Aus Mandalay berichtet Jürgen Kremb
Mandalay – Den Ernst der Lage begriff Lu Maw, 56, erst richtig, als er schon in einem Militärjeep mit verdunkelten Scheiben eingesperrt war. Neben ihm saß ein völlig verängstigter Mann, offenbar ein Mitgefangener, dem man eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen hatte. Einer der Kidnapper nahm Lu Maw in den Polizeigriff. Dann begann das nächtliche Verhör.
Als Mitglied der regimekritischen Komödianten-Gruppe "Schnurrbart-Brüder" ist Lu Maw wahrlich Schikanen und Übergriffe durch die Geheimdienstler von Burmas Militärjunta und ihren Milizen gewohnt. Aber der nächtliche Entführungsversuch durch drei raubeinige Männer in Zivil vor gut zwei Wochen jagte dem zierlichen Mann mit dem weißen Schnauzbart Todesangst ein. "Ich dachte zuerst, die wollen mich umbringen", sagt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE in seinem Haus an der 39. Straße in der nordburmesischen Millionenstadt Mandalay.
Darüber, dass er den Vorfall unbeschadet überstanden hat, kann er sich allerdings nicht freuen. Der Künstler kam zwar schnell wieder frei, doch verschleppten die Schergen des gefürchteten Geheimdienstes "Special Branch" noch in derselben Nacht seinen älteren Bruder Par Par Lay, 60. Von dem Komödianten fehlt seitdem jede Spur.
Die Junta scheint es kaum zu stören, dass der Weltsicherheitsrat die Menschenrechtsprobleme in Burma scharf verurteilt hat. Genauso wenig wie die Ermahnungen der Gemeinschaft Südostasiatischer Staaten (Asean), die Militärs sollten endlich einen Dialog mit der geknechteten Opposition aufnehmen. "Jede Nacht werden weitere Menschen verschleppt", sagt Lu Maw.
Überfall in der Nacht
Weil die Schnurrbart-Brüder zu den prominentesten Dissidenten der ehemaligen Königsstadt gehören, standen sie ganz oben auf der Fahndungsliste des Regimes. Am einfachen Holzhaus der Komödianten schnappten die Häscher am 25. September zu, kurz vor Mitternacht. "Ich saß noch im Eingang unseres Hauses, als drei Männer aus der Dunkelheit der Straße hereinstürmten und mich in ihr Auto zerrten", sagt Lu Maw. Es waren die Tage, in denen die Proteste der Mönche in zahlreichen burmesischen Städten auf den Höhepunkt zutrieben. In Mandalay schlossen sich die Schurrbart-Brüder den Demonstrationen an.
Die professionellen Possenreißer hatten aus ihrer Unterstützung für die Oppositionspartei, die "Nationale Liga für Demokratie" (NLD), nie einen Hehl gemacht - und dafür schon einmal schwer büßen müssen. Es war am 4. Januar 1996, dem Unabhängigkeitstag des südostasiatischen Landes. Par Par Lay, der eigentliche Kopf der Gruppe, und sein Vetter Lu Zaw waren in das Haus der NLD-Führerin Aung San Suu Kyi nach Rangun eingeladen. Künstler und Musiker aus dem ganzen Land waren zu Gast. Par und Zaw taten das, was sie besonders gut können: Sie rissen urkomische Witze über die desolate Lage der Wirtschaft, spotteten und ätzten über die regierenden Generäle, witzelten über die Korruption im Land. Das ist nicht ungefährlich. Burmas Generäle haben keinen Humor. Als die beiden Clowns zuhause ankamen, wartete schon der Geheimdienst auf sie.
Für die kommenden sieben Jahre verschwanden die beiden Künstler in dem gefürchteten Gulag-Systems des südostasiatischen Landes. Die Zustände dort sind grausam. Ständig mit Fußeisen gefesselt, mussten sie Steine klopfen, Äcker pflügen und Straßen planieren. Erst nachdem sich weltweit prominente Künstler wie der italienische Schriftsteller und Dramaturg Dario Fo für die beiden Kollegen aus Burma einsetzten, kamen sie wieder frei.
"Sie warfen mich einfach auf die Straße"
Es war eine Freiheit mit Auflagen. Öffentlich durften sie nicht mehr auftreten. Hunderte Zuschauer hatten sich früher zu ihren Ulkshows versammelt. Jetzt hielten sie sich mit Vorstellungen vor Touristen über Wasser.
Dazu zimmerten sie in ihrem Haus eine Bühne aus Holzpaletten zusammen. Auf Englisch und gegen die "Solidaritätsgebühr von fünf Dollar" machten sie in ihrem Wohnzimmer allabendlich Witze über "Burmas KGB" und die Unzulänglichkeiten des korrupten Überwachungsstaates ("1984 ist jedes Jahr hier"). Sie führten Folkloretänze auf und verkauften T-Shirts. Das garantierte ein karges Überleben.
Ungebrochener Wille zum Widerstand
Ihr Wille zum Widerstand blieb ungebrochen. An der Wand hängen Bilder der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. Als sie einmal kurz nicht unter Hausarrest stand, reiste sie unter anderem nach Mandalay und stattete den mutigen Clowns einen Besuch ab. Ein Ereignis, zu dem mehr als 2000 Schaulustige und Sympathisanten vor dem Haus der Schnurrbartmänner ausharrten, um einen Blick auf die Ikone des Freiheitskampfes in ihrer Heimat zu erhaschen.
Spätestens seither sind die drei Schnurrbart-Brüder unter intensiver Beobachtung - sie gelten dem Regime als Risiko, vor allem Par Par Lay. "Im ersten Moment dachte ich, jetzt holen mich die Geheimdienstler ab, weil ich sie immer lächerlich gemacht habe", sagt Lu Maw über die Nacht seiner Entführung. Tatsächlich wollten die Geheimdienstler von ihm wissen, wo Bruder Par Par Lay steckt. Er war in jener Nacht im Gemeinschaftshaus seines Wohnbezirks, kochte Reis und Gemüse - Almosen, die er am kommenden Morgen den protestierenden Mönchen spenden wollte. "Als sie Par Par Lay gefunden hatten, warfen sie mich einfach auf die Straße, zogen ihm eine Kapuze über den Kopf und verschwanden in der Nacht", sagt Lu Maw.
Wo Par Par Lay nun ist - keiner aus seinem Umfeld weiß es. Seine Frau suchte erst Polizeistationen in ihrem Wohnbezirk ab, dann das Zentralgefängnis von Mandalay und schließlich das Hauptquartier der "Special Branch", um ihrem Mann frische Kleidung und Nahrung zu bringen. Aber überall erhielt seine Frau die gleiche Antwort: "Wir kennen ihren Mann nicht."
Par Par Lay braucht dringend Medikamente, denn seit seiner letzten Haftzeit leidet er an schweren Hauterkrankungen. Die Inhaftierten bekommen nicht genug zu essen.
Lu Zaw und Lu Maw, die zurückgebliebenen Schnurrbart-Brüder, sind traurige Clowns dieser Tage. Sie fürchten, ihren Bruder und Vetter, Par Par Lay, Burmas mutigsten Clown nie mehr wieder zu sehen.
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