02. Januar 2008, 13:15 Uhr

US-Vorwahl in Iowa

Das Obama-Girl

Von Gregor Peter Schmitz, Winthrop

Barack Obama geht als Favorit in die Vorwahlen der US-Demokraten. Er ist der Kandidat des Wandels, auch in der Außenpolitik. Geprägt hat ihn eine junge, unkonventionelle Harvard-Professorin. Wer seine Rhetorik verstehen will, muss Samantha Power kennen.

Winthrop - Weihnachten ist vorbei, aber nicht in diesem winzigen Café in Bostons Vorort Winthrop. Rote Socken baumeln vom Kamin, an den Wänden kleben fromme Wandsprüche, gereicht wird warmer Strudel. Es ist ganz ruhig, nur ein paar Weihnachtsmelodien plärren sanft im Hintergrund. Bis Samantha Power reinstürmt.

Samantha Power: Nahkampf mag sie

Samantha Power: Nahkampf mag sie

Ihre hellblauen Augen sind gerötet, die langen roten Haare flüchtig im Pferdeschwanz gebändigt. Drei Nächte hat sie nicht geschlafen, weil sie an einem Stück für den "New Yorker" über das Versagen der Amerikaner und der Uno im Irak geschrieben hat. Zufall oder nicht, Power setzt sich direkt unter den Wandspruch: "Nur wer riskiert, zu weit zu gehen, kann herausfinden, wie weit er gehen kann." Sie fängt sofort an, vom Irak zu sprechen, und in ihren ersten Sätzen kommt gleich viermal "Fuck" vor. Die anderen Gäste schrecken aus ihrer Weihnachtsbehaglichkeit hoch, aber das scheint Power nicht recht zu bemerken.

Sie ist jetzt zu beschäftigt damit, von Barack Obama zu reden. Wie der in der letzten Umfrage vor der ersten Abstimmung in Iowa Hillary Clinton um sieben Punkte enteilt ist. Dass er einen ganz neuen Stil in den amerikanischen Wahlkampf gebracht hat. Sie beißt in einen Cookie, seufzt wohlig. "Wir sehen gerade, wie Geschichte gemacht wird."

"Jeanne d'Arc" der US-Außenpolitik

Die Leute ringsum gucken immer noch. Sie sind ja einiges gewöhnt in diesen Tagen, in denen nicht nur die Kandidaten in die kleinen US-Vorwahlstaaten einfallen - sondern auch ganze Heerscharen von Beratern. Und doch fällt Power auf. Sie ist groß, sie spricht laut. Leidenschaft strömt aus jeder Pore. In Washington nennen sie manche die "Jeanne d'Arc" der US-Außenpolitik. Andere gehen weiter: sie sei deren Gewissen. Normalerweise ein ziemlich lautes Gewissen.

Aber an diesem Nachmittag im Café wirkt Power eher wie ein verliebtes Mädchen, das von ihrem Schwarm berichtet: Obama. Seit 2006 arbeitet sie als seine außenpolitische Beraterin. Sie kramt ihr Handy heraus, sucht nach den Textnachrichten. Sie hat ihm vor ein paar Tagen nach einem Wahlkampfauftritt in South Carolina geschrieben. Er textete gleich zurück: "Wie geht es Dir?" Ihre Antwort: "Für Dich Wahlkampf zu machen, ist die beste Sache, die ich je gemacht habe."

Dabei hat sie schon eine Menge gemacht, mit gerade 37. "Anna Lindh Professor for Global Leadership" an Harvards Kennedy School of Government ist sie, mit 33 hat sie einen Pulitzerpreis gewonnen - für ihr Buch "A Problem from Hell" über die Frage, warum die USA auf Genozide langsam oder gar nicht reagierten. Das speiste sich aus ihren Erfahrungen als freie Journalistin in Bosnien, mit Anfang 20, mitten im Balkankrieg. Der damalige US-Verhandler Richard Holbrooke erinnert sich daran, wie sie ihn mit Textnachrichten zu verschleppten Journalisten oder neuen Massakern bombardierte. "Auf einmal war da ständig dieser große Rotschopf. Es gibt ganz wenige Leute mit so einer enormen Leidenschaft."

Gemeinsame Sache mit George Clooney

Mittlerweile schreibt Power neben ihrer Harvard-Professur Kolumnen für "Time", für den "New Yorker", für die "New York Times". Sie reiste nach Darfur im Sudan, wo ein Genozid tobt und sie über Leichen stolperte - und sprach über ihre schockierenden Entdeckungen vor Zehntausenden in Washington und vor dem Uno-Sicherheitsrat. Mit George Clooney drehte sie einen Film über ihre Sudan-Odysee.

Nur von der Washingtoner Partei-Gemengelage hielt sie sich lange fern. "Bis Obama fragte", lacht Power. Sie witterte die Chance, US-Außenpolitik nicht mehr nur noch in der Theorie zu verändern. 2005 nahm sie schon ein Jahr Auszeit von der Uni und arbeitete in Obamas Senatsbüro. Doch bei einem Treffen am Ende dieser Zeit wirkte sie nachdenklich. Sie saß in einer Bar in der Nähe des Harvard-Campus, bestellte noch ein Bier und klang ernüchtert. Sie hatte geschafft, ihn für Themen wie Darfur zu begeistern - aber sie musste auch lernen, was für Widerstände es in Washington geben kann. Viele Freunde hatten sie, die Idealistin, gewarnt. "A Problem from Hell" handelt genau davon, wie selbst gut meinende Menschen nicht durchdringen mit ihren Appellen für Menschenrechte in schwerfälligen Beamtenapparaten. Wie sie leicht als überemotionale Gutmenschen abgestempelt werden. Und Power ist emotional: Wenn sie an der Kennedy School in der letzten Stunde ihres Kurses zu "moralischen Herausforderungen der US-Außenpolitik" ihre Studenten verabschiedet, schießen ihr die Tränen in die Augen - während sie ihnen auf den Weg gibt, sie sollten sich trauen, für das Gute zu kämpfen. Dafür, dass Menschenrechte genauso nationale Interessen werden wie Wirtschaftswachstum oder Sicherheit. Manche ältere Harvard-Professoren - etwa Kalte-Krieg-Haudegen, die zu Nuklearwaffen forschen - verdrehen darüber schon mal die Augen.

Aber Power hat sich dennoch auf den Wahlkampf eingelassen. Auf die zynischen Machtspiele in Washington. Und dass ihre Rolle in Obamas Team, wie einem viele Wahlkampfexperten bestätigen, in den vergangenen Monaten immer bedeutsamer geworden ist, sagt viel aus über die ungewöhnliche Offenheit des Kandidaten. Powers Überzeugung, dass es eine andere, eine prinzipientreuere Form der US-Außenpolitik geben muss, hat den Weg geebnet für Obamas Sätze vom "change", vom Wandel - die er in Abgrenzung etwa zu Hillary Clinton verwendet, die gerade im Umgang mit dem Rest der Welt ihre reichere Erfahrung betont. Denn Außenpolitik spielt in diesem Wahlkampf eine größere Rolle als sonst in den USA. Vor allem als Charaktertest für die Kandidaten. In diesen Tagen vor den Iowa-Wahl sind diese Abgrenzungsversuche bei fast jedem Auftritt von Obama und Clinton zu beobachten. Clinton versucht etwa die Ermordung von Benazir Bhutto als Beispiel dafür zu deuten, dass man Erfahrung im Weißen Haus brauche, um auf solche Krisen zu reagieren. Obama sagt bloß: "Die herkömmliche Außenpolitik hat uns erst in solche Krisen geführt."

Obamas Suche nach Balance zwischen Sicherheit und Moral

Wie sehr diese Worte auf Powers Einfluss zurückgehen, ist nachzulesen in einem Memo aus dem August vorigen Jahres. Auslöser war eine der ersten Wahlkampfdebatten im Juli. Da hatte sich Obama mit Clinton darüber gestritten, ob ein US-Präsident mit Diktatoren sprechen dürfe. Er meinte, es sei idiotisch, das nicht zu tun - sie schalt ihn dafür als naiv. Und Power erinnert sich: "Obama rief mich am Tag danach an und sagte: 'Ich hab das Gefühl, sie hat das nur gesagt, weil sie glaubte, man müsse das sagen. Das ist der Unterschied zwischen uns. Lass uns darauf aufbauen.'"

Also schrieb Power mit Kollegen ein Memo. Darin stehen Sätze wie: "Obama hat davor gewarnt, ein dummer, überstürzter Krieg mit dem Irak führe zu einer Besatzung von unbestimmter Länge, mit unbestimmten Kosten, mit unbestimmten Konsequenzen. Herkömmliches Denken war falsch, Barack Obama hatte Recht." Oder: "Viele Jahre war es 'herkömmliches Denken', dass die USA nicht mit Feinden sprechen, weil es diesen helfen würde. Hier das Ergebnis: Die aktuelle Lage in Iran, Syrien, Nordkorea. Das Nicht-Reden hat nicht funktioniert. Barack Obama hatte Recht. Das herkömmliche Denken in Washington war falsch. Es ist Zeit, eine neue Seite aufzuschlagen."

Obama hat in den vorigen Monaten diese Sätze immer wieder gesagt. Und sie haben ihn an die Spitze der Umfragen getragen. Weil es vordergründig um Außenpolitik geht - aber eigentlich um viel mehr. Um eine überzeugende Balance zwischen Sicherheit und Moral. In der Amerika stark gegen Terroristen bleibt, aber seine Werte nicht verrät.

Obamas Dilemma

Es ist vielleicht der schwierigste Spagat für den Kandidaten Obama. Denn "change" auszumalen allein reicht nicht - mehr Entwicklungshilfe, bessere Kooperation mit Europa, die Schließung von Guantanamo. Er muss daheim eben auch stark wirken im Kampf gegen den Terror. Joseph Nye, ein Harvard-Professor, hat den Begriff "soft power" geprägt - um den Einfluss zu messen, den Nationen haben, ohne Gewalt nutzen zu müssen. Obama - ein Schwarzer, der einige Jahre im muslimischen Indonesien gelebt hat - könne diese "soft power" erhöhen wie sonst nichts, sagt Nye. Aber dann exerziert er eine Fallstudie zu einer internationalen Krise durch und meint: "Am Ende würde ich mich doch für den Kandidaten mit mehr Erfahrung entscheiden." Also für Clinton. Genau das ist Obamas Dilemma.

Power aber glaubt, dass die Zeit für sie arbeitet - und verweist auf die Umfragen. "Im Sommer 2004 kannte noch niemand Obama", sagt sie lebhaft. Und jetzt? "Ist es ein echtes Rennen zwischen Hillary und ihm." Sie glaubt, je mehr die Leute von Obama sehen, desto mehr vertrauen sie ihm.

Auch Power tritt für Obama im ländlichen Iowa auf. Sie merkt, dass da andere Fragen kommen, zur Gesundheitsreform, zum Arbeitsmarkt. Darüber weiß sie wenig. Manchmal sind nur zwanzig Leute im Saal, einfache Leute mit harten Gesichtern. Von außenpolitischen Visionen halten die nicht so viel.

Respekt vom Gegner

Doch die Professorin kann hartnäckig sein. Nahkampf mag sie. Sie hat früher Basketball gespielt, weil sie so groß ist. "Tower of Power" war ihr Spitzname. George Clooney schreibt in einer E-Mail, dass er Power beim Basketball schon einmal fast den Finger gebrochen hat, weil sie so eine harte Gegnerin war. Sie ist ein Red Sox-Fan, was im US-Baseball lange so war wie bei uns Schalke-Fan zu sein. An ihrem Pulitzer-Buch hat sie sechs Jahre lang nachts geschrieben - und tagsüber die Heizung im Uni-Büro schon hochgestellt, damit sie später keine kalten Füße bekommt. Also spricht sie zu den zwanzig skeptischen Zuhörern in Iowa dann eben nicht über Sudan oder Pakistan - sondern darüber, wie Obamas "change" und sein neuer Politikstil auch ihre Rente oder ihre Krankenversicherung verändern kann.

Wenn Obama gewinnen würde, sagen viele in Washington, könnte Power einen sehr hohen Posten in der Regierung bekommen. Selbst die Rivalen wissen, was der an ihr hat. Eine E-Mail von Richard Holbrooke, jetzt außenpolitischer Chefberater von Erzrivalin Hillary Clinton, leuchtet im Café auf dem Blackberry. Sekunden bevor das Taxi hupt.

Sie lässt es warten. Denn sie erzählt gerade mit Händen und Füßen von dem Spendenkonzert für Sudan, das sie neben dem Wahlkampf noch organisiert hat. Von ihren Studenten, von denen viele Obama im Wahlkampf helfen. Gerade bat eine von denen sie um ein Empfehlungsschreiben. Es müsse mehr Aufrechte geben im Kampf für Menschenrechte, schrieb sie darin, für eine bessere Rolle der USA in der Welt. Sie muss selbst über sich lachen, als sie es erzählt. Das kurze Schreiben ist ihr schon wieder wie eine Kampfschrift geraten.

Aber da ist sie schon aus der Tür. Für sie geht der Kampf weiter. Auch ohne Obama. Aber am liebsten mit ihm.


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