kanadier, die in Kandahar regelmäßig auf ihren Patrouillen mit Sprengfallen attackiert werden und Selbstmordanschläge erleiden? Was läuft besser als bei den Briten im südlichen Helmland, die dort unter Dauerbeschuss stehen?

Nichts machen die Deutschen besser, jedoch halten sie sich konsequent von allem fern, was Gefahr und Risiko bedeutet. Schon ihr Einsatzgebiet wählten sie, durchaus beherzt und glücklich früh, unter Sicherheitsaspekten aus: Im Norden leben so gut wie keine der fast ausschließlich paschtunischen Taliban. Das Kommandogebiet der Bundeswehr ist mehrheitlich von Volksgruppen besiedelt, die den westlichen Mächten eher wohlgesonnen sind.

Tadschikische und usbekische Kämpfer der sogenannten Nordallianz erzwangen Ende 2001 gemeinsam mit den Amerikanern und den Briten den Machtwechsel in Afghanistan. Als zweitgrößte Ethnie im Land sind die Tadschiken, wie die Minderheit der Usbeken, traditionelle Feinde der paschtunischen Taliban.

"Wir hassen die Taliban", sagt der tadschikische Teppichhändler Mohammed Tahir, der seinen Laden gegenüber der prachtvollen Blauen Moschee in Masar-i-Scharif betreibt, in der angeblich die menschlichen Überreste des Schwiegersohnes des Propheten, Ali Ibn Abu Talib, ruhen. Der magere Mann ist Anfang vierzig. Er trägt einen kleinen grauen Turban auf dem Kopf, sein schmales Gesicht ist jedoch, anders als bei den bärtigen Paschtunen, glattrasiert.

Der Kaufmann sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und verhandelt mit einem Geschäftspartner über eine Teppichlieferung aus Turkmenistan. Während der Herrschaft der extremistischen Koranschüler lagen Tahirs Geschäfte mit den Nachbarländern brach. Die Touristen blieben aus. Die Frauen durften das Haus nicht verlassen, und selbst die Bewegungsfreiheit der Männer war stark eingeschränkt, sagt Tahir und setzt ein grimmiges Gesicht auf. Nun aber seien die Taliban fort und die Deutschen hier, wenn er auch kaum je einen von ihnen zu Gesicht bekommen habe. Solange sie in Masar stationiert sind und hinter ihnen die Amerikaner stünden, kämen die Taliban wohl nicht zurück, grinst er dann.

Tatsächlich sind die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufschwung in den Nordprovinzen geradezu ideal: Das Kommandogebiet der Deutschen grenzt gleich an drei ehemalige Republiken der Sowjetunion, an Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan, außerdem an Pakistan und auch an China. Die Befreiung von den Taliban löste hier geradezu einen Boom aus.

Die Basare in Masar-i-Scharif, Kunduz, Faizabad, Andkhoy und Shibarghan sind voller Menschen. Es gibt Tee und Haushaltswaren aus dem Reich der Mitte, Gewürze und Öl kommen aus Pakistan, Waschmaschinen aus Dubai, Autos aus Iran und Emaillewaren und Kleidung aus Tadschikistan. An der Mukharabat-Kreuzung, einem Verkehrsknotenpunkt in Masar-i-Scharif, drängen sich Rikschas, Pferdekutschen und kleine Lastwagen. Die Ecke ist berühmt für ihre Eiscreme-Shops und das Schnellrestaurant "Taschkent", das in einer Nische am Verkehrskreisel Hamburger und Fritten anbietet. Internet-Cafés eröffneten, Dichterlesungen finden statt und die Universitäten sind gut besucht.

Überall werden mehrstöckige Häuser hochgezogen, Wasserleitungen gelegt, Elektrizitäts- und Telefonnetze installiert. Die Grundstückspreise steigen. Es geht sichtbar voran.

Die wichtige Verbindungsstraße in den gebirgigen Osten, die Kunduz mit dem abgelegenen Bergstädtchen Faizabad in der nordöstlichsten Provinz Badakhshan verknüpft, soll bald fertiggestellt werden. Der Asphalt auf der Verbindung zwischen Masar-i-Scharif und Shibarghan im Westen ist inzwischen fast so komfortabel wie auf der Bundesstraße zwischen Berlin und Neubrandenburg.

Ist die positive Entwicklung im Norden Afghanistans also eine Art deutsches Wirtschaftswunder? Kaum. Die günstige geografische Lage und die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung beflügelten die Region schon immer, wenn die Waffen einmal schwiegen. Die Deutschen begleiten hier Projekte, halten Kontakte in die Politik. Man weiß, dass sie hier sind und dieser psychologische Effekt ist vielleicht der wichtigste von allen. Denn sichtbar sind die Deutschen so gut wie nicht.

Das deutsche Feldlager liegt wie inzwischen alle Bundeswehr-Camps viele Kilometer außerhalb der Stadt. Mit seinen hohen Mauern erscheint es wie eine uneinnehmbare Wagenburg. Höchstens jeder fünfte Soldat verlässt während seiner viermonatigen Stationierung jemals Camp Marmal. Das Feldlager sei eben so eine Art "Flugzeugträger", die Nachschubbasis für das gesamte Nordgebiet, heißt es. Deshalb finden Patrouillen in Masar-i-Scharif nur zur "Eigensicherung" statt.

Generell gilt jedoch: Anders als im heiß umkämpften Süden, wo etwa die Kanadier nach jedem tödlichen Anschlag sofort wieder demonstrativ Präsenz zeigen und gegen den Feind vorgehen, ziehen sich die Deutschen nach Angriffen eher zurück. Am deutlichsten wurde dies nach dem Vorfall am 19. Mai auf dem Basar von Kunduz. Damals sprengte sich morgens in der Teestraße, der Rassta Chai Froshic, ein Selbstmordattentäter neben einer deutschen Patrouille in die Luft. Drei Bundeswehrsoldaten und sechs Afghanen starben. Seither sind die Deutschen auf belebten Straßen und Marktplätzen kaum noch zu sehen.

Die deutschen Soldaten verhalten sich viel vorsichtiger als die Streitkräfte anderer Nationen

Verlässt ein deutscher Soldat die sicheren Mauern, bewegt er sich doppelt so vorsichtig, wie Kameraden jeder anderen Nation. Beim Fußballspiel mit den Afghanen behalten die Bundeswehrsoldaten angeblich sogar stets ihre 15 Kilo schwere Splitterschutzweste an. Beim Spiel gegen die Straßenfußballer des nahe am deutschen Lager gelegenen Ortes Qala-e-Gul verlor die schwarz-rot-goldene Elf glatt mit fünf zu eins.

Doch der blonde Luftwaffen-Unteroffizier Björn M. aus Jever bat den Malik, den Bürgermeister, von Qala-e-Gul nach der Niederlage immerhin sofort um eine Revanche. Denn als zuständiger "Dorffeldwebel" von Qala-e-Gul soll er gerade zu diesem Ort gute Beziehungen halten.

Denn Qala-e-Gul liegt nur etwa fünf Kilometer vom Feldlager entfernt, also auch vom Flughafen, den die Deutschen betreiben. Fünf Kilometer, das ist auch die Reichweite der sogenannten Manpads, infrarotgesteuerte Bodenluftraketen, die startende und landende Flugzeuge bedrohen. Insgesamt liegen acht Orte im gefährlichen Sektor und jeder von ihnen wird von einem anderen deutschen Dorffeldwebel betreut.

Der Malik hat grünen Tee aufgetischt, dazu gibt es frische Melone und Mandeln. Der 26-jährige Familienvater Björn M. führt die Unterhaltung in monotonem Stakkato, ein Dolmetscher übersetzt: "Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Wie läuft es mit dem Mauerbau der Schule? Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?".

All das gehört zum Sicherheitskonzept der Bundeswehr. Schulen bauen, Brunnen bohren und hoffen, dass die Afghanen im Gegenzug Hinweise geben, wenn sich Fremde einschleichen, die womöglich Anschläge planen.

Nicht immer klappt das. Aber meistens.

Nur: Was eigentlich haben die Afghanen davon, wenn sich die Bundeswehr so aufwendig vor allem um ihre eigene Sicherheit kümmert? Und muss der deutsche Militäreinsatz wirklich jährlich eine halbe Milliarde Euro kosten, während in den zivilen Aufbau gerade mal 100 Millionen Euro investiert werden? Wenigstens gleich viel sollte es sein.

Ein einziger Vertreter des Bundesentwicklungsministeriums sitzt im Hauptquartier der Bundeswehr in Masar-i-Scharif, unterstützt von gerade mal einer Handvoll deutscher Aufbauhelfer. Lothar Zimmer ist ein kleiner, kompakter Mann mit dunkelblondem Haar. Gerade kommt er von einer Tour in sein Büro in Camp Marmal zurück. "Das schönste Land ist das hier," sagt er, "und so viel zu tun!"

Zimmer ist ein Energiebündel.

Der leidenschaftliche Entwicklungshelfer bewegt sich, anders als die Soldaten, völlig frei in der Provinz Balkh und knüpfte nach einigen Monaten bereits beachtliche Kontakte mit lokalen Hilfsorganisationen. Neunzig Kilometer südwestlich von Masar-i-Scharif, in den Bergen, plant Zimmer Trinkwasserprojekte, Mädchenschulen und Krankenstationen.

Eigentlich ist Zimmer schon pensioniert. Doch gern ließ sich der 67-jährige Trierer noch einmal anheuern für diesen Job, für den sich offenbar kein anderer bewarb. Wer will schon nach Afghanistan?

Im Norden fügt sich vieles selbst, was in anderen Regionen des Landes undenkbar wäre. Einiges deutet jedoch darauf hin, dass dies nicht so bleiben muss.


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